Vom Retter zum Forschungsobjekt

Von ANJA LÖBERT

Die unreflektierte Zeit

Als ich zwölf Jahre alt war – Ost und West hatten sich gerade vereinigt –, sah ich im Fernsehen diesen älteren Mann im weißen Anzug auf der Bühne des Londoner Wembley Stadions. Das war der Tag X, die Stunde null. Der 17. März 1991, ein Tag, den man als Fan nicht vergisst. Mein Cliff-Richard-Fieber begann. Der wahre Fan weiß, wie sich dieses Fieber äußert. Man beginnt, Bilder und Informationen über seinen Star zu sammeln, natürlich CDs, Videos, Bücher, Kalender, jegliche Utensilien, die man Merchandise nennt und an denen die Starindustrie gehörig verdient. Für mich waren visuelle Fanartikel immer von primärem Interesse. Ich wollte ihn lieber sehen als hören.

Was ich damals ausgerechnet an Cliff Richard so toll fand, hatte aber nur in zweiter Instanz mit seinem Sexappeal zu tun. Es war eher die Makellosigkeit und Sauberkeit, die diese Figur ausstrahlte. Die perfekt abgestimmte Kleidung (weiß!), die ordentlich gestylte Frisur, das makellose Gesicht, die glatte Rasur; und nicht zu vergessen: das souveräne Auftreten in einer Welt, der man als Teenager noch nicht so selbstbewusst gegenüberzutreten vermochte. Dann war da seine Skandallosigkeit (keine Drogen, kein Alkohol und gar kein Sex), sein solider Charakter, der nicht anecken wollte und der den Anschein von Kontinuität, von Heimat und Unvergänglichkeit vermittelte. Cliff Richard erfüllte für mich ein Reinheitsgebot und nahm mir damit vielleicht als Stellvertreter die eigene verborgene Schuld. Bei diesem sexuell harmlosen Gutmenschen konnte man sich aufgehoben fühlen als frühpubertär-junges Mädchen.

Die Pathologie des Fans

Man muss aber schon sagen, dass nur wenige Menschen eine derart innige Beziehung zu einem Star eingehen, wie ich das tat. In meiner Klasse gab es damals zwar noch zwei andere schwärmende Gefolgsdamen (eine Steffi, die auf die Bee Gees, und eine Nicole, die auf Rod Stewart stand), aber die meisten wehrten und wehren sich bis heute vehement dagegen, als „Fan“ tituliert zu werden. Man will nicht als pathologisch gelten. Wieder anderen mangelt es tatsächlich an der psychischen Disposition, sich über die Maßen für eine Medienpersönlichkeit zu interessieren oder sich gar in diese zu verlieben. Aber im Alter zwischen zwölf und fünfzehn war Cliff Richard – von dem ich sicher war, dass er mich vom Wandposter aus beobachten und verstehen konnte – für mich ein schwer entbehrliches Ausgleichsmittel gegen einen unbenennbaren Mangel.

Die Schamphase

Mit sechzehn – meine Pubertät trat in die rebellische Phase ein – mutierte ich zur David-Bowie-Anhängerin. Während Cliff Richard wohl eher ein medialer Repräsentant meines Elternhauses war, stand Bowie für alles, was darüber hinausging, was unbequem, gewagt und kreativ war. Hier standen sich Christ und Existenzialist gegenüber – auch innerpsychisch!

Zunächst gab es das übliche demonstrative Abstreifen und Verwünschen der alten, frühpubertären Identität. Als Party-Phänomen kennt das fast jeder: Junge Erwachsene bekennen ihre musikalischen Jugendsünden, deren sie sich als erwachsener, gebildeter Mensch meinen schämen zu müssen: Münchener Freiheit, David Hasselhoff, New Kids On The Block, Sandra. Auch das schon wieder verebbte Schlager-Revival fand den Eingang in die Studentenpartys ja nur in ironischer Einfärbung. Das scheint den Spaß, den man an dieser Musik hatte und vielleicht auch noch hat, weniger sündhaft zu machen. Nur über die ironisierende Wendung darf die Bildungsklasse an den Vergnügungen des kleinen Mannes teilhaben. Hat bei ähnlicher Gelegenheit schon einmal jemand schamhaft bekannt, leidenschaftlicher Liebhaber von Gustav Mahler oder Arnold Schönberg zu sein oder, um beim Pop zu bleiben, Radiohead oder die späten Beatles zu verehren? Dafür schämt man sich nicht. Mit diesen Musikern wähnt man sich in den Gefilden anspruchsvollen Geschmacks. Dieser soziologische Sachverhalt wurde mir mit sechzehn diffus bewusst, und ohne gänzlich abzusterben, nahm meine Affinität zu Cliff Richard jahrelang ambivalente Züge an. Wollte ich zu „den Gebildeten“ zählen, musste ich in eine Phase der Cliff-Verleugnung eintreten. Als ich nach dem Abitur mein Soziologiestudium begann, verbannte ich meine Cliff-Platten ganz hinten in den Schrank. In vorderster Reihe standen nun ansehnliche Suhrkamp-Ausgaben von Pierre Bourdieu, Emile Durkheim und Niklas Luhmann. Das tat eine Zeit lang gut.

