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Kompromissloser Kinohandwerker

Ein großer Schatz ist zu heben: „Supermarkt“, ein Film des vergessenen Regieaußenseiters Roland Klick

Auf der an sehens- und hörenswerten Extras reichen DVD von Roland Klicks „Supermarkt“ (1973) findet sich auch ein kurzer Film, der zeigt, wie der Regisseur nach mehr als 20 Jahren erstmals wieder auf seinen Kameramann Jost Vacano trifft. Sie sprechen über ihre gemeinsame Arbeit an „Supermarkt“, die Dreharbeiten, die Zeit damals, Anfang der Siebzigerjahre in Deutschland. Vacano hat nach „Supermarkt“ Karriere gemacht. Seine Arbeit in Wolfgang Petersens „Das Boot“ brachte ihm eine Oscar-Nominierung, er ging nach Hollywood und hat dort vor allem mit Paul Verhoeven gedreht, von „RoboCop“ bis „Starship Troopers“ und „Hollow Man“.

Roland Klick, der nach seinem erfolgreichen Italo-Western „Deadlock“ (1970) auch Angebote aus den USA hatte, blieb in Deutschland, nicht zu seinem Glück. Seine Karriere als Regisseur war gezeichnet vom ständigen Streit mit Fördergremien und Produzenten. Nach heftigen Differenzen schmiss er die Arbeit an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hin, bei „White Star“ (1982) erlebte er mit dem ständig zugekoksten, völlig unkontrollierbaren Star Dennis Hopper ein Desaster.

Es folgten nur noch die Komödie „Schluckauf“ (1989), die ohne Resonanz blieb, Arbeiten unter Pseudonym fürs deutsche Fernsehen, dann der Rückzug aus dem Filmgeschäft nach Irland.

Am Ende des Gesprächs auf der DVD erklärt Jost Vacano, er habe immer gedacht, wenn ein deutscher Regisseur eine Weltkarriere mache, dann Roland Klick. Er zählt dann einige andere Regisseure auf, die Namen sind leider weggebeept, und fügt hinzu: Da habe ich mir oft gedacht, wie viel besser es wäre, das mit Roland zu drehen. Klick sagt nur: Das ist aber ein schönes Kompliment, das du mir machst.

Das Kompliment ist zweifellos verdient. In Filmgeschichten kommt Roland Klick regelmäßig die Rolle des Außenseiters zu, der sich gegen den Trend des Neuen deutschen Films auf die Seite des Publikums geschlagen hat, nicht auf die der Kunst. Schon die Opposition ist falsch, zudem muss einem ein Film wie „Supermarkt“ heute fast als Autorenfilm par excellence vorkommen.

Die Geschichte, die Klick erzählt, ist in weiten Teilen autobiografisch. Es geht um einen jungen Mann (Charly Wierczejewski) vom untersten Rand der Gesellschaft, in Heimen aufgewachsen, auf den Straßen von St. Pauli gestrandet. Ein Journalist (Michael Degen) will sein soziales Gewissen zeigen, nimmt sich seiner an, versucht, ihn in bessere Gesellschaft zu bringen, aber er scheitert ein ums andere Mal. Im engagierten, sehr instruktiven Audiokommentar des Regisseurs erfährt man, dass ihm dasselbe widerfahren ist wie diesem Journalisten.

Was man dem Film ansieht, von der ersten Einstellung an, ist die sehr genaue Kenntnis des Milieus, von Szene-spezifischen Bewusstseinslagen und Verhaltensweisen. Charly ist von Beginn an auf der Flucht vor seiner Herkunft, vor der Polizei, auf der Suche nach einem anderen Leben, vor dem er, sobald eine Möglichkeit aufscheint, wieder davonläuft. Jost Vacanos bewegliche Kamera eilt in von Klick präzise choreografierten Szenen hinter Charly her, durch die Hinterhöfe eines schmutzigen Hamburg, durch Kaschemmen und Brachland mit brennenden Autos, bis hin zu dem Überfall auf einen Supermarkt, der sein Triumph wird und sein Ende.

Der Film kommentiert nichts, denunziert seinen Helden nicht und heroisiert ihn nicht. Beschreibung wie Analyse stecken in der Beobachtung von Gesten, Fluchtbewegungen und Bildhintergründen. Klicks vorrangiges Bestreben ist es, die Welt erzählförmig zu machen, jene Einheit von Form und Inhalt zu finden, die er klassisch nennt. Ihm ist die Nabelschau genauso zuwider wie aufdringliches Engagement und Formexperimente um ihrer selbst willen. Er ist ein präziser Handwerker mit einer kompromisslosen Vision vom Kino. Die Kunst des Kinos soll „kunstlose Kunst“ sein, so Klick, eine Kunst, die sich nicht ausstellt, sondern in Dienst nehmen lässt von einer fesselnden Geschichte, die das Publikum bewegt und trifft. Die Filme, die unter dieser Prämisse entstanden sind, beeindrucken bis heute.

Dem Label der filmgalerie 451, das diesen Schatz seit Jahren pflegt und nun mit bestens ausgestatteten Editionen ins DVD-Zeitalter rettet, gebührt großer Dank. EKKEHARD KNÖRER

Die „Supermarkt“-DVD kostet 19,90 €, ist im Handel, aber auch beim Label selbst erhältlich unter der Adresse www.filmgalerie451.de