Das Leid der Frau: ein Bestseller

Im Februar erscheint in Deutschland das Buch „Die Schuld, eine Frau zu sein“ der Pakistanerin Mukhtar Mai, die in ihrer Heimat das Opfer eines „Ehrenverbrechens“ geworden ist. Jetzt ist sie weltberühmt, wurde zur „Frau des Jahres 2005“ gekürt und garantiert ihrem Verlag einen Verkaufsrenner

Mukhtar Mai steht bibbernd vor Kälte auf der Esplanade der Menschenrechte. Vor sich eine Wand von Fotografen. Hinter sich den Eiffelturm. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr Gesicht ist ausdrucklos. Ihr Blick ist nach unten gerichtet. Von hinten stülpt jemand die Anorakkapuze über den hellen Seidenschal, mit dem sie ihr schwarzes Haar bedeckt.

Die Frau des Jahres flüstert

Die pakistanische Bäuerin aus dem Dorf Meerwala im Punjab hat eine Kollektivvergewaltigung überlebt. Ein „Ehrenverbrechen“, das der Rat der Ältesten ihres Dorfes beschlossen hat. Seither kämpft sie gegen Gewalt gegen Frauen und für Schulbildung. Ihre Geschichte ist um die Welt gegangen. Jetzt erscheint sie als Buch. Zuerst auf Französisch. In dem Pariser Verlag „Oh! éditions“, der schon zahlreiche Bücher mit die Leidensgeschichte von Frauen in der Dritten Welt in die Bestsellerlisten gebracht hat. Anfang Februar kommt das Buch auch in anderen Sprachen – darunter Deutsch – auf den Markt.

„Hergucken!“ Das Kommando kommt von den Fotografen. Der Übersetzter sagt es auf Siraiki. Der Verleger gestikuliert. Dutzende Kameras klicken. Mukhtar Mai ist in allen Suchern. Sie wirkt abwesend. Als ginge sie ihr eigener Shooting-Termin nichts an.

Die Pakistanerin flüstert, wenn sie redet. Zu mehr als zwei kurzen Sätzen am Stück lässt sie sich nicht bewegen. Um O-Töne von ihr zu erhaschen, schieben die JournalistInnen ihre Mikrofone bis fast an die Lippen von Muhktar Mai. „Ich bin nur ein Tropfen im Wasser“, sagt sie einmal. Dann: „Der liebe Gott gibt mir die Kraft, weiterzumachen.“

Am Vormittag dieses eisigen Januartages hat der französischen Außenminister Mukhtar Mai empfangen und sie für ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundert. Ein paar Monate zuvor kürte das US-Magazin Glamour sie zur „Frau des Jahres 2005“, und die Ehefrau des US-Präsidenten hielt ihr zu Ehren eine Rede. Die Regierung in Pakistan, die noch vor wenigen Monaten versuchte, ihre Ausreise zu verhindern, ist gescheitert. Wenig später erklärte Staatschef Musharraf in einem Interview, es gebe viele, die sich vergewaltigen lassen wollten, um anschließend „ein Visum und viel Geld“ in Amerika zu bekommen.

Bis zu ihrem 28. Lebensjahr führte Mukhtar Mai ein Leben wie Millionen andere Bäuerinnen in den Dörfern Pakistans. Sie arbeitet auf dem Feld. Sie stickt. Sie betet. Lesen und schreiben kann sie nicht. In Meerwala gibt es keine Schule. Nach einer Scheidung kehrt sie zu den Eltern zurück. Bevor sie das Haus verlässt, muss sie ein männliches Familienmitglied um Erlaubnis fragen. Die Welt jenseits der Dorfgrenzen – inklusive der drei Autostunden entfernten Provinzstadt – ist ihr unbekannt.

