Die Wiederkehr der Geräusch-Bilder

RADIO Mehrere ARD-Sender verhelfen der etwas in Vergessenheit geratenen Königsform des Hörfunks zu einer Renaissance – dem Feature. Einige Produktionen laufen an diesem Wochenende und versprechen bestes Kopfkino

VON JAN SCHEPER

Features sind etwas für die kurze Ewigkeit“, sagt Helmut Kopetzky. Er muss es wissen, macht der Journalist doch seit fast 40 Jahren Radio-Features, „künstlerisch gestaltete Dokumentationen“, wie sein jüngerer Kollege Michael Lissek das Genre umschreibt. Vor rund 60 Jahren etablierten Männer wie Axel Eggebrecht und Peter von Zahn das Feature im Radio. Bevor das Fernsehen dafür sorgte, dass die Bilder nicht mehr im Kopf entstehen mussten, waren die Features von Eggebrecht und Kollegen wahre Straßenfeger.

Im Zuge eines allgemeinen Booms der dokumentarischen Formen in allen Medien hat die ARD sich dieser Tradition besonnen und dem Genre mit der im Januar angelaufenen Reihe „Das ARD radiofeature“ einen Aufmerksamkeitsschub beschert. Die Programmoffensive, an der außer dem MDR und dem RBB, die eine eigene Feature-Kooperation unterhalten, alle ARD-Sender beteiligt sind, wird umfangreich beworben. Ein eigens gefertigter TV-Trailer verspricht die „Wahrheit hinter der Wirklichkeit“. Und eine PR-Agentur kümmert sich darum, dass die Welt auch mitbekommt, was sich da gerade im von Medienjournalisten gern vernachlässigten Hörfunk so tut. Die am heutigen Samstag im SR und BR gesendete zweite Produktion „Der Einsturz zu Köln“ von Peter Meisenberg widmet sich der Geschichte des Historischen Archivs der Domstadt, das vor fast einem Jahr im Erdboden versank.

Gisela Corves, beim federführenden WDR zuständig für die Ressorts Feature und Literatur, sagt, es handle sich beim „ARD radiofeature“ um ein „gemeinschaftliches Projekt aller Beteiligten“. Neun „investigative Radioproduktionen“ laufen dieses Jahr bundesweit, jeweils eine pro Monat, „mit einem ebenso wichtigen künstlerischen Anspruch“, sagt Corves weiter. „Es geht darum, die Marke Radio-Feature zu stärken und neue Hörer zu gewinnen, auch über den neuen Auftritt bei ard.de.“

Mit der Kombination von Radio und Internet hat man bei der 2008 nach ähnlichem Muster gestarteten Hörspielreihe „ARD Radio Tatort“ gute Erfahrungen gemacht. Dementsprechend wartet die Internetpräsenz zum „ARD radiofeature“ mit einigem auf: Downloadfunktion, Autoreninfo, Manuskripteinsicht und eine Link-Sammlung zum Thema stehen dem hörenden User zur Verfügung.

Der Medienhistoriker Patrick Conley, der sich intensiv mit der Geschichte des Features beschäftigt hat, sieht in einer verstärkten Internetnutzung große Chancen für das „Einschaltprogramm Feature“, denn zeitlich ungebundene Zugriffsmöglichkeiten kommen allen Hörfunkgenres entgegen. Außerdem hoffen die Macher, auf diesem Wege ihren Hörerkreis zu erweitern. „Kulturradiohörer sind ja in der Regel nicht die Jüngsten“, sagt Featuremacher Lissek, der ebenfalls Hoffnungen in die Generation Podcast setzt.

Dass Features online jedoch eher selten auftauchen – der Westdeutsche Rundfunk beispielsweise stellt pro Monat gerade mal mindestens eine Produktion mit Downloadfunktion ins Netz –, liegt vor allem an schwierig zu klärenden Rechtsfragen.

„Schwerpunktmäßig geht es in der Debatte um die Verwertungsrechte von Musik im Internet, neben Gema-Gebühren vor allem um Abgeltung von Leistungsschutzrechten“, erläutert Renate Jurzik, Leiterin des Künstlerischen Worts beim RBB-Kulturradio. Beim Kooperationspartner MDR Figaro hat man zwar die Möglichkeit, einige Features im Internet nachzuhören beziehungsweise herunterzuladen, allerdings ohne Musik, für Jurzik „eine große Beschneidung des Features, denn die Musik trägt ganz entscheidend zum Charakter der Produktionen und zum Hörvergnügen bei“.

