„Es sollte wie Urlaub sein“

In seinem Film „Mädchen am Sonntag“ hat Rolf Peter Kahl vier Schauspielerinnen porträtiert: Laura Tonke, Nicolette Krebitz, Katharina Schüttler und Inga Birkenfeld. Ein Gespräch mit dem Regisseur

taz: Herr Kahl, „Mädchen am Sonntag“ hat einen melancholischen Unterton. Das sagt nicht nur etwas über die Figur der Schauspielerin in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft, sondern auch etwas über deren Funktionsweisen. Warum haben Sie diese vier Schauspielerinnen ausgewählt anstelle vermeintlicher Stars?

Rolf Peter Kahl: Es war nicht von vornherein die Absicht, den Film in eine bestimmte Richtung zu treiben. Aber durch die Auswahl der vier war schon ein wenig vorgegeben, wohin die Reise gehen wird: durch ihre Sicht auf die Dinge, wie sie an sich zweifeln, in welchen Rollen sie sich wiederfinden und welche Rollen sie spielen. Und, na klar, Heike Makatsch oder Alexandra Maria Lara würden etwas anderes erzählen, weil sie mehr dem klassischen Bild der Schauspielerin entsprechen, die nach außen versucht, ein Bild von sich selbst zu entwerfen. Dieses Bild würde sie auch in einem persönlichen Gespräch nicht aufgeben.

Statt um die Boulevardperspektive geht es Ihnen um eine Politik der Freundschaft …

Es geht mir nicht um private Momente des Alltags oder um das typische Partygeflüster. Daher habe ich mich auch an kein Set begeben, was wieder nur Klischees angerufen hätte. Es sollte ein bisschen wie Urlaub sein. Und daher wollte ich mit ihnen in filmischen Landschaften unterwegs sein und eine Reise in ihr Ich ermöglichen oder in das, was die Frauen zu diesem bestimmten Zeitpunkt umtreibt.

Dadurch lässt sich schwer zwischen inszenierten und dokumentarischen Filmsequenzen unterscheiden. Ist das ein konzeptueller Entwurf oder einfach so geschehen?

Ich hatte nur eine ungefähre Struktur im Kopf. Ich wollte vier getrennte Blöcke, die jeweils für sich stehen. Ich wollte jeden modernen Schnickschnack weglassen. Daher habe ich die Schnittfrequenz auch relativ gering gehalten und auch kaum Jump Cuts benutzt, sondern die dokumentarische Reportage ausgebaut. Wichtig war es, Tableaus zu schaffen, Bilder, auf die man sich konzentrieren kann, wenn es mal nicht so interessant ist, was gerade gesagt wird. Kurios ist, dass ich innerhalb eines Vierteljahres in vier Jahreszeiten drehen konnte, also für jede Schauspielerin eine eigene „Seelenlandschaft“ entstand.

Der Film ist ein Nouvelle-vague-artiges Zeitdokument geworden. Haben Sie den Titel auf Siodmaks und Ulmers Film „Menschen am Sonntag“ bezogen?

Nein, eher nicht. Es gibt aber einen Film, der zur Inspirationsquelle wurde; der heißt „Romy – Porträt eines Gesichts“, ist aus dem Jahr 1966, von Hans Jürgen Syberberg. Nachdem Romy Schneider ihre ersten französischen und italienischen Filme gedreht und sich dann recht bald von Alain Delon getrennt hatte, war sie für eine längere Zeit in Kiezbühel. Dort besuchte Syberberg sie. Der Film ist total überinszeniert. Syberberg und Schneider kommen nach dem Skifahren in ein Schloss und frühstücken gemeinsam. Eine irre Situation. In dem Film ist Romy Schneider völlig affektiert, sie raucht wie eine Femme fatale, streicht sich durch die Haare und sagt: „Herr Syberberg, fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin.“ Sicherlich ist Romy Schneider bewusst, dass die Kamera läuft, und trotzdem gibt es in dieser pompösen Inszenierung eine große Wahrhaftigkeit. Es ist eben nicht das ZDF-artige Natürlich- und Echtsein, dem wir alltäglich ausgesetzt sind.

Stellt Ihr Film die Unsicherheit der Frauen und ihre Selbstzweifel aus?

Bei allen vier Schauspielerinnen gibt es eine Sinnsuche. Die Frage, die sich für mich stellte, war, warum sie manchmal so wenig dahinter stehen und manches einfach so geschehen lassen. Letztlich geht es um die Frage, warum man nicht total durchdreht. Es ließe sich durchaus sagen, dass in „Mädchen am Sonntag“ auch dieses Motiv von „Wir wollen nicht erwachsen werden“ auftaucht. Es gibt einen Umbruch der Altersstruktur, ab wann man Verantwortung für sich übernimmt, sich seiner Identität klarer wird und eine Verantwortung dem Leben gegenüber annimmt. Das wird heute so lange wie möglich hinausgezögert: Mir ist erst später aufgefallen, dass es auch eine Art Zeitbild sein könnte, wie Frauen in dieser Generation agieren, wie sich Frauen um die 30 in diesem Land ihr Leben vorstellen, was ihre Sehnsüchte, Wünsche und Träume sind.

Es geht nicht um das Scheitern der Schauspielerin, sondern um ihre Rede gegen die Angst vor dem Verschwinden. Daher klingt es im Film beängstigend, wenn die Aussage fällt: „Ich habe ein Jahr nicht gedreht.“

Absolut. Es gibt immer noch das klassische Problem, dass es für viele Frauen ab einem bestimmten Alter keine Rollen mehr gibt. Dann gibt es einen Schnitt, und mit Mitte 30 hört die Karriere manchmal schlagartig auf. Dann kann man Hörbücher aufsprechen oder hoffen, wenn man mit einem „Tatort“-Regisseur verheiratet ist, dass der einem kleine Rollen gibt.

Sie legen keinen Wert darauf, dass die vier Schauspielerinnen immer Schönheitsidealen entsprechen.

Sie sind nicht geschminkt, es gibt auch kein Superlicht, das ausgleichen könnte. Alles andere hätte wieder eine typische TV-Optik hergestellt, die Wirklichkeit und Ehrlichkeit suggeriert. So hat man ein bisschen Abstand, und die Frauen sind ein bisschen geschützt durch den Schleier der entsättigten Farben. Dadurch entsteht eine andere, vielleicht prosaische Bildhaftigkeit. Dieses semiprofessionelle Drehen hat für mich Dinge wieder freigelegt, die ich ansonsten gar nicht entdeckt hätte: etwa die Verspieltheit der kleinen Gesten, wie bei Godard in seinen frühen Filmen, als er noch nicht so viel nachgedacht hat. Wie wird geraucht etc. Das erzählt mehr über das Leben, als der große Konflikt in einem klaren Plot, der Szene für Szene eingehämmert wird.