„Wer zu viel tut, wird niemals reich“

GELD Susan Levermann managte den erfolgreichsten Aktienfonds Deutschlands. Dann stieg sie aus. Ein Gespräch über Monopoly, Schmerzen und Erfolgsrezepte

INTERVIEW ULRIKE HERRMANN
UND GEORG LÖWISCH

taz: Frau Levermann, wie wird man ohne Anstrengung reich?

Susan Levermann: Kaufen Sie Aktien und folgen Sie den Regeln in meinem Buch. So können Sie relativ sicher 20 bis 30 Prozent Rendite im Jahr machen.

Was ist der Mindestbetrag? Der niedrigste Chip im Casino?

Man sollte schon mit 20.000 Euro anfangen. Wenn man zehn Aktien kauft, kann man pro Aktie 2.000 Euro investieren, dann sind auch die Handelsgebühren nicht so hoch.

Man muss aber bereit sein, diese 20.000 Euro zu verspielen?

Ein Verlust droht nicht, aber man muss bereit sein, das Geld für drei bis fünf Jahre nicht zu brauchen. Wenn zwischendurch die Waschmaschine kaputtgeht, darf man nicht auf diese 20.000 angewiesen sein.

Letztes Jahr haben etliche Kleinanleger ihre Altersversorgung verloren. Und dann sagen Sie: „Ein Verlust droht nicht.“

Die Sicherheit leitet sich aus der Checkliste ab, die ich in meinem Buch empfehle: 13 Kriterien wie Eigenkapitalrenditen, Margen und Eigenkapitalquoten.

Und die Checkliste muss man für jedes Unternehmen abarbeiten. Klingt langweilig.

Ist es auch. Man muss sich von diesem Bild der Börse verabschieden, dass der Händler morgens beim Zähneputzen die Kurse checkt und dann im Auto die erste Order aufgibt. Stattdessen muss man ganz klare Regeln befolgen. Dann ist es vielleicht alle zwei oder vier Wochen nötig, die Aktien umzuschichten.

Wie viele Händler an der Börse verfolgen Ihr Prinzip?

Man nennt uns quantitative Fondsmanager – in Deutschland vielleicht zehn Prozent.

Und 90 Prozent der Fondsmanager haben keine Ahnung?

Ich würde sagen, 90 Prozent der Fondsmanager beschäftigen sich in 80 Prozent der Zeit mit Dingen, die nicht relevant sind.

Strengt es nicht an, im Liegestuhl zu warten, dass die Aktien steigen?

Herkunft: Die heute 36-Jährige wuchs in Cottbus auf. Vater Professor für Bauphysik, Mutter Mathematiklehrerin. Ihr Abitur machte Susan Levermann auf einem Spezialgymnasium für mathematisch Begabte in Rostock.

Aufstieg: Nach Banklehre und Ökonomiestudium Junior Fonds Manager bei der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Dort verwaltete sie 1,7 Milliarden Euro mit eigener Strategie. 2008 als Fondsmanagerin ausgezeichnet: für den besten deutschen Aktienfonds über ein und drei Jahre.

Umstieg: 2008 kündigte sie bei der DWS und unterrichtete Mathematik an einer Gesamtschule in Ostberlin. Im März erschien ihr Börsenratgeber „Der entspannte Weg zum Reichtum“ (Hanser), der ihre persönliche Anlagestrategie erläutert. Seit Neuestem arbeitet sie im „Carbon Disclosure Project“, das Daten zum Klimaschutz von Unternehmen sammelt.

So ist das Leben. Sie kriegen nichts umsonst. Man kann nur mit Disziplin reich werden. Man muss Langeweile aushalten. Wer zu viel tut, wird niemals reich.

Haben Sie noch Aktien?

Ja. Ich lege die nach meinem System an, aber ich achte auch auf ethische Kriterien. Ich würde zum Beispiel keine Thyssen-Aktien oder Rheinmetall kaufen.

Wenn alle Ihr Buch lesen und Ihren Regeln folgen, würden ja alle und keiner gewinnen.

Völlig richtig. Jedes System, das von allen genutzt wird, funktioniert nicht. Aber weil Disziplin so schwer ist, weiß ich, dass dieser Fall nicht eintreten wird.

Sind Sie Millionärin?

Nein. Dazu war ich nicht lange genug in der Branche.

Sie meinen, das perfekte System zu haben, und dann besitzen Sie nicht mal eine Million Euro?

Nein. Als ich die DWS verlassen hatte, habe ich einen Teil des Geldes gespendet.

Sie sind in Cottbus groß geworden. Welche Rolle spielte damals Geld?

