Totenmaske der Krankheit

Eine Kapazität der Moulagenkunst erzählt

Elfriede Walther geb. Hecker, Mouleurin, ehemalige Leiterin d. Moulagenwerkstatt am Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Altstädter Höhere Mädchenschule, 1939 Abitur. Hochschule für Lehrerbildung Leipzig u. Dresden, Ablegung d. 1. und 2. Lehrerprüfung. 1941 als Lehrerin an Volksschulen in Ostpreußen, Kreis Goldap bis Ende 1944. Rückkehr nach Dresden. Nach Kriegsende im Rahmen der Entnazifizierung Berufsverbot als Lehrerin. 1946 Anstellung im Zeichensaal d. Hygiene-Museums; Ausbildung als Mouleurin durch die Leiterin d. Moulagenwerkstatt, Ella Lippmann. Ab 1956 Leitung d. Moulagenwerkstatt. 1978 Überreichung d. Hufeland-Medaille (Medizinpreis d. DDR f. bedeutende Dienste um den Gesundheitsschutz). Veröffentlichungen z. Thema Moulagenarbeit (u. a. in „Der Präparator“ 39/1993). Elfriede Walther wurde 1919 in Dresden geboren, ihr Vater war Schmied, die Mutter Hausfrau, sie ist seit 1992 verwitwet und hat keine Kinder.

Eine Moulage ist eine dreidimensionale, naturgetreu bemalte Wachsabformung einer krankhaften Veränderung von Organen, Haut und Knochen. Besonders in den Kliniken für Haut- und Geschlechtskrankheiten dienten sie als Lehr- und Studienmittel, weil mit ihnen – anders als mit den organischen Feuchtpräparaten – die akuten Krankheitsphasen in farbenfroher Lebendigkeit festgehalten werden konnten. Die Moulagenkunst entstand in Europa um 1880, nahm ihren Aufschwung mit der explosionsartigen Ausbreitung von „Volkskrankheiten“ unter der Wucht der Industrialisierung, und sie hatte ihre Blütezeit durch die ungeheuren Verstümmelungen, Verätzungen und venerischen Krankheiten im Zuge des Ersten Weltkrieges. Die Mouleure, unter denen es unerreichte Könner und Künstler gab, arbeiteten teils freischaffend, teils angestellt in den Krankenhäusern.

Die Zusammensetzung der Wachse und das gesamte technische Verfahren waren streng gehütetes Geheimnis. Jeder Mouleur hatte seine eigene, unverwechselbare Rezeptur, die er nur an seinen Schüler weitergab, und der wiederum gab sie an seinen Schüler weiter. So entstanden an den Kliniken oft große, weithin berühmte Sammlungen, von denen heute nur noch ein Bruchteil existiert und zu sehen ist, wie zum Beispiel in Wien, Zürich oder Breslau. Moulagen wurden aber auch im Gefolge der deutschen Hygienebewegung ab 1900 zur Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung eingesetzt. Und da eine Moulage – im Gegensatz zu einer Abbildung – sehr viel Empathie erzeugt, machte man sich ihre abschreckende Wirkung beim Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten zunutze und belehrte zudem über die Früherkennung ihrer Krankheitszeichen.

Der „Odol“-Fabrikant August Lingner (1861–1916) – Gründer des Hygiene-Museums – und der bekannte Dermatologe Eugen Galewsky (1864–1935) – der als Jude von den Nazis in den Tod getrieben wurde – waren die wichtigsten Initiatoren dieser populärwissenschaftlichen Kampagnen zur Gesundheitsaufklärung, der sich das Deutsche-Hygiene-Museum in Dresden bis heute widmet. Von Anfang an gab es eine eigene Moulagenwerkstatt, deren Schwerpunkt Reproduktion und Verkauf der Moulagen war. Hier gab der exzellente Berliner Mouleur Fritz Kolbow (1873–1946) seiner Schülerin Ella Lippmann (1892–1967) Rezeptur und Technik weiter, und diese gab ihr Wissen an ihre Schülerin Elfriede Walther weiter. Um 1957 ging die Ära der Moulagen zu Ende. Farbfotografie und Diaprojektor traten an ihre Stelle. Viele Sammlungen, alte Bestände, die den Krieg überstanden hatten, wurden in den Keller verbannt oder vernichtet. So auch die Moulagensammlung der Hautklinik der Berliner Charité, die 1960 eingeschmolzen und zu Kerzen verarbeitet wurde. Die Moulagensammlung des Hygiene-Museums stand zuletzt Anfang der 70er-Jahre auf dem Spiel, blieb aber dank einer Anweisung des DDR-Gesundheitsministers Dr. Mecklinger verschont. Zur gleichen Zeit wurde die Züricher Mouleurin Elsbeth Stoiber angewiesen, alle dermatologischen Moulagen der Klinik einzuschmelzen. Diesen Auftrag verweigerte sie und rettete so die Sammlung. 1998 lüftete sie das Geheimnis der Wachsrezeptur, das seit 1908 von einer Kolbow-Schülerin und deren Nachfolgerinnen strengstens geheim gehalten wurde. Inzwischen erleben Moulagen wieder eine Renaissance, in Zürich sind sie sogar schon Bestandteil des Curriculums. Es leben heute nur noch zwei große Altmeisterinnen der Moulagenkunst, Elsbeth Stoiber und Elfriede Walther.

