„Wir haben beide Kulturen inne“

Ilkin Özisik, 33, ist in Berlin geboren und stolz darauf. Sein Vater kam 1963 als einer der ersten Gastarbeiter aus der Türkei in die Stadt. Der Sohn, erfolgreich in der Schule und ebenso als Leistungssportler im Judo, studierte nach dem Abitur Geologie. Heute arbeitet der Vater einer sechsjährigen Tochter als Geschäftsführer eines türkischen Supermarktes – einen Job in seinem Beruf gab es nicht. Özisik ist Vorsitzender des Vereins Türkischer Sozialdemokraten in Deutschland und Mitglied im Integrationsbeirat des Senats sowie in der Landesarbeitsgemeinschaft Migration der SPD. Die Idee, einmal der erste sozialdemokratische Bundeskanzler zu werden, der nach Mekka pilgert, findet er interessant: „Was wäre schlimm daran?“

INTERVIEW ALKE WIERTH

taz: Herr Özisik, auf der Internetseite Ihres Vereins fordern Sie das kommunale Wahlrecht für Ausländer, daneben bieten Sie einen Skatkurs an. Ist das das Spannungsfeld eines deutsch-türkischen Sozialdemokraten?

Ilkin Özisik: Das kommunale Wahlrecht ist ein wichtiges Ziel für uns. Es bietet einen Zugang zur Gesellschaft, der weder durch Vereinsarbeit noch durch Projekte erreicht werden kann. Dass Migranten hier ernst genommen werden als Teil dieser Gesellschaft, dass sie mitentscheiden können, ob eine Brücke gebaut oder eine Schule erweitert wird – das ist für mich ganz wichtig.

Und Skat? Ist das türkische Tradition?

Absolut nicht! Damit wollten wir Deutsche dazu bringen, dass sie unseren Verein besuchen und uns kennen lernen.

Hat das geklappt?

Wir haben zwei Tische, und da sind mehrere Deutsche dabei. Geleitet wird das Ganze von einem türkischstämmigen Lehrer aus Neukölln. Es ist ein Erfolg, wenn auch vielleicht ein kleiner.

Warum sind Sie so engagiert?

Ich will einfach unsere Gesellschaft verändern. Die Menschen haben es in vierzig Jahren Migration nicht geschafft, sich kennen zu lernen. Aber wenn wir nicht aufeinander zugehen, dann wird es nie zu Integration kommen.

Woher kommen Ihre Überzeugungen: von Ihren Eltern?

Mein Vater hat in unserem Mietshaus immer darum gekämpft, dass das Haus nicht kippt. Er hat gesehen, dass das nicht gut geht, wenn in einem Haus nur noch Migranten wohnen.

Ihr Vater war jemand, der sich anpassen wollte?

Ja. Mein Vater hat immer gesagt, dass er sich hier heimisch fühlt, dass hier sein Vaterland ist. Hier hat er den Lebensunterhalt für die Familie verdient, das waren fünf Kinder. Er war heilfroh, dass er diese Chance bekommen hat.

Sie sind hier geboren. Aber wenn wie kürzlich türkische Demonstranten eine antiarmenische Demo in Berlin abhalten, müssen Sie sich dazu äußern. Haben Sie mit dem Thema überhaupt etwas zu tun?

Ich besitze zwar keine türkische Vergangenheit, aber natürlich haben auch wir hier Geborenen eine Bindung an die Türkei. Wir haben beide Kulturen inne. Für mich heißt das aber nicht, dass wir uns zuerst um türkische Politik kümmern. Wir leben hier. Deshalb mussten wir in dem Fall dafür sorgen, dass uns kein Schaden daraus entsteht, wenn Demonstranten aus der Türkei herkommen und hier nationalistische Interessen vertreten wollen. Das war meine Haltung, die dann auch viele türkische Vereine mitgetragen haben. Wir haben uns an der Demo nicht beteiligt.

Haben Sie einen Bezug zur deutschen Vergangenheit?

Ja. Ich war auf der Anne-Frank-Grundschule in Moabit. Dort haben wir uns sehr viel mit Antisemitismus beschäftigt. Und ich hatte zum Hause gelernt, dass man als Muslim gegen Antisemitismus ist. Wir haben die gleiche Vergangenheit. Viele religiöse Bestandteile von Judentum und Islam decken sich.