Was im Internet noch nicht so richtig klappt, ist bei Hörbuchverlagen längst selbstverständlich. „Wir glauben, dass das Feature mit seinen außerordentlichen Möglichkeiten in keinem Hörbuch-Programm fehlen sollte“, sagt Katrin Machulik, Lektorin beim Audio-Verlag. „Die Themen müssen eine gewisse zeitlose Relevanz haben; besonders gut eignen sich daher Hörporträts bekannter Personen der Zeitgeschichte.“ Im Verlagsprogramm finden sich entsprechend Produktionen zu James Dean oder Ulrike Meinhof. Der Audio-Verlag steht im engen Austausch mit Hörspiel- und Feature-Redaktionen.

An Nachschub mangelt es nicht. Denn im öffentlich-rechtlichen Radio ist die Produktionsvielfalt und -dichte groß – erst recht, wenn man bedenkt, dass die Autoren mehrere Monate bis zu einem Jahr an einem Feature arbeiten. Beim RBB-Kulturradio etwa laufen jährlich 120 Produktionen auf drei Sendeplätzen. Das Deutschlandradio Kultur bringt es im Jahr auf immerhin 30 Neuproduktionen. Eine davon ist ebenfalls heute um 18.05 Uhr zu hören. „Lord Ye liebt einen Drachen“ von Maya Kristin Schönfelder erzählt die Geschichte einer Gruppe junger Chinesen zwischen Wünschen, Hoffnungen und sozialer Realität im Reich der Mitte. „Es geht um Themen aus der Lebenswirklichkeit“, umreißt Featureredakteur Ingo Kottkamp die Auswahlkriterien bei seinem Sender.

Auf etwa 50 Produktionen monatlich taxiert Helmut Kopetzky den Output der Sender: „Das Feature ist in Deutschland sehr gut vertreten.“ Nicht zuletzt dank vielfach ausgezeichneter Autoren wie ihm.

1999 und 2002 erhielt Kopetzky den renommierten Prix Europa sowie 2008 den Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk. Kopetzky gehört zu den Autoren, die ihre Features im eigenen Studio produzieren – als Autor, Regisseur und Produzent in Personalunion. Ebenso übrigens wie Michael Lissek, der das Featuremachen beim ORF gelernt hat und seit zehn Jahren erfolgreicher Autor ist. Ganz egal jedoch, ob man zum Produzieren des Features in den Sender fahren oder nur in den heimischen Keller gehen muss: Am Anfang steht immer die Sammlung von Material zum Thema. „Bei einem 40-bis-50-Minuten-Feature kommt man auf etwa 35 Stunden Material“, erklärt Lissek.

Hat man alles beisammen, wird „transkribiert und geschnitten, so entsteht das Manuskript“, sagt der studierte Literaturwissenschaftler. Das landet dann bei der Redaktion, wird geprüft und geht bei Änderungswünschen an den Autor zurück, der die erste Fassung überarbeitet und eine neue einreicht. Danach geht es ins Studio. In etwa einer Woche produzieren Regisseur, Toningenieur und Schauspieler dort das sendefertige Radio-Feature.

Für Altmeister Helmut Kopetzky wird ein gutes Feature von einer Autorenpersönlichkeit mit klaren Standpunkten getragen. Den „Druck einer lebendigen Gesinnung“ nannte das Featurepionier Axel Eggebrecht. Michael Lissek definiert seine Rolle etwas zurückhaltender: „Der Autor generiert die Töne, er setzt Erinnerungsmodule zusammen und füllt die Zwischenräume der Information, auch indem er Lücken lässt. Man muss nicht eine Geschichte er-finden, sondern finden, eine menschliche Investigation, die sich an der Wirklichkeit orientiert, die erlebt ist und für den Hörer erlebbar wird.“

Gemessen an dem erheblichen Produktionsaufwand eines Features ist die Vergütung bescheiden: Zwischen 2.700 und 3.800 Euro verdienen Autoren an einem Stück und sind deswegen auf Mehrfachverwertung ihrer Arbeiten angewiesen. Die Autoren des „ARD radiofeatures“ erhalten nur den dreifachen Honorarsatz. Laut Branchenlogik müsste es der siebenfache sein, da sich pro Koproduzent das Salär üblicherweise verdoppelt. Und so ist das Verhältnis der Autoren zum „ARD radiofeature“ gespalten: Einerseits können sie sich über die prominente Verbreitung ihrer Arbeiten freuen, andererseits werden reguläre Honorarsätze ausgehebelt.

Trotz der Feature-Offensive der ARD wird die dokumentarische Königsform wohl etwas für Liebhaber bleiben. Wirklich zuhören kann und will eben nicht jeder. Helmut Kopetzky jedenfalls macht sich keine Illusionen über die Möglichkeiten des Genres. „Das Feature war, ist und bleibt ein Minderheitenprogramm“, sagt er und ergänzt: „Aber im Sinne der relevanten Minderheiten.“