Als die Wende kam, war ich fünfzehn. Das Problem in der DDR war, dass selbst wenn Sie Geld hatten, Sie sich nicht unbedingt etwas kaufen konnten. Reichtum spielte keine Rolle. Das Einzige, was aus dem Westen rübergeschwappt ist, war ein selbst gebasteltes Monopoly – das wurde dann heimlich gespielt.

Ihre Anlagestrategie besteht aus einem Computermodell. Waren Sie damals gut in Mathe?

Ich war auf einem Spezialgymnasium für mathematisch Begabte und habe als Kind immer bei Mathematik-Olympiaden mitgemacht. In der zehnten Klasse habe ich es sogar bis zur DDR-Olympiade geschafft – da wurde ich aber Vorletzte.

Dabei war es Ihnen wichtig, Beste zu sein.

Ja, das war immer mein Lebensmotto. Auf dem Gymnasium habe ich aber gemerkt, dass ich in Mathe nicht bei den Allerbesten bin – dafür aber in der Breite relativ gut. Deswegen habe ich dann BWL studiert. Aber es hat mich nicht ausgefüllt, und ich habe zur Volkswirtschaftslehre gewechselt. Dieser Blick von oben hat mich noch mehr interessiert.

Aber warum wollten Sie nach dem Studium ausgerechnet Fondsmanagerin werden?

In der Zeit vom Neuen Markt hatten Freunde von mir viel Geld an der Börse gemacht. Mein damaliger Freund und ich haben angefangen zu spekulieren – was zunächst super funktioniert hat. Dann kippte der Markt und 6.000 Mark waren weg. Das hat mich gefuchst. Ich wollte verstehen: Wie kann man an der Börse Gewinn machen? Also habe ich mich als Junior Fonds Manager bei der DWS beworben, die zur Deutschen Bank gehört.

Sie waren 26 und hatten plötzlich ein hohes Gehalt.

Na ja, am Anfang hatte ich ein ganz normales Gehalt. Aber am Jahresende habe ich dasselbe als Bonus obendrauf bekommen – da war ich natürlich total glücklich.

Was macht man mit diesem neuen Reichtum?

Wir hatten eine normale Drei-Zimmer-Wohnung. Gut, vom ersten Bonus haben wir uns ein gebrauchtes Cabrio gekauft.

Und als Gegenleistung waren Sie rund um die Uhr im Dienst der DWS?

Anfangs habe ich zehn Stunden am Tag gearbeitet, wobei gar nicht die Arbeitszeiten das Problem waren, sondern der Druck. Weil an den Börsen dauernd was passiert, bewegen sich die Fonds permanent. Ich kann in jeder Sekunde ablesen, wo ich in der internen Bundesliga stehe. Der Anspruch der DWS ist es, zu den besten 25 Prozent zu gehören.

Sie wollten ja die Beste sein.

Genau, das hat super gepasst. Ich war auch glücklich, dass ich einen Job bei der DWS hatte. Ich wollte zu den Besten. Ich wollte gern bei Bayern München spielen.

Später verwalteten Sie 1,7 Milliarden Euro. Was ist das für ein Gefühl?

Man fühlt sich superwichtig.

Gehörten Sie zu den Fondsmanagern, die Druck auf die Firmen ausgeübt haben – dass sie Leute entlassen oder niedrige Löhne zahlen?

Ich war Teil dieser Maschinerie. Für die DWS habe ich auf Hauptversammlungen gesprochen und die Schließung unrentabler Betriebsteile gefordert. Ich war eines von den Raubtieren. Erst nach dem Ausstieg habe ich mich gefragt: Wo kommen die Renditen eigentlich her, die du an der Börse verdienst?

Sie beschreiben eine Welt der extremen Konkurrenz. Wie kommen Frauen damit zurecht?

Es ist eine sehr männliche Welt. Die DWS hatte 25 Prozent Frauen – und war damit eher führend. Einen Aspekt habe ich sehr gemocht: Ich hatte das Gefühl, Männer sind nicht so nachtragend. Aber ich glaube, dass dieser immense Wettbewerbsdruck einen als Mensch verändert. Ich war auch zu Hause angespannt. Auch privat habe ich Gespräche geführt nach dem Motto: Was sind die wesentlichen Punkte? Und dann entschieden. Fertig aus.

Mit Checkliste?

Ja, vielleicht.

Wird in der Welt der Fonds geweint?

Ich habe einmal geweint, ja. Aber bei anderen habe ich das nie gesehen. Die Leute werden einfach stiller, wenn sie keine gute Performance haben.

Wird getrunken?

Nee. Wir hatten auch keine Drogenexzesse. Da arbeiten normale Familienväter. Es ist eine Welt mit harter Konkurrenz, aber nicht wie man sie aus London kennt, wo die Börsianer abends um die Häuser ziehen. So wird es ja zumindest erzählt.

