Dagobert-Duck-Illusion

FREITAGSCASINO VON ULRIKE HERRMANN Deutschland ist an der Staatspleite Griechenlands alles andere als unschuldig

Erst waren die Banken pleite, nun sind es nicht wenige Eurostaaten. „Piigs“ werden sie gern genannt. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich Portugal, Irland und Italien, Griechenland, Spanien. Bei den Griechen ist es schon so weit, dass ihr Premier auf Betteltour die europäischen Hauptstädte abklappern muss und jetzt am Freitag auch bei Angela Merkel anklopft.

Anfangs hatten die Länder durchaus unterschiedliche Probleme. Spanien, zum Beispiel, hatte kaum öffentliche Schulden, vielmehr wurden sogar Überschüsse im Haushalt erwirtschaftet. Kredite hatten vor allem die Privatleute aufgenommen – dafür aber hemmungslos. Nicht selten wurden mit Darlehen Häuser am Strand gebaut, in die man gar nicht einziehen wollte, sondern von denen man nur hoffte, sie zu einem höheren Preis wieder abzustoßen. Diese Spekulationsblase ist geplatzt. Die Bauindustrie ist am Boden, die Arbeitslosigkeit explodiert, die Bürger müssen irgendwie ihre Hypotheken zurückzahlen und schränken ihren Konsum ein. Mehrere Konjunkturpakete haben die Wirtschaft kaum ankurbeln können, die Steuern brechen ein, und der spanische Staat rutscht nun tief in die Schulden.

Ist die Finanzkrise schuld?

■ ist die wirtschaftspolitische Korrespondentin der taz. Nächste Woche erscheint ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ (Westend). Es beschreibt, wie sich die Mittelschicht fälschlich für einen Teil der Elite hält.

Wie anders ist Griechenland gelagert. Dort gab es keine Spekulationsblase, weder bei den Banken noch bei den Immobilien, dafür sind aber alle verschuldet: der Staat genauso wie seine Bürger. Diese Entwicklung ist keinesfalls neu, sondern zieht sich schon seit Jahren hin und wurde lange eher schmunzelnd hingenommen. Denn es war bekannt, dass Griechenland seine Schuldenstatistiken systematisch schönte, um den Euro erst zu bekommen und dann zu behalten.

Auch wusste jeder, der es wissen wollte, dass die Bestechung der Staatsdiener in Griechenland gängig ist. Beim Korruptionsindex von Transparency International liegt Griechenland auf Rang 71, während Spanien auf Platz 32 landet – also als deutlich weniger korrupt wahrgenommen wird. Woran liegt es nun, dass so unterschiedliche Länder wie Spanien und Griechenland gleichzeitig vom Staatsbankrott bedroht sind? Ist dies nur die Wucht der Finanzkrise, die jeden mitreißt – oder gibt es tatsächlich strukturelle Gemeinsamkeiten?

Um platt zu beginnen: Wenn sich Bürger oder Staat verschulden, dann muss das Geld irgendwoher kommen. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) führt Statistiken über die Darlehensströme. Dabei kam heraus: Die Griechen schulden deutschen Banken 43 Milliarden Dollar, bei den Spaniern sind es 240 Milliarden und bei den Portugiesen 47 Milliarden.

Geldschwemme in Deutschland

Für die Südeuropäer war es durchaus einfach, die ausländischen Kapitalgeber zu überzeugen, sich doch bitte in Südeuropa zu engagieren. Denn vor allem in Deutschland war sehr viel Geld übrig, das nach Verwendung suchte. Die deutsche Wirtschaft schleudert ihre Waren in die Welt, aber gleichzeitig wird recht spärlich im Ausland eingekauft – und durch diese Exportüberschüsse bleiben Milliarden auf den deutschen Konten hängen. Bloß wohin damit?

Der einfachste Ausweg war, es unter anderem an die Griechen, Portugiesen oder Spaniern zu verleihen, denn bei ihnen ist es genau andersherum: Sie importieren weit mehr, als sie exportieren, und müssen daher Kredite im Ausland aufnehmen. Besonders gern kaufen sie deutsche Waren, die sie dann unter anderem mit deutschen Darlehen finanzieren. Für Griechenland und Spanien ist die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner.

Selbst mitten in der Finanzkrise konnten die deutschen Firmen umfangreich in den Süden liefern. Griechenland hat 2009 deutsche Waren im Wert von 6,7 Milliarden abgenommen, Spanien gar 31 Milliarden für Produkte „made in Germany“ ausgegeben. Umgekehrt bestellten die Deutschen nur zögerlich: Griechenland konnte nur Waren im Wert von 1,85 Milliarden Euro in die Bundesrepublik liefern, bei Spanien waren es 19 Milliarden.

Deutsche liefern de facto gratis

Die Deutschen ähneln Dagobert Duck: Sie glauben, dass es reich macht, wenn möglichst viel Geld auf den Konten lagert. Sie fühlen sich sicher, wenn sie Jahr um Jahr gigantische Exportüberschüsse einfahren. Dabei wird ausgeblendet, woher die Gelder kommen sollen, mit denen die Importländer die deutschen Produkte bezahlen. Aus Exporten nach Deutschland können diese Mittel nicht stammen, weil die Bundesrepublik so viel weniger ein- als ausführt. Die Lösung ist: Die Deutschen zahlen selbst für die Waren, die sie ins Ausland exportieren, indem sie nicht nur die Güter liefern, sondern gleichzeitig auch die Kredite.

Dieses Kredit-Export-Spiel kann nicht ewig funktionieren. Irgendwann sind die Kunden überschuldet. Dann zeigt sich, dass die permanenten Exportüberschüsse kein Wohlstand sind – sondern die Deutschen ihren Wohlstand verschenken. Sie sehen Teile ihrer Kredite nicht wieder, haben die Güter also gratis ins Ausland geliefert.

Diese Dagobert-Duck-Illusion ist nicht der einzige Denkfehler der Deutschen. Genauso falsch ist ihr Glaube, dass sich die deutschen Waren weltweit durchsetzen würden, weil „made in Germany“ das ultimative Qualitätssiegel sei. Tatsächlich betreiben die Deutschen einen aggressiven Preiskampf, indem sie auf Lohndumping setzen. Seit Jahren fallen die deutschen Reallöhne, während sie in allen anderen Euroländern gestiegen sind. Auf jedem internationalen Finanzgipfel wird angemahnt, dass Deutschland seine „wirtschaftlichen Ungleichgewichte“ beseitigen soll, wie es vornehm heißt, wenn dieser Exportfeldzug kritisiert wird.

Die Deutschen wollen so gerne Dagobert Duck sein. Sie halten sich für reich, wenn möglichst viel Geld auf Konten lagert

Deutschland hat seine südlichen Handelspartner erfolgreich vernichtet. Die Reallöhne werden nun auch bei den Griechen und Spaniern fallen. Profitiert hat davon fast niemand, auch die deutschen Arbeitnehmer nicht. Es ist ein Wettlauf nach unten.

Dabei wäre die Alternative verlockend: Die Deutschen könnten ihre Löhne anheben – und mehr im Lande konsumieren, statt die Welt mit Gütern zu beschenken. Aber dagegen steht die Dagobert-Duck-Illusion, dass Exportüberschüsse reich machen.

ULRIKE HERRMANN