Googles Geheimnis

Noch 293 Jahre gibt sich die Internet-Suchmaschine Zeit, das Wissen der Welt für alle verfügbar zu machen. Beim Aufbau seines Informationskosmos gibt sich Google geheimnisvoll – und ist seinen Konkurrenten technisch weit überlegen: mit dem wohl größten Computernetzwerk des Planeten

Als Google-Gründer Sergey Brin, 32, einmal nach der perfekten Suchmaschine gefragt wurde, antwortete er: „Gott. Er weiß immer, was man will, und kann einem auch geben, was man braucht.“ Der gebürtige Moskauer will nicht Gott spielen, aber er will eine Maschine bauen, die ihm möglichst nahe kommt: ein Computersystem, das über das Wissen der Menschheit verfügt.

Die Lösung der Aufgabe packte Brin zielstrebig an: Vor sieben Jahren gründete der Informatikstudent mit seinem Kommilitonen Larry Page in Palo Alto, Kalifornien, „Google Inc.“ in einer Garage. Es sollte das erste Vehikel für Brins Vision werden, die allein in diesem Jahr über 1 Milliarde Dollar Gewinn abwirft. Seit dem Börsengang im vergangenen Jahr vervierfachte sich der Kurs, aktuell liegt Googles Börsenwert bei kaum vorstellbaren 112 Milliarden Dollar.

Ähnlich märchenhaft wie der kommerzielle Aufstieg Googles mutet die Suchmaschine selbst an, die täglich im stoischen Takt und seit Jahren ohne Ausfallerscheinung etwa 2 Milliarden Anfragen von 300 Millionen Nutzern beantwortet. Doch erst ein Blick hinter Googles Kulissen verrät eine kaum bekannte Zutat seines Erfolgsgeheimnisses. Denn jede kleine Google-Suchanfrage landet bei dem wohl größten Computernetzwerk des Planeten.

Merkwürdig ist, dass bei all dem Google-Hype der vergangenen Jahre Googles Kernkompetenz in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle gespielt hat. Wer Google bisher vor allem für eine Suchmaschine hielt, der hat sich getäuscht. Denn schlaue mathematische Verfahren genügen nicht, in der Dauer eines Augenblinzelns Milliarden Webseiten nach Suchworten zu durchforsten. Mindestens so wichtig wie die Algorithmen ist es, der schieren Masse an Information Herr zu werden. Im Management gigantischer Computernetze haben es die Informations-Gurus von Google zu wahrer Meisterschaft gebracht. Googles Steuersoftware sei in der Lage, Computernetze nahezu jeder Größe vollautomatisch zu verwalten, die Rechenlast zu verteilen und auch Fehler wie den Ausfall einzelner Rechner selbständig zu managen, berichten Google-Insider. Diese Software ist der Schlüssel, um in einer Welt der sich exponentiell vermehrenden Information diese mit unbegrenzt leistungsfähigen Computersystemen zu verarbeiten. Sie ist wohl auch der wahre Grund, wieso Google so viel Furcht in der Branche verbreitet.

Die heute etwa zwei Dutzend kostenlosen Google-Dienste sind Nutzungsbeispiele für diese Kerntechnologie. Dienste wie der virtuelle Globus Google Earth, die im Aufbau befindliche Weltbibliothek Google Books oder personalisierte Angebote wie Google Mail wären ohne riesige, parallel arbeitende Computernetze nicht denkbar. Googles Know-how bei der Informationsverarbeitung ist auch der Grund, wieso sich unmittelbare Konkurrenten wie Microsoft ernsthaft Sorgen machen. Verdient Microsoft sein Geld noch mit dem kleinkrämerischen Verkauf von individuellen Nutzungslizenzen für seine Windows- oder Office-Programme, nimmt Google dieses überholte Geschäftsmodell eher belustigt zur Kenntnis. Denn für die Spezialisten für unbegrenzte Rechenleistung ist Microsofts Geschäftsmodell ein Schatten aus einer vergangenen Zeit. Für Sergey Brin und seine Leute ist längst klar, dass in Zukunft nicht mehr der individuelle PC, sondern das Netz die allein relevante Sphäre für den Zugang und die Vermarktung von Information ist.

Originellerweise kommen in Googles Computernetz, dessen Größe Experten auf derzeit etwa 100.000 Server schätzen, keine teuren Großrechner zum Einsatz. Das Rückgrat des Suchriesen ist ein Netz aus abertausenden Billig-PCs, die dazu noch von einem Betriebssystem gesteuert werden, das nichts kostet: Linux. Google goes Aldi. „Wir wollen für jeden investierten Dollar die größtmögliche Leistung bekommen, denn Google hat einen ungeheuren Bedarf an Rechenleistung. Unsere Rechnung geht so: Wenn wir unser Computernetzwerk mit Standard-PCs bauen, dann bekommen wir im Vergleich zu teuren Großrechnern 20-mal mehr Rechenleistung und 3-mal mehr Arbeitsspeicher zu einem Drittel des Preises“, sagt der Google-Ingenieur Jeff Dean.

Die technische Infrastruktur erinnert ein wenig an einen Ameisenstaat: Es gibt in dem Computernetz tausende fleißige Arbeitssklaven mit klaren Hierarchien und Aufgabenverteilungen. In jeder Sekunde beantwortet die Rechner-Armada einige tausend Suchanfragen. Für jede einzelne Suchanfrage durchkämmen mindestens 1.000 PCs in Millisekunden das gesamte bei Google lokal gespeicherte Internet.