Frau Walther lebt in Dresden, nahe dem Großen Garten in einem unauffälligen, gepflegten Mietshaus. Sie empfängt uns an ihrer Wohnungstür im ersten Stock und bittet uns ins Wohnzimmer. Es riecht nach Harz. Den Weihnachtsbaum hat sie ganz für sich allein geschmückt. Der Raum wirkt friedvoll, so ohne Fernsehgerät und das ganze sonst übliche Equipment, das sie nicht benötigt. Über dem Perserteppich scheint noch die Atmosphäre jener langsamer verstreichenden Zeit der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu schweben; die bürgerliche Ostvariante. In den Bücherschränken stehen Bildungsliteratur und großformatige Kunstbände. Es gibt unter anderem eine kleine Skulptur, einige Sammelstücke aus Meißner Porzellan, und an der Wand prangt ein Ölbild, das gebundene Ähren zeigt. An der gegenüberliegenden Wand hängen großformatige, detailgenau gemalte Aquarelle von geschützten heimischen Blumen. Gemalt hat sie Herrmann Walther, ehemals Chefgrafiker des Hygiene-Museums. Seine Bilder werden gerade in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden ausgestellt, und Frau Walther hat ihr bei dieser Gelegenheit das Gesamtwerk ihres Mannes als Schenkung überlassen. Sie bietet uns Weihnachtskekse an, schenkt Kaffee ein und erzählt:

„Ja also 1946 habe ich angefangen im Zeichensaal, das Hygiene-Museum brauchte Leute, und die waren da nicht so penibel. Das Museum war ja auch teilzerstört und alles war noch ziemlich improvisiert. Eine Freundin arbeitete auch dort. Früher wurden ja noch ganze Ausstellungen gezeichnet, gemalt, beschriftet. Es gab eine Ausbildung in Schriftgestaltung, und in der Schriftgrafik wurde auch die Beschriftung für die Moulagen gemacht, jede einzelne mit dem Pinsel! Und eines Tages war die Moulagenabteilung unterbesetzt, und da wurden wir ‚ausgeliehen‘. Das hat mir dann erst mal ganz gut gefallen. Frau Lippmann, eine Kolbow-Schülerin, war die Leiterin, und sie brauchte Malerinnen. Das hat sie damals erst mal alleine gemacht, sie musste ja alles erst wieder aufbauen. 1945 ist durch die Brandbomben viel zerstört worden, das Feuer war durch den Fahrstuhlschacht in den Keller vorgedrungen und hinterher waren die Schränke voll mit geschmolzenem Wachs, und viele Gipsformen lagen zerbröselt herum. Wie nun daran anknüpfen?! Einige Wachsmodelle und Formen waren noch erhalten geblieben oder konnten restauriert werden. Frau Lippmann hat anfangs bemalt nach dem Atlas der Hautkrankheiten von Dr. Jacobi. Und 1949 holte dann Prof. Linser sie für ein ganzes Jahr an die Universitätsklinik Leipzig. Dabei entstanden 140 Moulagen aus dem breiten Spektrum der Haut- und Geschlechtskrankheiten – das war ja nach dem Zweiten Weltkrieg eines der Hauptthemen. Und damit war dann auch ein Neubeginn der Moulagenwerkstatt am DHM gemacht.