Am dritten Samstag im Juni des Jahres 2002 wird der kleine Bruder von Mukhtar Mai von der Polizei festgenommen. Männer aus dem einflussreichen Mostai-Stamm behaupten, der Zwölfjährige habe versucht, mit einer erwachsenen Frau aus ihrer Familie zu flirten. Sie verlangen Vergeltung. Die „Dschirga“ tritt zusammen, der traditionelle Dorfrat, den die Bauern in Konfliktfällen anrufen, weil er näher, schneller und billiger arbeitet als die Gerichte. Die Dschirga, in der nur Männer sitzen, beschließt, dass die ältere Schwester für das angebliche Vergehen büßen muss. Erst danach soll die Polizei den Zwölfjährigen freilassen.

Am Abend desselben Tages führen der Vater und ein Onkel die ahnungslose 28-Jährige über einen Feldweg zum Mostai-Stamm. In einem Stall wird sie von vier Männern vergewaltigt. Davor stehen bewaffnete Männer Wache. Als sie fertig sind, stoßen die Vergewaltiger ihr beinahe unbekleidetes Opfer nach draußen, wo ein großer Teil der Dorfbevölkerung wartet.

„Ehrenverbrechen“ wie das an Mukhtar Mai sind in Pakistan nicht selten. Die Menschenrechtskommission hat in den letzten vier Jahren 2.774 Frauenmorde erfasst, deren Ziel es war, eine „Familienehre“ zu retten. Hinzu kommen alljährlich hunderte von Säureattentaten auf Frauen. Sowie ungezählte Vergewaltigungen „für die Ehre“. In jedem Dorf sind Fälle bekannt, aber in offizielle Statistiken gelangen sie selten. Nach einer „Ehrenvergewaltigung“ trinkt das Opfer in der Regel Insektengift. Oder nimmt sich auf andere Art das Leben. Vor Polizei und Justiz hat eine vergewaltigte Frau in Pakistan kaum eine Chance. Denn sie muss vier männliche Augenzeugen der Tat beibringen. Andernfalls riskiert sie, selbst ins Gefängnis zu kommen. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass die Mehrheit der 7.000 weiblichen Häftlinge in pakistanischen Gefängnissen wegen „Ehebruch“ hinter Gittern sind.

Ihr Überleben: ein Zufall

Auch Mukhtar Mai denkt in den ersten Tagen nach dem Verbrechen an nichts anderes als den Tod. Sie ist allein. Alle wissen von ihrer Schande und von der ihrer Familie. Sie hat keine Ahnung, dass sie als Frau und als Angehörige eines niederen Stammes Rechte hat. Nicht einmal ihr Vater möchte, dass sie Anzeige erstattet.

Mehrere unerwartete Ereignisse tragen dazu bei, dass Mukhtar Mai überlebt: Der Imam von Meerwala, der bei der Versammlung der Dschirga anwesend war, spricht von einem „schweren Verbrechen“ im Dorf . Ein Journalist bringt die Kollektivvergewaltigung in die Zeitung. In der Provinzstadt Multan organisieren Frauen eine Demonstration gegen die Gewalt im Namen der Tradition. Und ein Richter mit Berufsethos fordert Mukhtar Mai auf, „die ganze Geschichte“ zu erzählen. Mehr noch: Er glaubt ihr. Und er inhaftiert mehrere Männer des Mostai-Stammes.

Wenige Monate nach ihrer Vergewaltigung erhält Mukhtar Mai einen Scheck über 8.000 Dollar von der pakistanischen Regierung. Statt ihr Dorf zu verlassen, um anderswo ein neues Leben zu beginnen, überrascht die junge Frau erneut. Sie nutzt das Geld, um zwei Schulen in Meerwala zu gründen: eine für Mädchen und eine für Jungen. „Nur Bildung kann verhindern, dass so etwas passiert“, sagt sie. Heute gehen 250 Mädchen zwischen drei und acht Jahren und 160 Jungen in diese Schulen. Mukhtar Mai selbst sitzt in der dritten Klasse.

