Kreative Lösung mit dem Cutter

WIDERSTAND Marion Pfaus hat kein Verständnis für den Bau des Stadtschlosses. Mit ihrer Initiative „Humboldt 21“ arbeitet die Satirikerin vorsorglich schon jetzt am Rückbau der barocken Pracht

Es macht laut „puff“, als das Stadtschloss in die Luft fliegt. Samt Kuppel und moderner Fassade. Dann noch einmal: „Puff.“ Auf dem Boden liegt der jämmerlich verkohlte Rest des Berliner Stadtschlosses. Es ist ein Pappmodell, das öffentlich gesprengt wird. Im Film. Trotzdem kommt das kleine Feuerwerk beim Publikum hervorragend an. Etwa dreißig Leute, die sich Ende Mai in der Z-Bar in Mitte zum Schlossabend mit Wiedersprengung versammelt haben, johlen und klatschen. Der kurze Film „Fakten- und Fassadencheck“ ist zu Ende, die Filmemacherin Marion Pfaus verbeugt sich und ruft zur großen Jubiläumssprengparty am 6. August 2050 auf: „Melden Sie sich schnell bei Facebook an!“ Dann lässt sie die Spendenbüchse herumgehen, um ihrem großen Ziel ein Stück näher zu kommen: dem Rückbau des gerade erst begonnenen Berliner Stadtschlosses noch in diesem Jahrhundert.

„Humboldt 21“ heißt die Satire-Initiative der Kurzfilmerin, Autorin und Lesebühnen-Performerin Marion Pfaus. Zwei böse und grandios komische Kurzfilme über den Bau des Humboldtforums hat sie bisher gedreht. Mit der Seriosität einer Nachrichtensprecherin stellt sie sich mit Mikrofon auf den Schlossplatz und kommentiert sämtliche Absurditäten, die ihr auffallen: Sie kraxelt auf die Humboldt-Box, um das Baustellenpanorama zu genießen, kurbelt eine Stadtschlosssouvenirmünze aus dem Automaten und eröffnet ein Wettbüro, in dem man auf Jahr und Tag der Eröffnung des Stadtschlosses wetten kann. Als Protagonistin des Rückbauprojekts „Humboldt 21“ sammelt sie Spenden, baut schon mal das Stadtschlossmodell auf und erprobt mit einem Cutter kreative Formen des Rückbaus einzelner Elemente und Gebäudeteile. Als Fundraiserin, die sich vom Erlös aus der Sparbüchse „vielleicht neue, repräsentative Schuhe“ kaufen will, parodiert sie Wilhelm von Boddien, der im Auftrag der Bauherren 80 Millionen Euro für die historischen Fassadenelemente einwerben soll.

Auf der Bühne und im Film ist Marion Pfaus eine Rampensau, die sich für keinen noch so absurden Gag zu schade ist. Manchmal muss sie darüber dann selbst kichern. Wenn sie aber auf die bei den Stadtschlossfreunden gepflegte Intransparenz zu sprechen kommt, weicht das Lächeln aus Pfaus Gesicht. Wie könne es sein, dass sich von Boddien das Geschäftsführergehalt aus den Spenden auszahlen dürfe? Wie sei es möglich, dass sich der Architekt Rupert Stuhlemmer den Auftrag zur Konstruktion der Schlossfassade selbst erteilen dürfe? Und warum, bitte schön, gebe die Stiftung Humboldt Forum der Öffentlichkeit keine Auskunft über den genauen Spendenstand?

Satire als Intervention

„In die Sache mit dem Humboldtforum habe ich mich vielleicht etwas hineingesteigert“, gibt Pfaus anderntags beim Kaffee zu. Ohne Publikum wirkt die 46-jährige Entertainerin ganz bodenständig, fast ein bisschen unscheinbar. Bei der Beschreibung ihrer Projekte ist sie zurückhaltend. Als Konzept will sie „Humboldt 21“ nicht verstanden wissen, eher als eine Art Intervention einer verärgerten Bürgerin. Kunst zu machen aus dem, was sie umtreibt, gehört zu Pfaus Arbeitsweise. Unter dem Titel „Phänomene des Alltags“ dreht sie Kurzfilme über Fahrraddiebstahl, den Straßenverkehr und den Boulevard der Stars am Potsdamer Platz. Aber mit dem Schlossplatz und dem Humboldtforum samt Schlossfassade beschäftigt sie sich besonders intensiv, „Humboldt 21“ soll ein Langzeitprojekt werden.