Man muss sich klar machen, das DHM war in der DDR die einzige Stätte, wo Wachsmodelle von Krankheitserscheinungen hergestellt wurden. Außer Frau Lippmann und dem Gipsbildhauer Walter Ulbricht hatte nach 1945 niemand Kenntnisse auf diesem Gebiet. Walter Ulbricht war ein Meister der Formtechnik, mein Wissen und Können auf diesem Gebiet verdanke ich ihm. Sein Hauptwerk war später ja dann die weltbekannt gewordene ‚gläserne Kuh‘ und das ‚gläserne Pferd‘. Es gab damals noch eine enge Zusammenarbeit zwischen der Gipsbildhauerei und der direkt daneben liegenden Moulagenwerkstatt. Und in dieser Phase kam ich da rein und habe erst mal das Malen auf Wachs gelernt. Und dann nur auf Wachs gemalt nach dem Vorbild, in großen Mengen, denn der Betriebsleitung lag natürlich daran, schnell den Verkauf wieder in Gang zu bringen.

Und weil wir in der Lage waren, Geld reinzubringen, war unsere Abteilung auch diejenige, die als erste wieder hergestellt und ausgestattet wurde. Wir waren im rechten Seitenflügel des DHM, Nordseite, das gab für das Malen der Wachsmodelle ein gleich bleibendes Licht und Klima. Es waren zwei Arbeitsräume, also eine große Werkstatt für Malerei und Retusche, mit langen Arbeitstischen und extra angefertigten Holzschränken zur Aufbewahrung. Und dann gab es die Wachsküche für die Wachsherstellung und das Wachsgießen. Wir hatten drei große gusseiserne emaillierte Behälter, in denen das Wachs im Wasserbad zum Schmelzen gebracht wurde. Zwischen diesen Räumen war eine Kammer mit einer Pritsche, wo man auch mal abformen konnte, wenn ein Patient kam. Und da wurde nun gearbeitet. Mitte der 50er-Jahre waren wir zwölf Beschäftigte. Es wurde arbeitsteilig gearbeitet, das gefiel mir weniger. Die einen haben gemalt, die anderen Kollegen haben nur retuschiert oder gegossen. Die waren damit zufrieden und sehr gut in ihrem Fach. Mich interessierte aber die vollständige Sache, ich dachte damals, machst du es ganz oder gar nicht! Und das ist mir dann teilweise auch gelungen. Während meiner Tätigkeit habe ich zum Beispiel seit 1962 über tausend Formen für die Serienanfertigung von Wachsmodellen gearbeitet. Zwei Drittel Anfertigungen in meiner Zeit waren ja Wachsmodelle in großer Zahl für den Verkauf, zum Beispiel Zahnerkrankungen, Gebissentwicklung, Organe, embryonale Entwicklung usw., daneben wurden Kopien vom Moulagenfundus angefertigt – Verbrennungen, Erfrierungen, Karzinome, Geschlechtskrankheiten usw. –, je auf Nachfrage. Der ökonomische Nutzen hat eben die Auswahl und damit die Arbeitsorganisation bestimmt, man brauchte Devisen.

Sie haben bemerkt, ich unterscheide jetzt zwischen Wachsmodell und Moulage. Der Unterschied ist der: Ein Wachsmodell ist ein überarbeitetes Lehrmodell, eine Vergrößerung oder Verkleinerung usw., während eine Moulage auf einer Patientenabformung beruht und die Krankheitserscheinung absolut wirklichkeitsgetreu wiedergibt. Der Moulagen-Verkaufskatalog des DHM enthielt immer nur ein begrenztes Angebot. An erster Stelle stand natürlich die Konfektionierung der Wachsmodelle. Mir lag aber sehr daran, eine Moulagensammlung aufzubauen und unseren Bestand an Originalabformungen zu vergrößern. Ich war ja dann auch technisch so weit, Frau Lippmann zog sich nach und nach zurück, es war also an der Zeit, dass ich mich auch mit der Patientenabformung beschäftige, denn nur die Orientierung am Lebenden und wissenschaftlich Richtigen führt zu einer guten Moulagenarbeit.“