Aber man muss sich doch belohnen für den Stress.

Die Belohnung ist der Bonus. Am Ende hatte ich dann doch eine Wohnung im Frankfurter Westend, 140 Quadratmeter, Altbau, vier Meter hohe Wände. Das war natürlich absurd, ein Palast für nur eine Person. Aber die Wohnung hatte so viel Charme, und ich dachte, ich müsste mir das gönnen, obwohl ich die Räume nie gebraucht habe.

Zwischen 2001 und 2003 sind die Börsenkurse stark eingebrochen. Wie sind Sie damit als neu angestellte Fondsmanagerin zurecht gekommen?

Ich habe gar nicht gut performt. Ich bin mit Magenschmerzen ins Büro. Im Horrorjahr 2003 habe ich ungefähr 5 Prozent hinter meinem Vergleichsindex gelegen. Damit gehörte ich nicht zu den besten 25 Prozent – sondern zu den schlechtesten 25. Das war eine Katastrophe.

Was haben Ihre Chefs gesagt?

Ich habe freundlich Druck bekommen. Mein direkter Vorgesetzter hat sich mit mir hingesetzt und ist das Portfolio durchgegangen. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt. Ohne diese Niederlage hätte ich nie mein eigenes Computerprogramm geschrieben und meine Checklisten aufgestellt. Ich ging danach einen anderen Weg als meine Kollegen.

Wie reagierten die anderen?

Je besser meine Performance wurde, desto besser wurde mein Standing. Allerdings fanden sie, dass ich nicht genug über meine Aktien wüsste. Ich habe mich nicht für die Produkte der Firmen interessiert, weil ich nach rein quantitativen Kriterien investiert habe.

„Ein Börsenverlust tut exakt 2,5 Mal so weh, wie ich mich über einen Gewinn freuen kann“

Ihre Kollegen sind nicht auf die quantitative Methode umgestiegen?

Nein. Die DWS gehört zu den Fundamentalinvestoren. Das sind Fondsmanager, die sich hinsetzen und überlegen, wie die Gewinne in den nächsten Jahren aussehen könnten. Sie versuchen aus der Story, die ihnen das Unternehmen erzählt hat, eine Gewinnschätzung abzugeben.

Klingt doch plausibel.

Nein. Der Mensch neigt dazu, sein eigenes Wissen zu überschätzen und die Realität völlig zu unterschätzen. Deswegen arbeite ich lieber mit Daten aus der Vergangenheit, statt Prognosen für die Zukunft abzugeben.

Aber die Jagd nach Neuigkeiten ist doch typisch für die Börse.

Bei einer Story fühlt man sich natürlich wohl, weil man glaubt zu verstehen, was ein Unternehmen treibt. Aber wenn die Zahlen das nicht widerspiegeln, ist was faul. Für mich zählten Zahlen mehr als Geschichten.

Und nach dem Crash lernten Sie, sich zurückzulehnen.

Das ist meine Empfehlung. Es ist auch gesundheitlich nicht zu empfehlen, zu oft auf die Performance zu gucken, weil man da nur Bauchschmerzen kriegt.

Sprechen Sie da aus Erfahrung?

Ja. Man hat herausgefunden, dass sich das Spekulieren in denselben Hirnregionen abspielt, wo lebensbedrohliche Gefahren verarbeitet werden. An der Börse unterwegs zu sein ist für das Gehirn echter Stress und deswegen sollte man nicht zu oft auf das eigene Depot gucken.

Aktienverluste fühlen sich also an, als ob eine Bestie angreift.

Wie der Säbelzahntiger, genau. Dafür gibt es eine magische Zahl: Ein Börsenverlust tut exakt 2,5 Mal so weh, wie ich mich über einen Gewinn freuen kann.

Heißt für den Kleinanleger mit seinen 20.000 Euro, er schaut nur einmal am Tag seine zehn Unternehmen an?

Na, alle zwei Wochen. Wenn eine Aktie die Kriterien nicht mehr erfüllt, dann verkaufe ich sie und suche nach neuen. Man bekommt alle nötigen Informationen umsonst im Internet.

Haben Sie als Fondsmanagerin auch nur selten umgeschichtet? Was war dann eigentlich zwischendurch zu tun?

Mir ist das ein bisschen peinlich.

Während Ihre Kollegen im Büro hektisch rumgehandelt haben …

… war ich Kaffee trinken, ja. Das hat meine Sinnkrise noch befördert, weil man sich fragt, was machst du eigentlich mit deiner Zeit? Ich habe morgens meine Modelle upgedatet – und nach zwei Stunden hätte ich nach Hause gehen können.