In diesem gigantischen PC-Netzwerk im Dauerbetrieb sind Hardwarefehler ein chronisches Problem. Stündlich fallen hier Computer aus. Eine spezielle Software managt den Ausfall einzelner Computer automatisch, ohne die Gesamtleistung von Google zu stören.

Googles Strategie, auf billige Hardware zu setzen, senkt nicht nur die Kosten für die Infrastruktur, sondern bringt weitere unschätzbare Vorteile: Das riesige Computernetz ist schnell, zuverlässig und – besonders wichtig – in der Leistung beliebig ausbaubar. Wächst das Internet mal wieder um ein paar Milliarden Seiten, eröffnet Google eben ein paar mehr seiner derzeit weltweit über 60 „Datacenter“. Auch das geht offenbar im Schnellverfahren: „Heute können wir einen leeren Saal innerhalb von drei Tagen in ein Rechenzentrum mit tausenden vernetzter PCs verwandeln. Alles, was man braucht, ist ein Lkw, um die Server anzuliefern. Die Installation der Software und die Konfiguration erfolgen automatisch“, sagt Google-Ingenieur Jeff Dean.

Weltweit wird genau beobachtet, was das Unternehmen mit seinen derzeit rund 5.000 Angestellten in Zukunft noch so vorhat. Google hat in seiner Entwicklungsabteilung die kreativsten und erfahrensten Köpfe der IT-Branche versammelt und ist bekannt für seine Geheimniskrämerei, was Technologie und Strategie betrifft. Doch immer wieder geben neue Testballons Hinweise darauf, dass es Google ernst damit meint, das Wissen der Welt zu sammeln und verfügbar zu machen. Besonders deutlich ist in diesem Jahr geworden, dass Google versucht, mit immer neuen Informationsdiensten in allen möglichen Lebensbereichen präsent zu sein. In nicht allzu ferner Zukunft soll durch eine Verknüpfung der unterschiedlichen Google-Dienste das erträumte Informations-Universum geschaffen werden. Wer also in einer Weinhandlung mit dem Handy den Barcode eines guten Tropfens scannt, dem sagt Google prompt, was der Wein im Durchschnitt kostet und wo er in der Nachbarschaft am billigsten zu haben ist. Die Wegbeschreibung dorthin liefert Google gleich mit.

Google-Cheftechniker Urs Hölzle benennt dann auch klar die aktuellen Prioritäten. „Drei Themen beschäftigen uns derzeit am meisten: die personalisierte Suche, die Suche im mobilen Internet und die ortsbezogene Suche.“ Dazu gehört auch das Fahrplanauskunftssystem „Google Transit“, das Mitte Dezember als Pilotprojekt für die US-Stadt Portland in den Probebetrieb ging.

Einen weiteren markanten strategischen Hinweis auf seine langfristigen Pläne gab Google im November mit der Aufnahme des Probebetriebes der Universal-Datenbank „Google Base“. Hier können gratis beliebige Inhalte auf Googles Servern abgelegt werden. Alle Informationen soll in „Google Base“ mit der gewohnten Geschwindigkeit auffindbar sein, egal ob Kleinanzeigen, Kochrezepte oder das menschliche Genom. Der Schachzug ist ebenso einfach wie genial. Mussten Googles Suchroboter bisher alle „Informationsbuden“ im Internet nach und nach abklappern, lädt Google die Anwender nun ein, doch bitte schön alle Inhalte gleich direkt bei Google abzuliefern. Denn auf seinen Servern speichern musste Google die Informationen aller gefundenen Webseiten schon immer. Ökonomisch lohnt sich die Universal-Datenbank, weil Google damit – bildlich gesprochen – ein Einkaufszentrum errichtet, wo vorher nur verstreute Informationskioske standen. In diesem Shopping-Center für Informationen hat Google auch bei der Vermarktung das Hausrecht, denn selbstverständlich werden auch in „Google Base“ alle angezeigten Suchergebnisse blitzschnell mit den typischen Werbeeinblendungen ergänzt. Diese Anzeigen beziehen sich – wie von der Suchmaschine bekannt – inhaltlich stets auf die Suchbegriffe.

„Wir sehen für uns ein sehr großes Potenzial darin, eine Art Ökosystem um Inhalte und Werbung zu bauen, und verstehen dies als eine Erweiterung unserer Suchmission“, erläutert Googles Geschäftsführer Eric Schmidt. Bei jedem Klick auf eines dieser Links klingelt es in Googles Kasse. „Über 90 Prozent unserer Einnahmen stammen aus kontextbezogenen Werbeeinblendungen“, sagt Stefan Keuchel von Google Deutschland. Er legt Wert auf die Feststellung, dass die Suchergebnisse unabhängig von diesen Sponsoren ermittelt werden. Immerhin akzeptiert Google keine Annoncen für Waffen, Zigaretten und harte Alkoholika und spendiert einigen hundert Nonprofit-Vereinen kostenlose Werbeeinblendungen.

Anwender können dem kalifornischen Unternehmen, das bislang noch bei keinem gravierenden Verstoß gegen sein Unternehmensprinzip „Do no evil“ (tue nichts Böses) erwischt wurde, glauben oder auch nicht. Doch nichts ist ewig, und so könnte Google seine Abneigung gegen das „Böse“ schon nach einem Besitzerwechsel ganz plötzlich über Bord werfen. Für 2006 wird aber wohl Sergey Brins Vision maßgeblich sein: ein System zu schaffen, das immer und überall eine Antwort hat, angepasst an jede Gelegenheit, individuell aufbereitet auf Googles Servern – und ein bisschen Gott spielt.