KEIN GRUND ZUR FREUDE: MICROSOFT LEGT SEINEN QUELLCODE OFFEN

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Haben wir was verpasst? „Heute legen wir unsere wertvollsten geistigen Besitztümer auf den Tisch“, tönt Microsoft-Justiziar Brad Smith. Die Windows-Quelltexte seien die ultimative Dokumentation der Windows-Server-Technik. Ja genau: Man liest ja auch Prousts „Recherche“ am liebsten in Maschinensprache. Und während wir uns nach dem Versuch, Microsofts Quelltexte zu lesen, auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, bricht der Konzern zu neuen Ufern auf. Derweil muss man nur von „Offenlegung des Quelltextes“ schwafeln, um ehrfürchtige Bewunderung auszulösen. Die Lobbyisten der Softwarebranche sekundieren geschickt mit Kassandrarufen vom Untergang des geistigen Eigentums und der Softwareindustrie, der die staatlichen Institutionen die Preisgabe ihrer allergeheimsten Besitztümer aufzwingen.

Seit ein paar Jungs anfingen, mit frei verfügbaren Programm-Quelltexten eigene Systeme zu basteln, meint alle Welt, Source-Codes seien der Stein der Weisen, ihre Offenlegung die Lösung aller Übel. Von Offenlegen des Quelltexte wie bei Open Source, wo prinzipiell jeder nach Belieben eingreifen und die Grundlagen der Programme für eigene Zwecke verwenden kann, ist bei Microsoft aber keineswegs die Rede. Lizenzen für den Code lassen Microsoft die Kontrolle darüber, wer was sehen – und wer was entwickeln darf. Freie Projekte, die kompatible Protokolle und Techniken auf eigene Faust entwickelten, werden sich die Lizenzen kaum leisten können. Und sie würden sich durch Lizenzierung in Gefahr begeben, ihre Eigenentwicklung als Codeklau verklagt zu sehen.

Mit Aplomb haben die Wettbewerbshüter Microsoft zu Auflagen verdonnert, die dann in endlosem Hin und Her überprüft, verwässert, verschärft, abgebogen, erneuert, verworfen und außergerichtlich bereinigt werden. Jetzt müsste man erst einmal den von Microsoft bereitgestellten Code lesen. Doch bevor die Millionen Zeilen verstanden und die relevanten Techniken erkannt sind, spielen sie in der Softwarewelt keine Rolle mehr. Auch für Microsoft nicht. JÜRGEN KURI

Der Autor ist stv. Chefredakteur der Computerzeitschrift c’t.