Also waren Sie sechs Stunden damit beschäftigt, so zu tun, als wären Sie beschäftigt?

Musste ich ja. Ich hätte es meinen Kollegen nicht zumuten können, direkt nach Hause zu gehen.

Was haben Sie also gemacht?

Wir hatten ein Fitness-Studio in der DWS und dann bin ich halt zum Sport gegangen.

Hört sich doch traumhaft an.

Ich hatte eine Traumposition. Ich habe sehr gut verdient, war wichtig und habe nur zwei Stunden am Tag gearbeitet. Aber das war genau das Dilemma: in einer solchen Traumposition zu merken, dass man nicht glücklich ist.

Am 19. Februar 2008 bekamen Sie den Preis für den besten Deutschen Aktienfonds.

Eigentlich war es der Tag, auf den ich immer hingearbeitet hatte.

Sie waren die Beste!

Aber mir wurde klar: Du hast hier nichts mehr verloren. Ich habe nur ein stilles Wasser getrunken, aus dem Fenster geguckt und gedacht: Mann, dir fehlt völlig die Begeisterung. Am nächsten Tag bin ich zu meinem Vorgesetzten gegangen und habe gekündigt. Er hat sogar verstanden, dass mich Sinnfragen quälen und dass ich mich woanders ausprobieren wollte. Ich bin dann nach Berlin gezogen und habe im Osten an einer Gesamtschule Mathematik unterrichtet. Als Vertretungslehrerin.

Die Berliner Teenager sind durchaus gefürchtet.

Klar, die Kids rennen im Unterricht herum, quatschen die ganze Zeit und hören nicht zu. Man muss einen persönlichen Draht zu ihnen entwickeln, damit die freiwillig aufhören zu stören. Mathematik baut ja aufeinander auf und viele hatten irgendwo den Anschluss verloren. Wo das genau war, können Sie nur in Einzelgesprächen herausfinden.

Warum haben Sie aufgehört?

Die Checkliste: Wie findet man die besten Aktien im DAX oder in anderen Indices? Susan Levermann hat 13 Kriterien entwickelt. Jeweils einen Punkt gibt es für eine Aktie bei: Eigenkapitalrendite über 20 Prozent; Gewinnmargen über 12 Prozent; Eigenkapitalquote über 25 Prozent; Kurs-Gewinn-Verhältnis der letzten fünf Jahre weniger als 12; aktuelles Kurs-Gewinn-Verhältnis weniger als 12; negative Analystenmeinungen; positive Reaktion auf die Quartalszahlen; steigende Gewinnrevisionen; steigender Kursverlauf in den letzten sechs Monaten; steigender Kursverlauf im letzten Jahr; schlechte DAX-Performance in den letzten drei Monaten; steigender Kurs nach vorherigem Fall; positives Gewinnwachstum.

Es war auch traurig. Ich war immer nur Ersatzlehrerin, da können Sie keine richtige Bindung zu den Kindern aufbauen.

Jetzt arbeiten Sie beim „Carbon Disclosure Project“. Ist das für Sie besser?

Wir bauen die weltweit größte Datenbank über Treibhausgas-Emissionen von Firmen auf, um sie dem Kapitalmarkt zur Verfügung zu stellen. Die Investoren interessieren sich dafür, ob Firmen verstanden haben, dass der Klimawandel ein relevantes Managementthema ist.

Also sind Sie doch an die Börse zurückgekehrt.

Ich bin wieder nah am Kapitalmarkt, ja, und kann mein Wissen einbringen. Aber diesmal nützt es der Umwelt. Und ich lebe anders. Ich habe kein Auto mehr, bin Vegetarierin geworden.

Warum haben Sie dann dieses Buch geschrieben, das die Menschen in eine Welt führt, die Sie gequält hat?

Ich wollte den Anlegern ein Abschiedsgeschenk machen. Ich fand es schade, dass mein Wissen verloren geht.

Wollen Sie ein Ratgeberguru werden?

Nein. Das Buch ist ein Abschluss, kein Aufbruch.

In der Widmung heißt es: „Für meine Eltern, meine Schwester, meine Nichte und Tana“. Ist das der wirkliche Reichtum?

Ja.

Ulrike Herrmann, 46, taz-Wirtschaftskorrespondentin. Hat als Banklehrling erlebt, wie den Kunden Stories erzählt wurden, damit sie Aktien kaufen.

Georg Löwisch, 35, sonntaz-Leiter, besaß als Junge eine AEG-Aktie. Als sie von 100 auf 200 Mark anzog, verkaufte er. Dann stieg sie auf 300.