„Er gehört zu mir …“

Irgendwann jedoch fühlte ich mich durch Soziologie und Medienwissenschaft mit der mentalen Software ausgestattet, meiner in die Latenz verbannten Schwärmerei für Cliff Richard, diesem Rätsel meiner Jugend, durch Analyse beizukommen. Beginnend mit meinem dritten Studienjahr setzte ich die Frage auf die Agenda: Was, um alles in der Welt, passiert da zwischen Stars und ihren Fans? Wie war es möglich, dass ich – und, nebenbei bemerkt, Legionen von britischen Hausfrauen – so auf Cliff flog? Ich begann meine ersten halbwissenschaftlichen Abhandlungen über den Popstar zu schreiben, erste Thesen zu formulieren und diese mit meinen toleranten WG-Mitbewohnern zu diskutieren. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, man müsse sich mit Cliff in der Wissenschaft nicht unbedingt schämen. War er vielleicht doch kein so illegitimes Analyseobjekt, wenn man nur die richtigen Frage stellte? Glücklich war ich jetzt allemal, denn auf sonderbare Weise konnte ich Cliff Richard jetzt endlich nahe sein. Denn so freudvoll das Fansein an der Oberfläche erscheinen mag, es ist letztendlich mit ewiger Kränkung verbunden: Was man auch tut, man kommt an seinen Star nicht heran. Man kann die Asymmetrie nicht brechen. Deshalb meine ich auch, dass die schreienden Fans auf den bekannten Bildern der Beatles-Hysterie nicht aus Freude weinen.

Die Star-Forscherin

Medienwissenschaftlich geschult, wurden mir allmählich die abstrakteren Fragestellungen bewusst. Zur Wiederaufnahme Cliff Richards ins Reich des Unverleugneten trug nicht unwesentlich Pierre Bourdieus Buch „Die feinen Unterschiede“ bei und die Erkenntnis, dass jegliches kulturelle Objekt lediglich als Mittel zur Abgrenzung zwischen sozialen Milieus instrumentalisiert wird und dass man diesem Klassifikationsspiel mehr oder weniger dogmatisch folgen kann. Ich entschied mich für das Weniger, vielleicht weil die menschliche Seele mit diesen geschmacklichen Einschränkungen nicht immer zufrieden ist und weil der „Rassismus der Intelligenz“, wie Bourdieu ihn nennt (und der von der anderen Seite natürlich genauso praktiziert wird) unnötige Mauern zwischen uns baut.

2002 betrieb ich zwei Semester lang Popular Music Studies in Liverpool und schrieb meine erste große Fanstudie über die 360 weiblichen Mitglieder des Liverpooler Cliff-Richard-Fanclubs. Neben den sozio-demografischen Merkmalen und der Lebensgeschichte der Fans interessierte mich besonders, welche psychische und soziale Bedeutung der Sänger für sie trägt. Meine Magisterarbeit schrieb ich an der Universität Halle-Wittenberg zum Thema „Rettungssymbolik und Fankultur“ am Beispiel Cliff Richards (siehe Randspalte).

Seitdem habe ich mein Forschungsgebiet erstmalig im Sommer 2005 auf einer Konferenz über Popmusikforschung vorgestellt. Es fasziniert mich, dass auf ein anfängliches Schmunzeln und Amüsement bezüglich meines Themas doch das Erstaunen der Zuhörer folgt, was sich da über einen „uncoolen“ Sänger und dessen Anhängerschaft so alles sagen lässt.

Wo bleibt die Faszination?

Trotzdem ich Cliff Richard und seine Fans nun erforsche, würde ich nicht allzu lauthals verkünden, dass sich hier Rationalität gegen die Irrationalität durchgesetzt hat. Ja, ich habe meine nur vergötternde Haltung durch eine auch analysierende eingetauscht. Damit ist Sir Cliff nun gewissermaßen auch zu meinem „Objekt“ geworden und die leidliche Star-Fan-Asymmetrie ist einer weit erträglicheren Star-Forscher-Asymmetrie gewichen. An enigmatischer Faszination hat Cliff dadurch ein wenig verloren. Die Hörfrequenz ist wohl auf ein Prozent meines Musikkonsums zurückgegangen, und ein verpasster Fernsehauftritt bei „Wetten, dass …?“ ruft keine Wellen der Tristesse mehr hervor. Aber wenn ich gelegentlich einen Song von ihm auflege, bin ich immer noch unergründlich berührt von seiner Stimme und seinen Melodien. Dann spüre ich ein Stück Heimat, zu dem ich mich ungeniert bekenne.

ANJA LÖBERT, 26, lebt als Journalistin und Soziologin in in Halle