Zum Herzschlag der besten Musik

DOPPELAGENTEN Das Zeughauskino zeigt die Filmreihe „Punk, Pop, Rock: Die Neue Deutsche Welle und das Kino“. Interessant ist zu sehen, wie unscharf die Trennlinie zwischen Subversion und Angepasstheit ausfiel

VON NADJA GEER

Der popmusikalische Diskurs übernahm in den frühen 80er-Jahren zwei Funktionen: Als Artikulation jugendlichen Aufbegehrens stellte er die bürgerliche Kultur in Frage und als neuer Ort politischer Dissidenz die Dichotomie zwischen System und Rebellion. Während man in der Alternativkultur der 70er-Jahre noch wusste, woher die Repression stammte und wie man gegen sie kämpfte, stellte sich die smartere Subversion des Pop als postmoderne Bricolage dar.

Wie konnte aus dem Hoffnungsträger Pop eine verwaltete Zeichenwelt werden?

Das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums Berlin zeigt in seiner Reihe „Punk, Pop, Rock“ das Mäandern der jungen deutschen Popmusik in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Die künstlerische Verbindung, die die „Neue Deutsche Welle“ dabei mit dem Unterhaltungsfilm der 80er-Jahre einging, zeichnet sich dementsprechend dadurch aus, dass man als Zuschauer nicht weiß, wie der Hase läuft. „Trink, Axel, du hast immer für beide Seiten gearbeitet“, sagt Peter Maffay in seiner Rolle des „Joker“ zu seinem korrupten Polizeikollegen, gespielt von Armin Mueller-Stahl, und schafft damit ein verbales Emblem für das Doppelagentendasein der jungen Popmusik zwischen Kunst und Kommerz.

„Der Joker“ von Peter Patzak aus der zweiten Hälfte der 80er-Jahre hat eigentlich nichts mit dem Aufbruch deutscher Popmusik zu tun, wenn man die Tatsache außer acht lässt, dass Deutschrocker Peter Maffay die Hauptrolle spielt. Dennoch zeichnet diesen in Hamburg spielenden harten Polizeifilm eine Atmosphäre aus, in der man den New Wave in Deutschland als Echo hören kann. Pop in der damaligen Zeit, daran wird man in der Rückschau erinnert, war eben nicht nur die Musik, die man gerade hörte, sondern eine Ästhetik, die sich in dem Dresscode und der Wohnungseinrichtung ebenso ausdrückte wie in der Geisteshaltung. Diese als „romantisch“ zu bezeichnen, ist nicht falsch: Kontrapunktisch zu der gesellschaftlichen Endzeitstimmung der 80er-Jahre, hervorgerufen durch das Wettrüsten und Tschernobyl, suchte man das kleine Glück im emphatischen Popsong.

Wie konservativ der deutsche New Wave in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter war, wird deutlich, wenn man sich „Richy Guitar“ von Michael Laux anschaut. Richy, gespielt von „Die Ärzte“-Frontmann Farin Urlaub, umwirbt sein aufgesextes New-Wave-Mädchen Anja mit einer Zärtlichkeit und Genügsamkeit, die einem im Berghain-Zeitalter im besten Falle naiv erscheint. Und was machen Anja und Richie, nachdem sie aus der Enge ihrer Elternhäuser geflohen sind? Sie bauen sich ein Nest in einem Abrisshaus in Kreuzberg und kopieren das Spießbürgertum ihrer Eltern.

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wie stark die neue, subversive Kunstform Popmusik in der damaligen Zeit reterritorialen Strömungen unterworfen war, kann man in den sehr unterschiedlichen und raren Filmen, die Jörg Frieß und Philipp Stiasny für diese Reihe zusammengestellt haben, sehen. Während „Dandy“ mit Blixa Bargeld und Nick Cave musikalisch und ästhetisch den Aufstand probt, zeigt der „Madonna-Mann“, wie gut sich eine ganz bestimmte Form von Pop (verkörpert in Marius Müller-Westernhagen), als Vehikel für Traditionen nutzen lässt – im Falle von Regisseur Hans-Christoph Blumenberg ist es die feuilletonistische Vorliebe für klassische Gangsterkomödien der 50er-Jahre.

„Und wir tanzten bis zum Ende zum Herzschlag der besten Musik, jeden Abend, jeden Tag, wir dachten schon, das wär der Sieg, das war vor Jahren“: Fast scheint es folgerichtig, dass die Fehlfarben, von denen diese Zeilen stammen, in „Neonstadt“ mitspielen, einem Episodenfilm von jungen Münchner Filmemachern (unter ihnen Dominik Graf), der zu einem Horrorfilm mutiert. Die Diskothek, wo man bis vor kurzem noch „zum Herzschlag der besten Musik“ tanzte, wird plötzlich zum Schauplatz eines irren Gemetzels. Pop eats itself. Wie konnte das geschehen? Wie konnte aus dem Hoffnungsträger Pop eine verwaltete Zeichenwelt werden?

Wer die Irrungen und Wirrungen der Verortung und Nicht-Verortung der mannigfaltigen Pop-Positionen noch einmal nachvollziehen will, nicht in Form eines intellektuellen Diskurses, sondern als sinnliches Erlebnis, der schaue sich die Filme an, die in den nächsten Wochen im Zeughauskino laufen. Pop in Deutschland ist dreißig Jahre alt. Es wird Zeit, kartografisch und historisch an die Sache heranzugehen.

■ Termine unter www.dhm.de/kino/index.html