Mukhtar Mais Peiniger sind immer noch nicht letztinstanzlich verurteilt. Die pakistanische Justiz schwankt in jeder neuen Instanz zwischen den beiden Extremen Todesurteil und Freispruch. Aber Mukhtar Mais Ruf dringt längst bis in Städte, von deren Existenz sie selbst zuvor wenig wusste. In Paris erkennt Verleger Philippe Robinet von „Oh! éditions“ das Potenzial ihrer Geschichte. Sein Verlag ist auf das Genre der Leidensgeschichte spezialisiert. Zuletzt lancierte Oh! Editions ein Buch über eine Zwangsehe, eines über eine sexuelle Verstümmelung und eines über einen Brandanschlag auf eine Frau. Alle verkaufen sich bestens.

Verleger Robinet macht sich auf die Reise in Mukhtar Mais Dorf. Bringt ihr einen Spielzeug-Eiffelturm mit. Beschreibt ihr Frankreich als „Heimat der Menschenrechte“. Und überzeugt sie, dass es in ihrem Interesse wäre, an einem Buch mitzuarbeiten. Weil sie damit erstens Geld für den Unterhalt ihrer Schulen verdienen könne. Und weil internationale Bekanntheit zweitens die beste Sicherheitsgarantie für sie sei.

Mukhtar Mai willigt ein. Als Nächstes reist eine französische Autorin an. Marie-Thérèse Cuny verbringt zwei Wochen in Meerwala. Anschließend schreibt sie die fremde Geschichte in Ich-Form auf. Mit diesem Stil hat Cuny ihre ganze Karriere bestritten. Ihre Hauptpersonen waren immer ganz nah am Puls der Weltgeschichte. Sie begann mit „Nicht ohne meine Tochter“. Die Geschichte der Amerikanerin Betty Mahmoody, die ihr Kind aus den Fängen des Vaters und damit aus dem Iran befreien will, war wie geschaffen für die antiiranische Stimmung und wurde ein internationaler Bestseller. Später lieh Cuny ihre Feder auch der verbrannten, der beschnittenen und der zwangsverheirateten Frau, deren Berichte bei „Oh! éditions“ erschienen sind. Auch in Europa wird sie fündig. Unter anderem verfasste sie den Bericht von Sabine Dardenne, die als zwölfjähriges Mädchen von dem belgischen Sexualverbrecher Marc Dutroux entführt wurde: „Ihm in die Augen sehen“.

Bomben auf Pakistan

Mukhtar Mai kommt an einem Samstagabend in Paris an. Während des Tages haben US-amerikanische Flugzeuge Bomben auf ein pakistanisches Dorf abgeworfen. Mindestens 18 Menschen kamen um. Bei einer früheren Reise hat die Pakistanerin erklärt, es wäre besser, die USA würden „Geld statt Bomben“ in ihr Land zu schicken. Am Flughafen von Paris beschränkt sie sich thematisch auf das Buch, auf dessen Deckel ihr eigener Name steht. Sie sagt, dass sie sich über sein Erscheinen freut. Aber auch, dass sie es nicht geschrieben hat: „Ich habe nur meine Geschichte erzählt.“ Mukhtar Mai ist keine Frau vieler Worte. Ihr längster Satz ist dieser: „Man muss immer eingreifen, wenn irgendwo auf der Welt eine Frau geschlagen wird.“ Über das Verbrechen, das ihr eigenes Leben veränderte, will sie nicht mehr sprechen: „Ich werde danach jedes Mal krank.“

Das Buch über ihre Geschichte wird schon bald bekannter sein als die echte Mukhtar Mai. Seit sie an die Öffentlichkeit gegangen ist, wurde in den Dörfern rund um Meerwala kein „Ehrenverbrechen“ mehr bekannt. Aber Beifall wehrt sie ab. „Ich habe nur ein kleines Pflänzchen gesät“, flüstert sie in die Mikrofone, die an ihren Lippen kleben. Vor Racheakten fühlt sich die 33-Jährige trotz ihres Ruhmes nicht gefeit. „Ich werde bis zum Ende Angst haben“, sagt Mukhtar Mai, „zum Glück passt die Polizei auf.“