Dabei gehört Pfaus, die seit 2000 in Berlin wohnt, gar nicht zur ersten Generation der Schlossgegner. Als 2006 verschiedene Gruppen gegen den Abriss des Palasts der Republik demonstrierten, war sie nicht dabei. Auch die hitzige Debatte über eine moderne oder historisierende Bebauung des Schlossplatzes verfolgte sie nur am Rande. „Ich hätte weder das Schloss gesprengt noch den Palast“, sagt sie. Hinter dem Bundestagsbeschluss, der den Neubau eines neopreußischen Schlosses durchsetzte, vermutet Pfaus einen konservativen Racheakt. Weil es die Kommunisten waren, die das Schloss gesprengt hatten, wolle man nun aus Trotz ein neues hinstellen. „Wenn es die Alliierten im Zweiten Weltkrieg gesprengt hätten, hätte man sich wohl eher damit abgefunden.“

Die Schlossidee fand sie deshalb immer „etwas kindisch“, außerdem glaubt die Satirikerin, dass mit dem Schloss und den Plänen, die historische Mitte samt Rathausbrücke zu rekonstruieren, eine vermeintlich gute alte Zeit abgefeiert werden soll: die vor dem Nationalsozialismus, als Deutschland noch etwas unschuldiger war. Das gesellschaftliche Klima dafür sei günstig, sagt Marion Pfaus. Jetzt, wo die Schlossgegner müde seien und die Berliner sich mit dem Bau abgefunden hätten, habe die Ästhetik des Preußentums wieder Oberwasser. Für Pfaus ist dieses Auflösen historischer Brüche ein Fehler. „Mir hat der Platz am besten mit der Rasenfläche gefallen: Die Stege, die den Schlossgrundriss nachzeichneten, waren für mich ein intelligenter Umgang mit Stadtgeschichte.“

Als dann eines Tages die Humboldt-Box dastand, dieser blaue, missgestaltete Klops, reichte es ihr. Marion Pfaus, die sich an der Filmakademie Ludwigsburg den Künstlernamen Rigoletti zugelegt und ihn auf der Lesebühne im Kaffee Burger weiterentwickelt hatte, gründete die Onlineinitiative „Humboldt 21“. Nicht, um das Schloss zu stoppen oder den Palast zu rächen; sondern um allen, die von einer preußischen Zukunft in der Stadtmitte schwärmen, satirisch vors Schienbein zu treten. Lustvoll schlachtet Rigoletti die erfolgreiche Rückbaugeschichte des Schlossplatzes aus. Für die Guido-Knopp-Persiflage „Rigoletti History TV“ wirft sie sich in enge Strumpfhosen und legt als Markgraf Friedrich der II. den Grundstein fürs erste Stadtschloss – gegen den Widerstand der Bevölkerung, die versuchte, das Fundament zu fluten. Die Sabotageaktion ging als „Berliner Unwille“ von 1443 in die Geschichte ein.

Hier ist nichts von Dauer

Ihre Idee des Rückbaus verkleidet Marion Pfaus als Vernunftlösung, vorgetragen im Ton einer schwäbischen Hausfrau. Die Geschichte habe gezeigt, dass auf dem Schlossplatz nichts von Dauer sei. Wäre es da nicht schlau, beim Bau des Stadtschlosses den Rückbau gleich mitzudenken? Damit die Nutzer des Humboldtforums nicht im Regen stehen, hat sie auch an die Retour der ausgestellten Kulturgüter gedacht. Man könne die Kunst doch einfach wieder dorthin schicken, wo man sie einst hergeschafft hatte. Bei einem Symposium in Hamburg hat Marion Pfaus versucht, Wilhelm von Boddien das Konzept näherzubringen. Leider habe er während ihres Vortrags den Saal verlassen. „Wahrscheinlich musste er eine wichtige Spende einsammeln“, sagt sie. Die ihr bislang gespendeten 360 Euro will Pfaus auszahlen, falls jemand das tatsächliche Datum der Schlosseröffnung errät. Sie selbst ist optimistisch, dass es mit dem Rückbau ab 2025 konkret wird.