nebensachen aus rom

Vom Brautstrauß, den keine fangen will oder: monatelanger Dauerstress vor der Hochzeit

„Du bist auf eine Hochzeit eingeladen? Auf eine italienische Hochzeit? Toll.“ Das höre ich jedes Mal, wenn ich deutschen Freunden von anstehenden Vermählungen im Bekanntenkreis erzähle. Kein einziges Mal bin ich gefragt worden, wie sie denn so sind, die italienischen Hochzeiten. Schließlich weiß das jeder in Deutschland:

A) Die Sonne scheint.

B) Die Gesellschaft sitzt vor einem rustikalen Bauernhaus unterm Baum oder einer Pergola.

C) Geschlemmt wird an einer langen Tafel, an deren Ende der Opa sitzt, mit Schnurrbart und roten Bäckchen.

D) Getrunken wird Wein, der natürlich in den bauchigen, mit Bast eingehüllten Flaschen auf den Tisch kommt.

E) Irgendwann greift einer zum Akkordeon, und dann tanzen auch schon die Ersten, mittendrin eine lachende Braut mit wehendem weißem Schleier.

F) Überhaupt geht es ganz ungezwungen zu, alles ergibt sich spontan, vorneweg die ausgelassene Stimmung, und nichts ist groß organisiert. Schließlich wissen wir Deutschen, dass die Italiener uns da was voraus haben, und wir haben alle so eine Hochzeit schon mal gesehen, wenn auch bloß im Film.

Mag sein, dass die Italiener meistens so sind. So ziemlich auf allen Feldern stimmt das deutsche Vorurteil von der entspannten Improvisationsfähigkeit – bloß nicht beim Heiraten. Nichts im Land wird so penibel und generalstabsmäßig geplant, nichts so straff organisiert wie der Schritt in die Ehe.

Gespräch zwischen zwei älteren Damen im Zug nach Genua, belauscht vor einigen Tagen. „Mein Sohn heiratet am 30. August 2008.“ Und der wird die zweieinhalb Jahre Vorlauf nicht untätig verbringen. Das Restaurant hat er schon ausgesucht, aber jetzt will die passende Kirche gefunden sein. Dann wird er sich mit seiner Liebsten wochenlang Gedanken machen über den angemessenen Blumenschmuck in der Kirche, über das Gefährt – ein Bentley? Oder reicht auch ein Mercedes? – über das Menü, über die lang und länger werdende Gästeliste. Und dann wollen noch die „Confetti“ ausgesucht werden, die kleinen Präsente mit ein paar Süßigkeiten, von denen jeder Hochzeitsgast am Ende eines erhält, vom Medaillon übers nachgemachte griechische Säulenkapitell bis zum kitschigen Väschen.

Brautleute sind in den letzten Monaten vor dem Fest chronisch gestresst. Zum Beispiel treiben sie sich extra auf Messen herum, auf denen der ganze Plunder rund um die Hochzeit vom 6.000 Euro teuren Brautkleid bis zum Büttentischkärtchen zu besichtigen ist.

Wenn dann der große Tag herannaht, sind die beiden natürlich kein Stück ausgelassen. Denn ihr Stress ist ja noch längst nicht zu Ende. Jetzt einfach feiern? Von wegen. Die beiden sind ja nicht bloß Brautleute, sie sind vor allem Darsteller ihrer selbst. Den ganzen Tag von einem extra engagierten Profi geknipst und gefilmt, werden sie vor dem Essen noch zu irgendeiner schönen Kulisse gekarrt – in Rom zum Beispiel vor das Kolosseum – wo sie dann auf Kommando mächtig verliebt dreinblicken müssen, „So, das war nichts, das machen wir noch mal, ihr schreitet ganz langsam rechts rüber und guckt euch ganz tief in die Augen, dann gebt ihr euch einen leidenschaftlichen Kuss.“

So können die Gäste zwei Menschen besichtigen, die Schwerstarbeit verrichten. Bloß eine Sache ist dann wirklich so wie im Film. Am Ende wirft die Braut tatsächlich den Strauß über die Schulter. Vorsichtshalber tun die unverheirateten Mädchen einen Schritt zur Seite. Man kann sie verstehen. MICHAEL BRAUN