Frau Walther steht geschmeidig auf – sie ist 86 (!) – und bringt uns eine wächserne Hand, die auf einer schwarzen Unterlage ruht wie gerade frisch abgeschnitten. „Damit Sie mal zunächst sehen, wovon ich spreche, wenn ich von einer guten Moulagenarbeit rede.“ Die Hand liegt neben den Keksen und wir betrachten sie andächtig, während Frau Walther die Details erklärt. Die Hand sieht aus wie in Auflösung begriffen, eine kräftige Männerhand mit rötlich entzündeten Fingergliedern und gelblich-weißen, verhornten Nägeln, die teils in der Mitte gebrochen sind, um sich schollenartig abzuheben, teils schwärzlich blutunterlaufene Stellen haben. Die Haut ist übersät mit eitrigen, teils aufgeplatzten Blasen und Schrunden. „Das ist die Hand eines Röntgenarztes, es dauerte ihm immer zu lang mit den Patienten, da hat er dazwischengegriffen und einen chronischen Strahlenschaden erlitten; beide Hände waren betroffen. 50 Jahre ist sie alt! Im Museum ist die Rechte, dies hier ist die Linke. Die habe ich beide abgeformt und diese als Anschauungsmaterial behalten.“ Sie zeigt uns noch eine weitere, etwas größere, unbemalte Männerhand. Das Wachs ist milchig weiß, auch sie zeigt kleinste Hautfältchen und Poren. Es ist die Hand ihres Mannes. „An diesen Beispielen sehen Sie alles, wovon wir gesprochen haben.“

Wir fragen, ob Moulagen eigentlich signiert werden. „Ja, das war schon üblich, aber in der DDR war das nicht mehr erwünscht. Leider! Auch aus diesem Grund habe ich eine umfangreiche systematische Kartei angelegt, in der jede Moulage über ihre Nummer mit allen Angaben verzeichnet ist. Bei meinem Weggang habe ich ein lückenloses Bestandsverzeichnis hinterlassen. Trotzdem bleiben Namen bis heute ungenannt. Es ist 1995 ein an sich sehr schönes und ausführliches Buch über Moulagen erschienen. Von Thomas Schnalke. Leider wurde nicht sehr genau recherchiert.“ Sie holt das Buch und blättert. „Seh’n Sie, da steht immer nur ‚Dresden, no date available‘. Also wenn man so ein Buch macht, dann sollte man dazu auch in einer Kartei nachgucken, wenn es schon eine gibt. Bei meiner Kollegin aus der Schweiz, Frau Stoiber, steht jedes Mal der Name, bei mir steht er bei keiner einzigen Abbildung. Das ist auch deshalb ärgerlich, weil das Arbeiten unter DDR-Verhältnissen ja wesentlich schwieriger war. Trotzdem konnte ich viele neue Dinge der Sammlung hinzufügen. Meine ersten Moulagen habe ich im Krankenhaus Dresden/Friedrichstadt abgeformt, beim Chefarzt der Hautklinik, Dr. Hering. 1951.“ Sie holt ein handschriftliches Verzeichnis. „Also hier zum Beispiel, am 23.August, ‚Ulcus cruris bei Diabetes‘, da habe ich also ein Unterschenkelgeschwür abgeformt bei einer 69-jährigen Frau. Der Arzt hat mit ihr gesprochen und mich dann meinem Schicksal überlassen. Mein Material zum Abformen hatte ich mitgebracht, Alabaster-Modellgips, VEB Thüringer Gipswerke Krölba, einen Gummibecher zum Anrühren des Gipses in Wasser, und eine geölte Glasplatte, die ich unterlege.

Dann erkläre ich der Patientin, was ich nun mache, denn die Leute wissen ja meist gar nichts Genaueres. Dann gieße ich die erste Schicht Gips ganz dünn auf – das bringt später eine feine Zeichnung aller Details –, während es etwas anzieht, überlege ich mir, wo ich die Trennungslinien anlege, damit ich später die Form gut abkriege. Dann kommt auf diese erste, etwa zwei bis drei Millimeter dicke Schicht eine zweite, etwa eineinhalb Zentimeter dicke Schicht Gips und da baue ich gleich meine zwei Fäden ein, mit denen ich dann die Trennungsfuge herstelle. Und nun muss ich genau den Zeitpunkt abpassen, um die Fäden zu ziehen, bevor der Gips zu fest wird. Nun warte ich auf das Abbinden des Gipses, was an seiner Erwärmung zu spüren ist. Um sicher zu gehen, schütte ich ein wenig Wasser drauf, und wenn der Patient dann sagt, es kribbelt, dann ist der Gips abgebunden. Das sind alles Erfahrungssachen. Ja, und dann kommt der Moment der Wahrheit, ich nehme den Gips ab, schau, ob alles gut abgeformt ist, und setze dann die Form sofort wieder zusammen und fixiere sie mit ‚Gipsschließen‘, damit sie sich nicht verzieht. Ich mache den Patienten wieder sauber, und meine Gerätschaften, nehme meine Beute unter den Arm und gehe in die Werkstatt.“ Auf die Frage, ob bei einem Geschwür denn keine Schmerzen entstehen und ob da nicht Hautteile mit dem Gips abgerissen werden, sagt Frau Walther: „Also, das liegt in der Verantwortung des Arztes, der ja am besten weiß, was er seinem Patienten zumuten kann … und ob was hängen bleibt? Eigentlich kaum. Also es ist so, wenn ein Mann viele Haare hat, dann ja. Wenn ich eine Gesichtsabformung mache, dann fette ich die Braue etwas.