Sie haben auch in der Debatte um die Deutschpflicht an einer Schule eine andere Haltung vertreten als viele andere türkische Funktionäre. Geraten Sie da nicht unter Druck?

Ich habe gesagt, geht doch erst mal dahin, guckt euch das an! Habt ihr mal mit den Leuten gesprochen? Und meine Recherche ergab, dass viele einfach nur geredet haben, ohne sich mit der Materie zu befassen, wie das sehr oft passiert. Da waren manche sehr beleidigt. Aber das darf nicht sein. Wir müssen über solche Ideen offen reden. Eltern sollten doch daran interessiert sein, dass ihr Kind in Deutschland Erfolg hat. Die Gegenfrage, die man den türkischen Vereinen stellen müsste, wäre: Akzeptiert ihr eigentlich, dass Deutsch erlernen wichtig ist?

In solchen Debatten taucht immer der Begriff der „türkischen Community“ auf. Gibt es die überhaupt?

Wir haben eine türkische Community, das ist ganz eindeutig, die sieht man. Aber sie wird auf keinen Fall von einem einzelnen Verein vertreten. Auch die Türkische Gemeinde oder der Türkische Bund decken nicht die ganze Community ab. Die reden eigentlich für eine kleine Gruppe und verfolgen letztendlich eigene Interessen, nämlich Projekte oder Beraterverträge zu bekommen. Das finde ich sehr problematisch. Denn wenn man an bestimmte Geldgeber gebunden ist, dann kann man eben nicht mehr sagen, was man will, und man kann dann auch nicht mehr der Vertreter der türkischen Community sein.

In der Debatte um Themen wie Zwangsheiraten und Ehrenmorde wird den türkischen Organisationen vorgeworfen, sie hätten diese Themen lange verdrängt, um nicht als Nestbeschmutzer dazustehen.

Ich kenne so etwas auch nicht. Das gab es dort, wo meine Familie herkommt, nicht – nicht heute und nicht vor hundert Jahren. Das ist ein Problem bestimmter ethnischer Gruppen in der Türkei, und auch dort wird gegen solche altertümlichen Strukturen gekämpft. Leider werden die auch hier ausgelebt. In meinen Augen sind das Menschenrechtsverletzungen, die angemessen bestraft werden müssen.

Die Autorin Necla Kelek beschreibt die türkischen Familien allgemein als sehr traditionell und autoritär.

Verallgemeinern bringt gar nichts. Da kann man ein schönes Buch drüber schreiben, aber die Realität spiegelt das nicht wider. In meiner Familie war die Mutter die Herrscherin. Es war geradezu eine Enttäuschung für mich, als ich einmal beobachtet habe, wie mein Vater am Monatsanfang bei meiner Mutter den Lohn abgegeben hat.

Das war eine Enttäuschung?

Ich hatte immer einen Vater vor Augen, der der dominierende Pol in der Familie ist. Aber ich war auch froh darüber, dass meine Mutter so viele Rechte hatte. Meine Mutter hat alles entschieden.

Das ist ja auch nicht gerade ein ausgeglichenes Verhältnis.

Nein. Aber das gibt es eben auch.

Haben ihre Eltern Sie unterstützen können bei der Bildung?

Ja. Das hat sogar spielend geklappt. Ich bin da durchspaziert und hatte auf einmal Abitur. Meine Mutter hat uns extra nicht in den Kindergarten geschickt, damit wir richtig Türkisch lernen. Als ich in die Grundschule kam, konnte ich kein Wort Deutsch, und trotzdem hat es geklappt. Damals war es anders, von dreißig Schülern waren vielleicht sieben, acht mit Migrationshintergrund. Wo meine Eltern mich nicht unterstützen konnten, haben sie das wettgemacht, indem sie Hilfe bezahlt haben. Sie haben dafür vielleicht weniger Häuser gebaut in der Türkei als manche anderen.

Wann sind Sie Deutscher geworden?

1989. Ich war Berliner Meister im Judo. Dann kam der Landestrainer – das war damals ein Japaner – und sagte, Ilkin, du darfst zu den norddeutschen Meisterschaften nicht mitfahren, denn du bist kein Deutscher. Ich war aber doch Meister und wollte Berlin da vertreten. Dann wurde ich schnell eingebürgert, damit ich auch mitmachen konnte.

Sind Einbürgerungstests sinnvoll?

