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Kir Brutal

„Zapp-Spezial: Strippenzieher und Hinterzimmer – Meinungsmacher im Berliner Medienzirkus“, 23.00 Uhr, NDR Falls Sie sich jemals gefragt haben, wie das nun genau abläuft zwischen Politik, Medien und Lobbyisten in Berlin, hier ist die bittere Wahrheit: „Wir handeln geheime Dinge ab. Das müssen die Zuschauer oder Leser nicht erfahren. Sie müssen dann nur verstehen, was wir sagen“ – sagt Dagmar Seitzer.

Die Dame ist übrigens weder Politikerin noch irgendwelcher Lobby-Tätigkeit verdächtig, sondern – viel schlimmer – Journalistin im ARD-Hauptstadtstudio. Und Sprecherin des Kreises „Das rote Tuch“. Hintergrundzirkel wie diesen gibt es viele im Berliner Polit- und Medienzirkus.

Julia Salden und Thomas Leif zeigen in „Strippenzieher und Hinterzimmer“, was diese Hintergrundzirkel produzieren: in erster Linie heiße Luft. Und das heimelige Gefühl, im „Wir sind alle irre wichtig“-Clan dazuzugehören. Das Ganze sei ein bisschen wie „Kir Royal“ (das war eine wunderbare Serie über einen Münchener Klatschreporter), nur eben ohne Chi-Chi, sagt einer der medialen Strippenzieher. Man sei schließlich in Berlin. Dummerweise kommen auch ohne Chi-Chi oft genug trotzdem politische Entscheidungen dabei heraus.

Natürlich hat man das alles schon irgendwie geahnt, aber wie brutal und grotesk in der Hauptstadt preußischblau gekungelt wird, zieht einem dann doch die Schuhe aus. Mehr noch: Die Aufgabe des Journalismus selbst erfährt eine radikale Umdeutung: Sie stehe hier, um einen Abgeordneten dazu zu bringen, den Rücktritt von Bahnchef Mehdorn zu fordern, sagt eine ZDF-Reporterin irgendwo im Bundestag treu ins Mikrofon. Teilnehmende Recherche nennt sich das wohl.

Und eine andere ZDF-Frau erklärt tapfer, der „Mehrwert“ beim bevorzugten Zugang ins Polit-Hinterzimmer bestehe „darin, dass wir die Wahrheit erfahren, die wir dann – so bitter das für manchen auch ist – nicht schreiben oder senden dürfen“.

Kein Wunder, dass die ARD diese Koproduktion von SWR und NDR nicht im Ersten haben wollte. Doch da gehört sie hin, am besten anstelle von „Bericht aus Berlin“, ruhig jede Woche. Gibt es sonst noch was zu loben? Ja: Ulrich Vollerts Kameraarbeit. Klasse. STG

Wdh.: Fr., 10. 3., 15.30 Uhr, 3sat