Und als Nächstes kommt dann der Wachsguss. Um feinporige Sachen gut rauszukriegen, braucht es eine bestimmte Einstellung des Wachses, man braucht spezielles Wachs, das ‚eindringt‘, und genau das war die Schwierigkeit. Diese Wachse, diese Ingredienzien, die waren in der DDR nicht mehr vorhanden. Frau Lippmann benutzte bis 1945 die Rezeptur ihres Lehrers Kolbow, und als sie dann die letzten Bestände aufgebraucht hatte, kam sie mit der Notwendigkeit von Neumischungen nicht mehr zurecht. Und mir war die alte Rezeptur auch kaum mehr nützlich. Es war mir überlassen, eine geeignete Rezeptur zu finden. Es gab kleine Mengen Bienen- und Carnaubawachs, als Importware, und ansonsten musste ich mich mit Erdwachsen begnügen von ‚Leuna‘, die stellten ja viele Wachse her, Paraffin und so was. Für eine repräsentative Moulagensammlung braucht man eigentlich einen hohen Anteil an pflanzlichen Wachsen und an Bienenwachs. Den hatte ich aber einfach nicht zur Verfügung.

Also hieß es, herumexperimentieren, prüfen, wie hoch jeweils der Schmelzgrad ist, ob der Gips den Schmelzgrad verträgt, wie ist die Haltbarkeit des Wachses, verfärbt es sich, bleibt es stabil in heißeren Zonen – da wurde viel exportiert, zum Beispiel nach Kuba, dort gibt es ein Hygienemuseum. Unsere Produkte sollten ja von langer Haltbarkeit sein. Deshalb habe ich ganze Bücher angelegt und die Mischungen, die Temperaturgrade der einzelnen Grundstoffe zusammengestellt. Und es ist mir gelungen, gute Ergebnisse zu erzielen und eine gute Haltbarkeit, wie Sie hier sehen.“ Sie zeigt auf die Hand des Röntgenarztes. „Da hatte es Frau Stoiber leichter gehabt, in der Schweiz war die Kontinuität der Materialien eben einfach da und überhaupt … Gut, also weiter. Mit meinem geschmolzenen Wachs gieße ich dann in der Wachsküche mein Positiv. Zuerst gebe ich nur ein bisschen Wachs in die Form, warte, bis sich das etwas anlehnt, gieße den Rest wieder zurück und wiederhole das so ein- bis zweimal, darf dazwischen aber nicht zu lange warten, sonst verbinden sich die Schichten nicht mehr miteinander. Dann muss das Wachs gut auskühlen für ein paar Stunden und danach nimmt man es aus der Form. Früher in den Krankenhäusern haben die Mouleure ‚verlorene Formen‘ gemacht, das heißt, sie haben den Gips einfach abgeschlagen von der Wachsform, man brauchte ja nur das Original und keinen weiteren Wachsguss. In unserem Fall aber ist eine sehr gute und gut gepflegte Form das Um und Auf.

