Wir und ihr

Die Debatte um Zwangsehen und Ehrenmorde hat einen rassistischen Unterton erhalten – dank Necla Kelek und anderen Stimmen, die daran das „Wesen des Islam“ festmachen

In den vergangenen Woche wurden im kurdisch geprägten Südosten der Türkei drei junge Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren tot aufgefunden. Vieles deutet auf einen Mord im Namen der Ehre hin. Solche „Ehrenmorde“ kommen in den modernen Zentren der Türkei so gut wie nie vor; gerade Kurdinnen in ländlichen Gebieten sind davon jedoch überproportional betroffen. Frauenrechtlerinnen in der Türkei machen dagegen schon seit Jahren mobil. Trotzdem gibt es in der Türkei keine hysterische Kampagne, die sich speziell gegen Kurden richtet. Denn türkische Frauenrechtlerinnen wissen: Das Patriarchat ist kein ethnisches Problem, und beileibe nicht nur auf Kurden beschränkt.

Gewalt gegen Frauen ist auch in der Türkei ein Thema. Aber es wird nicht auf Ethnie und Religion reduziert

Natürlich haben „Ehrenmorde“ und „Zwangsehen“ eine besondere „Qualität“. Aber Gewalt gegen Frauen ist kein spezifisch muslimisches, sondern auch ein deutsches Problem. Die erste große Studie zum Thema wurde 2002 vom Bundesministerium für Familie, Senioren und Jugend in Auftrag gegeben. Über 10.000 Frauen in ganz Deutschland wurden zu ihren Gewalterfahrungen befragt, türkische und osteuropäische Migrantinnen gesondert. Demnach gaben 40 Prozent der befragten, ganz „normalen“ deutschen Frauen an, schon einmal körperliche oder sexuelle Übergriffe erlebt zu haben, und zwar in einer strafrechtlich relevanten Form. Bei den osteuropäischen Migrantinnen lag diese Rate bei 44 Prozent, bei den in Deutschland lebenden Türkinnen bei 49 Prozent – das ist fast jede zweite Türkin, und damit eine in der Tat unakzeptabel hohe Zahl. Dagegen vorzugehen ist also dringend nötig.

Aber wie? Sollte es nicht mehr Frauenhäuser geben? Mehr Alphabetisierungskurse, Lehrstellen, Arbeitsplätze für Frauen, damit sie unabhängig werden? Der französische Innenminister Sarkozy will immerhin, als Reaktion auf die Unruhen in den Banlieues, bis zu 15 Prozent der Studienplätze an Frankreichs Eliteunis für Einwandererkinder reservieren, um Vorbilder der Integration zu schaffen. Was aber hat Herr Schily gemacht, was schlägt Herr Schäuble vor? Wo sind die radikalen Vorschläge einer Necla Kelek, um die Frauen zu fördern?

Stattdessen prangern Necla Kelek und andere Protagonistinnen der aktuellen Debatte das vermeintliche „Wesen des Islam“ an, das alle männlichen Anhänger dieser Religion zu Primitivität und Frauenunterdrückung anhielte. Sie entpolitisieren damit das Problem. Und entmutigen diejenigen, die seit je für Gleichberechtigung nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Deutschen und Migranten streiten.

Diesen Kampf haben in Deutschland gerade jene ausgefochten, die jetzt von Leuten wie Necla Kelek als naive „Gutmenschen“ beschimpft werden. „Die gekauften Bräute“ hieß ein Buch von Andrea Baumgartner-Karabak und Gisela Landesberger, das 1978 erschien und „Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien“ porträtierte. „Ehrenmorde“ und Zwangsehen gab es nämlich auch schon damals, leider. Aber eine Frau wie Saliha Scheinhardt, die von solchen Erfahrungen erzählte, konnte ihre autobiografisch gefärbten Bücher damals nur in kleinen, linken Verlagen publizieren. Wer sich damals für solche Geschichten interessierte, waren genau diejenigen Deutschen, die heute von Autorinnen wie Necla Kelek gerne als „Multikulti-Fanatiker“ beschimpft werden. Nur – ohne sie wäre Deutschland für die meisten Einwanderer einfach nur unerträglich gewesen.