Nein. Ich habe den Verdacht, dass das europaweit zu einer Verhinderung von Einwanderung führen soll. Und ich finde es unmenschlich, dass Menschen nicht das Recht auf Einbürgerung gegeben wird. Es ist wichtig, dass Einbürgerungswillige die Verfassung kennen. Damit sie wissen, worauf diese Gesellschaft hier eigentlich aufbaut. Aber ich finde es falsch, Einbürgerung vom Einkommen abhängig zu machen. Es gibt ja zurzeit wirklich wenig Arbeit. Dafür können doch die nichts, die einbürgerungswillig und -fähig sind.

Es wird viel investiert, um Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Ja, aber die, die sich so etwas ausdenken, kennen die Materie nicht. Wenn ich mit Politikern zusammensitze und über Migration rede, frage ich oft: „Haben Sie türkische Freunde, waren Sie schon mal bei einer türkischen Familie?“ Wie soll ich mit diesen Leuten denn über Migration reden, wenn sie überhaupt keine Kenntnisse haben, was Migranten sind?

Kindern aus Migrantenfamilien ist heutzutage schwer zu vermitteln, Leistung würde sich für sie lohnen.

Resignieren bringt gar nichts. Von der Arbeitslosigkeit sind ja alle betroffen. Wir reden zwar die ganze Zeit von der türkischen Community, aber die ist ein Bestandteil dieser Gesellschaft. Wir reden also über die gesamte Gesellschaft in Deutschland, alle sind von diesen Problemen betroffen. Also sind alle interessiert daran, dass sich das ändert.

Noch mal zurück zu Ihren Gesprächen mit Politikern. Haben Sie den Eindruck, dass für sie Migranten ein Bestandteil der Gesamtgesellschaft sind?

Viele sehen die Türken, die Migranten, immer noch als Fremde. Das heißt auch, dass sie Angst haben vor denen. Aber viele Politiker haben auch mit der Basis der Gesellschaft insgesamt nicht mehr viel zu tun. Sie wissen gar nicht, wie ein Mensch in dieser Gesellschaft von Hartz IV lebt. Ich bin jetzt ein bisschen deprimiert. Wir reden nur über Probleme.

Reden wir mal über Ihre Tochter. Was wünschen Sie sich für sie?

Erstmal, dass sie Abitur macht. Dann soll sie sich entscheiden, ob sie eine Ausbildung macht oder studieren will. Zurzeit würde ich ihr von einem Studium abraten. Die Gesellschaft kann derzeit mit diesen super qualifizierten Akademikern nichts anfangen. Ich würde ihr zu einer Ausbildung raten.

Wo sehen Sie sie: als Krankenschwester oder als KFZ-Mechanikerin?

Beides ist gut.

Werden Ihre Enkelkinder noch Türkisch sprechen und Ihnen nach türkischer Sitte die Hand küssen?

Meine Tochter hat bis zum vierten Lebensjahr nur Türkisch gesprochen. Im Moment spricht sie nur Deutsch. Sie muss jetzt die Grundbausteine der deutschen Sprache lernen, dann kann man das Türkisch, das ja auf der Festplatte noch vorhanden ist, wieder hervorholen. Ich befürworte es, dass Kinder mit Migrationshintergrund, die eigene Kultur bewahren. Das ist ein Vorteil.

Was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter das Kopftuch anlegt?

Ich bin gegen ein Kopftuchverbot. Das beschneidet eine ganze Gruppe von jungen Mädchen in der beruflichen Karriere. Darin sehe ich keinen Sinn. Wenn ein Mädchen sich entscheidet, das Kopftuch zu tragen, dann würde ich das tolerieren. Auch bei meiner Tochter. Ich würde sie aber nicht unterstützen.

Wie halten Sie es mit der Religion?

Ich bin gläubiger Muslim, und ich bin glücklich damit. Ich kann dadurch bessere Taten vollbringen.

Sie wollen also nicht nur das Diesseits verbessern, sondern auch im Jenseits dafür belohnt werden?

Das muss Allah entscheiden. Er wird die richtige Entscheidung treffen. Aber man muss etwas dafür tun.

Werden Sie der erste sozialdemokratische Bundeskanzler türkischer Herkunft, der nach Mekka pilgert?

Ich sehe da nichts Schlechtes drin. Das ist doch keine Gefahr, dass ein Mensch gläubig ist.