Jetzt habe ich also in Wachs ein Positiv. Wenn alles gut ging, gibt’s keine Luftbläschen und nichts zu retuschieren, ich muss ihm also nur noch Leben einhauchen. Und nun gehe ich mit meinem Modell, mit Palette, Ölfarben, Terpentin und meinem Feh- und Rindshaarpinsel ins Krankenhaus zur Patientin und male dann nach dem lebenden Vorbild sozusagen. Ich fange mit einem rötlichen Ton an, dann gehe ich noch mal mit einem bläulichen leicht drüber – zart und stupfend, damit die Poren und Hautfältchen nicht zerstört werden – bis ich die Hautfarbe der Patientin getroffen habe. Und was beim Malen der Wunde sehr wichtig ist, ist eben nicht nur die Wunde selbst, sondern die Übergänge von der Wunde in die normale Haut. Zuletzt werden dann noch, je nach Krankheitsbild, Schuppen aus Wachs, Eiter aus einer gefärbten Wachs-Dammarlack-Mischung, Blasen aus Harz oder nässende Stellen mit Lack vorgetäuscht. Am Ende jedenfalls muss die Moulage aussehen wie ihr Vorbild. Die meisten Patienten waren sehr überrascht, viele waren geradezu stolz. Nun wird die Moulage dem Arzt vorgelegt, der sie empfohlen hat. Er macht die Endabnahme, er gibt ihr sozusagen die wissenschaftliche Weihe. Danach geht sie ein ins Archiv, mit Nummer und allen Karteivermerken.

Früher wurden die Moulagen noch mit einer weißen Stoffumrandung versehen und auf einem schwarzen Grundbrett befestigt, traditionell. In der DDR wurde die Stoffumrandung weggelassen und dann wurde auch ein weißes Grundbrett benutzt, was den optischen Eindruck nicht gerade verbessert hat. Jedenfalls konnte ich durch die Arbeit bei Dr. Hering im Krankenhaus Dresden/Friedrichstadt dem Fundus 153 Originalmoulagen hinzufügen. Ich habe unter anderem auch in der Pathologie der Medizinischen Fakultät Leipzig abgeformt, so dass ich auf insgesamt etwa 180 Moulagen kam. Ich hätte aber viel mehr machen können. Der Kontakt zu den Ärzten wurde dann von der Betriebsleitung her abgebrochen, leider.

Originalmoulagen existieren am DHM einzig von Kolbow, von Frau Lippmann und mir. Aber das Zeitalter der Moulagen war dann auch vorbei, und das hatte schlimme Folgen für die Bestände, überall. Ein Beispiel nur: In den 50er-Jahren gab es die Idee, doch mal eine Moulagensammlung insgesamt im DHM zu zeigen, oder sogar anzulegen. 1958 wurde die Moulagensammlung des Krankenhauses Dresden/Friedrichstadt ins DHM gebracht. Eine sehr gute und sehr gut gepflegte Sammlung, 436 Moulagen, unter anderem von Kolbow und Frau Kürschner- Ziegfeld. Die wurden auf Tischen ausgelegt und sollten dann noch mal von Dr. Hering nach dermatologischen Gesichtspunkten geordnet werden. Da lagen sie nun, damals waren die Ausstellungshallen noch größtenteils leer. Ich wartete auf einen schriftlichen Auftrag, aber es kam keiner.

Anfragen ergaben nichts. Gesprochen wurde in anderen Kreisen. Sie blieben da bis 1961 (!) ohne Auftragsvergabe liegen. Eines Tages kam eine Kollegin von mir angerannt und sagte, du, die laden die Moulagen auf. Ich ging nach vorn und guckte mir das an. Das war ein Lastwagen mit Hänger, da wurde, unverpackt (!), alles draufgeworfen wie alter Plunder. Dann fuhren sie ab. Später habe ich gehört, dort ist fast nur Bruch angekommen. Es gibt noch zwanzig bis dreißig Moulagen in schlechtem Zustand. Was das bedeutete, das weiß ich bis heute nicht.“ lhre Stimme ist leidenschaftlich. „Das ist das Schicksal der Sammlung von Friedrichstadt, was mich wahnsinnig aufgeregt hat, und bis heute aufregt! Und wenn ich nicht so sehr dagegen gearbeitet hätte, zu meinem Nachteil, dann wäre auch im DHM vieles nicht mehr da. Die Moulagen waren einfach ‚out‘, man wollte den Bestand auf 100 reduzieren, alles andere sollte weg. Und es ist natürlich auch eine Auslese erfolgt – wie bei der Literatur auch. Es kam der Befehl, das und das ist auszusondern. Da waren ältere Moulagen dabei von 1914, Kriegsverletzungen schlimmster Art, am Gesicht usw., dann waren sehr schlimme Krebserkrankungen dabei. Das ist alles unwiederbringlich vernichtet worden, zusammen mit den Formen. Heute wären diese Moulagen sehr wertvoll, weil es viele dieser Verletzungen und Krankheitsbilder so gar nicht mehr gibt. Ich habe das alles dokumentiert in meinen Aufzeichnungen, sie umfassen die Jahre 1945 bis 1980. Das ist unveröffentlicht. Kein Mensch interessiert sich dafür. Später sollte ja sogar die Moulagenabteilung insgesamt geschlossen werden, das wurde dann aber durch einen Ministerbeschluss abgewendet.

