„Manchmal muss man sich von Zielen verabschieden“

SCHEITERN Bei vielen Menschen kommt der erste Misserfolg schon in der Schule, weiß die Hamburger Psychologin Lilo Endriss. Darüber, wie sich mit Niederlagen kreativ umgehen lässt, hat sie ein Buch geschrieben: „Steh auf Mensch“

INTERVIEW ANDREAS SCHNELL

taz: Frau Endriss, Ihr Buch heißt: „Steh auf Mensch“ – ist das eine Aufforderung?

Lilo Endriss: Ja, aber es ist auch ein Wortspiel, das sich auf das „Steh-auf-Männchen“ bezieht. Ich hab das dann weiter gefasst, damit auch die weibliche Hälfte der Menschheit erfasst ist.

Was war das Motiv, dieses Buch zu schreiben?

Misserfolg ist ein Tabuthema. Darüber spricht man nicht gern. Und häufig steht man mit seinen Misserfolgen allein da, oder es gibt sogar Menschen, die einem dann bewusst oder unbewusst noch etwas Entmutigendes sagen, bis man schließlich aufgibt. Gerade dann ist es wichtig, dass einem jemand Mut macht.

Kennen Sie das auch aus eigener Anschauung?

■ 62, ist Diplompsychologin, Kreativitätstrainerin, Sozialmanagerin, Coach und Trainerin für Gesundheitsförderung in Hamburg. Ihr Buch „Steh auf Mensch! Über den kreativen Umgang mit Krisen und Misserfolg“ (288 S., 21,80 Euro) ist bei BOD erschienen.

Ich bin auch von Krisen und Misserfolg betroffen. Ich habe vier verschiedene Schulen in drei Bundesländern besucht und bin umgeschulte Linkshänderin. Zudem war ich ein sogenanntes Scheidungskind, habe Armut und sozialen Abstieg erlebt. Als ich darüber nachdachte, wie ich da eigentlich wieder rausgekommen bin, hab ich gemerkt, dass ich immer mehrere Anläufe gebraucht habe, um etwas zu erreichen. Glatt lief es meistens nicht. Bei vielen Menschen kommt der erste Misserfolg schon in der Schule, wo die Weichen für die weitere Laufbahn gestellt werden.

Wie können sogenannte Bildungsverlierer kreativ mit ihrem Scheitern umgehen?

In der Regel haben diese Menschen negative Erfahrungen mit dem Lernen gemacht. Solange sie sich durch diese Beurteilungen ausgebremst fühlen, bleiben sie unten, um im Bild vom Stehaufmännchen zu bleiben. Sie haben den Spaß am Lernen verloren und meiden die üblichen Lernorte. Aber es gibt Möglichkeiten jenseits der Regelschule, zum Beispiel die sogenannten Produktionsschulen, wo „Schulversager“ mit ihren Fähigkeiten anders umzugehen lernen, weil sie in die Praxis kommen und darüber den Bogen zu theoretischen Kenntnissen schlagen können. Da wird nicht darauf geschaut, was die Menschen nicht können, sondern was sie können.

In Ihrem Buch gibt es Begriffe wie Resilienz, Fiasko-Faktor, Panorama-Methode, Profiling-Net – kann auch jemand ohne Abitur mit Ihrem Buch etwas anfangen?

Die Fachbegriffe werden erläutert. Psychologisches Wissen wird verständlich vorgestellt und durch Grafiken und eine bildhafte Sprache anschaulich gemacht. Mein Buch basiert auf anderen Fachbüchern und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das war mir wichtig. Es richtet sich an Betroffene, die im Selbstcoaching verschiedene Verfahren und Übungen an die Hand bekommen, um sich selbst wieder aufzurichten. Aber man braucht natürlich Zeit, um es durchzuarbeiten.

Kann man ein positives Selbstwertgefühl allein mit einem Buch erlernen?

Das kommt drauf an. Das Selbstwertgefühl eines Menschen unterliegt Schwankungen. Bei Depressionen ist das besonders ausgeprägt. Was ich herausgefunden habe ist, dass man sich selbst und andere grundsätzlich als „Okay“ ansehen sollte. Das muss ein Leben lang immer wieder trainiert werden. Das ist vielleicht ähnlich wie bei einem Kochbuch. Da gibt es Empfehlungen für eine Mahlzeit, aber die Zutaten muss man selbst einkaufen, vorbereiten, kochen und würzen. Wenn es nicht gelungen ist, würde sich ein Steh-auf-Mensch überlegen, was nicht gut gelaufen ist, aber nicht davon Abstand nehmen, in Zukunft wieder zu kochen. Vielleicht würde er ein anderes Rezept probieren – oder ein anderes Buch ... Das wäre ein kreativer Umgang mit dem Misserfolg.

Wenn ich Ihr Buch Kapitel für Kapitel durchgearbeitet habe, bin ich dann ein erfolgreicherer Mensch oder ein zufriedener? Oder beides?

Jein. Mein Buch ist sehr systematisch aufgebaut, soll Stück für Stück in die Thematik hineinführen und möglichst praktisch wieder hinaus. Die Begriffe Erfolg und Misserfolg sollen dabei durchaus auch kritisch betrachtet werden. Dass man allein durch die Lektüre eines Buches erfolgreicher werden kann, bezweifle ich grundsätzlich. Mir geht es darum, dass sich Menschen immer wieder über ihre Ziele klar werden und dass sie ihre Ziele vom Selbstwertgefühl abkoppeln. Das Buch soll ein Selbstcoaching-Tool sein, kein Glücksratgeber. Glück ist flüchtig. Manchmal muss man sich von Zielen verabschieden, wenn man merkt, dass sie unrealistisch sind. Auch das ist kein Fiasko. Man ist vielleicht traurig, aber das Ganze als persönliches Scheitern zu verarbeiten und die nächsten 20 Jahre daran zu knabbern, muss nicht sein. Wir haben schließlich nur ein Leben.