Der Mehrheit der Deutschen war es nämlich schlicht egal, ob der türkische Nachbar nun seine Frau schlug oder nicht. Das war nicht, wie Necla Kelek heute behauptet, eine Folge „falsch verstandener Toleranz“, sondern eher der Ablehnung: Der Türke geht mich nichts an, denn er gehört nicht dazu. Es war gerade diese Ablehnung, der permanente Ausschluss aus der Gesellschaft, die immer mehr Migranten veranlasste, sich geistig aus Deutschland zu verabschieden. Das Heuchlerische an der aktuellen Diskussion ist, dass sich an diesem Ausschluss der Migranten aus der Mitte der Gesellschaft nichts geändert hat. Im Gegenteil: „Die Türken und wir“ oder „Die Muslime und wir“, dieser Diskurs wird immer lauter. Dass sich auch Migrantinnen wie Necla Kelek verbal auf eine geradezu rührende Art auf die deutsche „Wir“-Seite schlagen, ändert nichts daran, dass sie in dem konservativen und rassistischen Diskurs, den sie selbst durch ihre Empörungsrhetorik bewusst oder unbewusst reproduzieren, leider auf „unserer“ Seite bleiben, nämlich der „Kanakenseite“. Denn in Deutschland kann der Migrant noch so laut „Wir!“ schreien – er wird immer „sie“ bleiben. Vom evangelischen Bischof Huber, der uns bedeutet, einen anderen Gott zu haben als die Muslime, bis hin zu der ostdeutschen ZDF-Moderatorin, der sich über „uns“ beklagt, obwohl „wir“ doch schon viel länger in diesem Land leben als sie – kaum ein Protagonist der aufgeregten Debatte merkt, dass es gerade diese Grenzziehung zwischen „uns“ und „ihnen“ ist, die eine der Hauptursachen für die gescheiterte Integration ist.

Der türkische Psychologe Gündüz Vassaf hat in seinem Buch über türkische Arbeiterkinder in Westeuropa auf einen Fall aufmerksam gemacht, der in diesem Zusammenhang nicht nur für die Schulpsychologie relevant ist: Ein junger, dunkelhäutiger Mann, der in Afrika in den Eliteschulen des britischen Kolonialregimes erzogen wurde, geht in London ins Kino. Dort läuft „Tarzan“. Doch während sich der junge Afrikaner – wie alle anderen Kinobesucher auch – mit Tarzan, dem Helden des Films, identifiziert, vermögen die weißen Zuschauer in ihm nur einen der schwarzen Wilden zu sehen, wie sie ihn von der Leinwand kennen. So ähnlich ergeht es auch vielen Türken in Deutschland: Sosehr sie sich auch assimilieren mögen – für eine Mehrheit der Deutschen werden sie immer „die Türken“ bleiben.

Welche psychologischen Folgen das hat, lässt sich sehr gut in dem Buch von Sander Gilman über den „Jüdischen Selbsthass“ nach lesen. Das Phänomen der aggressiven Beschuldigung der „eigenen Gruppe“ gegenüber einer Mehrheit, die diese Gruppe seit je stigmatisiert, tauchte in Deutschland zuletzt vor der Machtergreifung Hitlers auf. Assimilierte oder gar konvertierte Juden zeigten damals mit dem Finger auf die neu zugezogenen Juden aus dem Osten und sagten: „Mit diesen primitiven Leuten haben wir nichts zu tun! Lasst sie nicht in unser Land!“ Nun sollten die Nazis den Juden und den Konvertiten bald zeigen, wer zu ihrem „Wir“-Kollektiv gehörte und wer nicht. Diese Zeiten sind zum Glück überstanden, aber das Problem ist geblieben: Man kann in den Augen der meisten Deutschen nicht Deutscher werden – entweder man ist’s oder man ist’s nicht.

In Deutschland kann der Migrant noch so laut „wir“ rufen. Er wird für die Mehrheit immer „sie“ bleiben

Solange sich daran nichts ändert, bleibt jede Empörung über den „mangelnden Integrationswillen“ von Einwanderern heuchlerisch. Nur wer den Neuankömmlingen einen wirklich gleichberechtigten Platz in dieser Gesellschaft anbietet, also sein Integrationsversprechen auch einlösen kann, hat das Recht, seine Einwanderer „in die Pflicht“ zu nehmen.