Grund dafür war die veränderte Lage durch den Kalten Krieg. Wir haben für die NVA, das Kommando Luftschutz beim Innenministerium und auch fürs Rote Kreuz der DDR Moulagen gemacht von Kampfstoffverletzungen, also Nachbildungen nach Abbildungen. Auch von akuten und chronischen Schädigungen durch radioaktive Strahlung, als Vorlagen dienten Patientenfotos aus Hiroschima. Aus dieser Zeit stammt auch die Hand des Röntgenarztes.

Ein Großteil dieser Produktion wurde in der DDR verkauft und an die befreundeten Länder, aber auch in die westlichen Länder wurde natürlich verkauft gegen Devisen. Ja, das war sozusagen unsere Rettung. Und durch die Einführung des Industriekautschuks aus Radebeul Anfang der 60er-Jahre war es mir dann möglich, Gipsformen, die unter den vielen Wachsausgüssen ja sehr leiden, zu schonen. Außerdem wurde die gesamte Arbeit natürlich erleichtert. Und wenn ich ein Original gemacht habe, dann habe ich einen zweiten Ausguss gemacht, der dann das Modell für die nächsten Formen war. Also im Keller lagen wohlgeordnet und durchnummerierte Silikonformen, ausgegossen mit Wachs und mit Gips ummantelt zur Stabilisierung, abgedichtet mit einer Papp-Platte.

Bei meinem Abgang 1980 habe ich das alles so hinterlassen. Ebenso die Kartei und die Rezepte für die Wachsmixtur. 1990 nach der Wende wurde die Moulagenabteilung ja dann geschlossen, heute lagert alles im Keller, bis auf die Sachen, die in die Dauerausstellung integriert sind. Ja, und 1993 wurde dann ein Kolloquium veranstaltet mit Ausstellung, da konnten Sie alles noch mal sehen, ich habe meine Technik vorgestellt, es wurde eine Broschüre gemacht, und sogar ein Film wurde gedreht. Anlässlich dieses Kolloquiums bin ich im Keller gewesen. Und das war schon ein Schock.Da lagen die Silikonformen ohne Schutzhülle so labberig rum, ausgegossen waren sie sowieso nicht, und die Gipsformen … Ich konnte das gar nicht anschauen. (Inzwischen lagert im Keller alles wohl verwahrt in neuen Schränken und Regalen.)

Ich sah das ja kommen. Ich hatte immer darum gebeten, einen geeigneten Menschen zu bekommen zur Ausbildung, aber nein! Das Rentenalter kam immer näher, da hat man mir einen Mann in die Abteilung gesetzt, der zuvor in der Kunststoffabteilung so Herzen anmalte usw. Und nach einer gewissen Zeit habe ich ihm dann auf Befehl von oben die Grundlagen des Gießens, Retuschierens, Malens und Kopierens gezeigt. Also er war ein angelernter Laie, hat nie Abformungen an Patienten gemacht. Und er war besonders auch für die Pflege und den Erhalt der Sammlung verantwortlich. Und dieser Mann hat sich dann später als Großer der Zunft und als Nachfahre ausgegeben. Er hat 1990 die Gunst der Stunde genutzt und sich selbstständig gemacht als Mouleur, mit Sachen, die nicht seine sind, die er aber als seine ausgibt. Er hat Formen mitgenommen, und er hat auch abgekupfert. Also er sagt, er hat das und jenes ‚gemacht‘ zum Beispiel“, sie deutet auf eine Abbildung im Katalog. „Und diese hier habe ich in Ingolstadt gesehen, in der Ausstellung von Frau Prof. Habrich, der Leiterin des Medizinhistorischen Museums, mit der Unterschrift versehen: von G. Siemiatkowski. Er hatte es dorthin verkauft und wohl nicht damit gerechnet, dass jemand was bemerkt, dass es noch eine Kartei gibt, oder dass ich sie sehen werde und weiß, die hab ich dann und dann gemacht, bei Dr. Sowieso, von dem und dem Patienten. Das ist doch unerhört?! Aber ich konnte nichts machen, ich bin ja nicht die Eigentümerin, habe es aber natürlich gemeldet im DHM. Da kam aber nichts. So, jetzt habe ich Ihnen ja eine ganze Menge erzählt, fast mein ganzes Arbeitsleben …“ Sie lacht sarkastisch.

