Austreibung der Alltäglichkeit

GEHEIMTIPP Ohne viel Handlung und mit erstaunlichem Gespür für die Möglichkeiten des Films überzeugt „Das merkwürdige Kätzchen“ – und landet wie ein Ufo im deutschen Kino

VON LUKAS FOERSTER

„Wenn die Wunde so riecht, wie sie aussieht, würde ich den Geruch mögen“

Schon gleich nach seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale entwickelte sich „Das merkwürdige Kätzchen“ zu einem Geheimtipp. Seither bewegt sich der kleine deutsche Film äußerst erfolgreich durch die internationale Festivallandschaft, wurde selbst von der englischsprachigen Filmkritik schon ausführlich gewürdigt. Bevor er Anfang nächsten Jahres regulär in den deutschen Kinos anlaufen wird, gibt er nun als Eröffnungsfilm der Sommer-Berlinale ein weiteres Gastspiel in der Stadt. Die Erfolgsgeschichte ist umso erstaunlicher, als das Erstlingswerk der Brüder Ramon (Regie und Drehbuch) und Silvan (Produktion) Zürcher niemanden anspringt, ganz im Gegenteil ein zurückgenommener, konsequent nach Innen gefalteter Film ist. Schon in räumlicher Hinsicht: „Das merkwürdige Kätzchen“ spielt fast durchweg in einer engen, aber Einstellung für Einstellung neue Geheimnisse entbergenden Berliner Altbauwohnung.

In deren nur scheinbar überschaubare Zimmer, die in eine flüssige Folge unbewegter, aber nie komplette Übersicht liefernder Einstellungen gefasst werden, sind noch einmal eingefaltet: ein paar Menschen, die größtenteils miteinander verwandt sind (aber was heißt das schon?), und die am Ende – damit ist die Filmhandlung eigentlich schon auserzählt – gemeinsam zu Abend essen werden; ein Hund und eine Katze; einige Gegenstände, denen ihre Alltäglichkeit auf ebenso charmante Weise ausgetrieben wird wie den Figuren der psychologische Realismus, den Tieren die konventionelle Photogenität, den Gesprächen die Funktionalität: nicht mit dem modernistischen Vorschlaghammer, sondern mit erstaunlichem Gespür für die gestaltwandlerischen Möglichkeiten der Illusionsmaschine Kino. „Falsch geschrieben ist jedes Wort lustig“, sagt die ältere Tochter einmal; „Das merkwürdige Kätzchen“ ist, vielleicht vor allem anderen, ein ziemlich komischer Film.

„Das merkwürdige Kätzchen“ entstand außerhalb der normalen Fördersysteme an der Berliner Filmhochschule dffb als Seminararbeit in einem von Bela Tarr geleiteten Kurs. Ein Glücksfall, der im auf Fernsehtauglichkeit und Regeldramaturgie geeichten Normalbetrieb der Hochschule nicht so ohne Weiteres zu replizieren sein wird; ein Film wie aus dem Nichts, der jetzt im deutschen Kino herumsteht wie ein verheißungsvoll schimmerndes Ufo, von dem man jedoch nicht so recht weiß, wie es mit dem größtenteils braven Rest der Filmlandschaft Kontakt aufnehmen könnte. Wie viel dieses deutsche Kino gewinnen könnte, wenn wenigstens ein paar der vielen Filmschulen des Landes sich nicht als Institute für die Einübung in den Betrieb, sondern als von diesem Betrieb soweit wie eben möglich freigestellte Experimentierfelder begreifen würden: Auch das zeigt dieses Wunder von einem Film.

Was auch heißt: „Das merkwürdige Kätzchen“ ist ein Studentenfilm, der sich nicht dafür schämt, ein Studentenfilm zu sein. Klug ist sein Spiel mit dem ständig latent präsenten Außen des Bildes, mit trügerischen Blickachsen, mit der hintergründigen Tonspur. Auch filmhistorische Vorbilder, von Yasujiro Ozu bis Jacques Tati, scheinen unaufdringlich durch. Bei aller formalen Finesse wird das nie bloß akademisch, denn vor allem geht es Zürcher darum, in der Enge Freiräume zu schaffen: für Dialoge zum Beispiel, in denen Sprachspiel und Kommunikation ununterscheidbar werden – und die sich im Zweifelsfall lieber um die Verdauung von Lauch als um Naheliegendes drehen, in denen außerdem immer wieder wunderbare Einzelsätze auftauchen: „Wenn die Wunde so riecht, wie sie aussieht, würde ich den Geruch mögen“; für eigensinnige Filmdinge, wie eine in einen Kochtopf eingefasste, dort aber freidrehende Wasserflasche; für soziale Beziehungen, die nicht von Anfang an dramaturgisch überformt sind, die nicht an ihrem finalen Gelingen oder Misslingen gemessen werden, die manchmal auch einfach in der Ambivalenz miteinander nur so halb kompatibler Neurosen versanden dürfen. Ein großzügiger Film.

■ Sommer-Berlinale 2013 zeigt „Das merkwürdige Kätzchen“: 25. 7., Freiluftkino Friedrichshain, 21 Uhr. Infos und Programm unter: www.freiluftkino-berlin.de