Doch kein Widerspruch

AUSSTELLUNG Der Fritz-Höger-Preis zeigt ausgezeichnete Backstein-Architektur und ist doch auch Werbung. Gleichwohl kann Bremen von den gezeigten Projekten etwas lernen

Diese Ausstellung, der Preis, dem sie gewidmet ist, sie stehen unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Natürlich, das Bauen mit Backstein, um das es hier geht, hat etwas sehr Norddeutsches. Und stets ist von einem „altbewährten“ Baustoff die Rede und von langer „Tradition“. Aber schwingt da nicht immer auch etwas von Anachronismus mit? Und schließlich: Sitzt nicht in vielen Köpfen, wenn auch zu unrecht, immer noch der Antagonismus „Backstein oder Wärmedämmung“ fest, der rote Fassaden hinter verputzten Schaumstoffplatten versteckt?

Geht doch! Das ist der Duktus, in dem diese Architektur-Wanderausstellung daherkommt, die derzeit im ehemaligen Postamt 5 am Hauptbahnhof zu sehen ist. Auf Stelltafeln gezeigt werden 56 vielfach markante und dabei sehr unterschiedliche Bauprojekte, ausgewählt aus über 340 Wettbewerbsbeiträgen. Allesamt waren sie für den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Fritz-Höger-Preis nominiert, der seit 2008 alle zwei Jahre vergeben werden soll.

Baukultur und Produktwerbung gehen bei dieser Ausstellung Hand in Hand

Ausgelobt wird er vom Bund Deutscher Architekten und der Arbeitsgemeinschaft Zweischalige Wand Marketing e. V. Hinter dieser Initiative stehen führende Ziegelhersteller aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark. Sie wollen, natürlich, die Vorzüge des Backsteins in den Vordergrund rücken. Kein Wunder, dass einschlägige Werbeflyer gleich in der Ausstellung ausliegen. „Viele Preise werden mit Unterstützung der Bauindustrie vergeben“, sagt Ingo Lütkemeyer, Architektur-Professor an der Hochschule Bremen. „Wir vertreten hier aber nicht die Interessen der Verbände.“ Es gehe darum zu zeigen, dass Ziegel „langfristig hervorragende Eigenschaften“ habe, so Lütkemeyer. Und dass man mit Backstein modern, nachhaltig und energieeffizient bauen könne.

Bremen ist in diesem Kontext mit genau einem Projekt vertreten, nämlich der Hochgarage am Pressehaus in der Innenstadt. Es steht an der einstigen Verbindung von Marktplatz und Hafen, die heute durch die Martinistraße grell zerschnitten wird. „Die eigentliche Parkhaus-Funktion tritt hier in den Hintergrund“, lobten die Juroren. Lütkemeyer findet es „ganz vernünftig“. Der Bau sei durchaus ein „gutes Beispiel“, gerade verglichen mit anderen Parkhäusern. Aber wann sind die schon mal richtig schön? Die Architekten, die den 2006 fertig gestellten, zwölf Millionen Euro teuren Bau verantworten, waren schon in der ersten Runde für den Preis nominiert – mit dem Neubau der Hochschule Bremerhaven.

Gewonnen hat 2011 etwa ein Projekt aus Eindhoven, bei dem 161 Wohnungen entstanden, in einem alten Arbeiterviertel. Entstanden sind lange Straßenzüge aus standardisierten Reihenhäusern, immer wieder unterbrochen von Flachdachbauten. Das Konzept soll sehr günstige soziale Mietwohnungen mit Eigentumswohnungen aus der mittleren Preisklasse verbinden – und kommt mit durchschnittlichen Baukosten von 850 Euro pro Quadratmeter aus. Einige Basishäuser der Siedlung sind noch günstiger. Ein weiteres, nahe Utrecht gelegenes Projekt derselben Architekten mit 240 Mietwohnungen, die zur Hälfte nach sozialen Kriterien vergeben werden, kommt sogar mit Baukosten von 650 Euro pro Quadratmeter aus. Zum Vergleich: Anderswo wird im Geschosswohnungsbau mit rund 1.000 Euro kalkuliert. Insofern ist diese Ausstellung ein guter Beitrag zur aktuellen baupolitischen Debatte in Bremen.

Der Namensgeber des Preises, Fritz Höger, übrigens ist ein durchaus zwiespältiger Charakter. Einerseits wird er als „genial“ gelobt, im Falle des von ihm in den Zwanzigern in Schiffsform erbauten Chilehauses in Hamburg zurecht. Andererseits sympathisierte er früh mit den Nazis, trat 1932 in die Partei ein. Er wollte Staatsarchitekt unter Hitler werden – was ihm verwehrt blieb, weil der seinen Stil nicht mochte. Immerhin: All das verheimlicht die Ausstellung nicht.