Wir bitten darum, noch in aller Kürze von Kindheit bzw. Jugend zu berichten. „Als Kind habe ich immer was gebastelt. Mit Ausdauer. Meine Mutter hat gesagt, wo du bist, da ist Dreck. Mein Vater war Schmied und nach der Arbeitslosigkeit dann als Maschinist in der Gardinen- und Spitzenmanufaktur in Dresden, meine Mutter hat Heimarbeit gemacht, Schürzen genäht. 1938 machte ich Abitur. Das war ein Höhepunkt, wir wurden vom BDM überwiesen in die Partei. Man hätte, wenn man politisch schon reif gewesen wäre, Nein sagen können. Aber ich wollte ja Lehrerin werden. 1941 habe ich dann eine Lehrerinnenstelle in Ostpreußen bekommen, in Goldap an der polnisch-litauischen Grenze. Die Lehrer waren alle eingezogen worden. Dort habe ich dann den Kriegsanfang mit Russland erlebt, den Einmarsch der Truppen. Der Ort wurde geräumt, alle flohen. Auch ich, zusammen mit einer Kollegin.

Als wir wieder in Dresden waren und uns meldeten, sagte die Schulbehörde, wir lügen, in Ostpreußen ist kein einziger Ort geräumt. Wenn wir nicht sofort zurückfahren und uns in Gumpingen melden, droht ein Dienststrafverfahren. Wir fuhren über Berlin. Vom Osten her kamen die Flüchtlingsströme rein in den Bahnhof, und wir fuhren auf dem anderen Gleis in Gegenrichtung. 1944. In Königsberg angekommen, war gerade Luftangriff. Königsberg brannte, der Bahnhof war voll mit Flüchtlingen.

In Gumpingen saß tatsächlich noch der Regierungsschulrat. Das Militär ratterte. Weil unser Schulort ja geräumt war, wurden wir versetzt. Ich kam an einen kleinen Ort namens Texeln, später verlief durch ihn die Grenze zwischen Polen und Russland. Dort habe ich als einzige Lehrerin Unterricht gehalten für 40 Schüler und nachts in der leeren Schule geschlafen. Es gab keinerlei elektrisches Licht und nichts. Von draußen hörte man bereits das Grollen von Kanonendonner näher kommen. Dann war es endlich soweit, zu gehen. Ich fuhr mit dem Rad meiner Kollegin rüber in ihren Ort, und von da aus radelten wir zur Straße, die nach Westen geht, und da war alles verstopft. Militär und Wehrmacht in Privatautos, Stoßstange an Stoßstange. Wir nahmen lieber einen Feldweg. Es war kalt, Nebel, leichter Regen und stockdunkle Nacht. Rabenschwarz. Da wurde mir mulmig. Dann sah man, dass es brannte, ein roter Schein Richtung Rominten. Wir sind bis zur Kreisstadt Gerdauen gefahren und haben nach langem Warten einen Zug bekommen nach Westen.

Mit vielen Unterbrechungen waren wir so vierzehn Tage unterwegs. Jedenfalls die große Flucht über das Haff mussten wir nicht mitmachen, wie all die Bauern dort mit Pferd und Wagen, die Schreckliches erlebt haben. Ich kam gut in Dresden an, gerade rechtzeitig zum Angriff. Meine Eltern wohnten aber weiter draußen zum Glück. Bei uns sind nur die Scheiben zersplittert und im Keller waren Türen eingeklemmt. Na ja, und dann war der Krieg zu Ende. Und ich war nun in der DDR, da war es so, dass Lehrer, die vor 1920 geboren waren … die galten automatisch als politisch belastet und hatten Berufsverbot. Meine Kollegin, die mit mir war, war Jahrgang 1920, sie hat im Januar Geburtstag, ich habe vierzehn Tage vor ihr Geburtstag, bin aber Jahrgang 1919 und fiel also unter die Regelung. Da war nichts zu machen. Und so kam ich zu den Moulagen“, sagt sie und lächelt.