Ohne utopischen Fluchtpunkt

FESTIVAL Bei achtung berlin konkurrieren Filme aus Berlin und Brandenburg um den new berlin film award. Die Beiträge in der Kategorie Dokumentarfilm sind besonders vielversprechend

VON THOMAS GROH

„Wir haben keinen Bock auf Kamera und euch.“ Die Absage, per SMS von hinter der verschlossenen Tür verschickt, sitzt. Imo hat keinen Bock auf Reden und Erzählen. Auch an anderer Stelle nicht, als man ihn danach fragt, was er nach dem Gefängnis als Erstes gemacht habe. Weiß er nicht mehr. Viel. Und bestimmt wieder alles falsch. Kein Bock. Die Filmleute vor dem Ex-Knacki, ratlos.

„Nach Wriezen“ heißt der Film, der im Wettbewerb des Festivals achtung berlin in der Kategorie Dokumentarfilm läuft. Es geht um drei junge Männer, für die der Titel eine biografische Etappe bezeichnet – und für einen schließlich wieder eine Richtung: Wriezen, Jugendknast.

Der Sinn von Sozialkompetenz-Coaching besteht allein in der Erfüllung von Bewährungsauflagen

Die ersten Schritte ins Leben nach der Haft, gute Vorsätze haben sie alle: Imo, der umgehend dem Trott von Kiffen und Rumhängen verfällt, sich dann aber irgendwo draußen aus einer kümmerlichen eine recht beachtliche Bude zimmert. Der Dorf-Kleinkriminelle Jano, der seine Lektion gelernt glaubt, doch seine Stelle schmeißt und fortan mit schweren Sachen am Alex dealt. Sowie Marcel, der Älteste und biografisch Mulmigste der drei: 2002 ermordete er mit zwei anderen auf grausame Weise einen Sechzehnjährigen, als „Mord von Potzlow“ ging die rechtsextreme Tat durch die Medien. Die Hakenkreuztattoos sind mittlerweile überstochen, das „NSDAP“ auf den Fußzehen kaum mehr leserlich. Wenn er über „Kinderficker“ „Grobvolk“ und „Missgeburten“ schimpft, schimmert ein Rest der alten Gesinnung durch. Zu seinen Faschokumpels hat er auch nach dem Knast Kontakt.

Drei Jahre lang hat Regisseur Daniel Abma die drei zumindest sporadisch begleitet. Zeitsprünge werden an Haarlängen und plötzlich hochschwangeren Freundinnen kenntlich.

Das Dokument eines großen Aufatmens, einer wiedergefundenen und genutzten Freiheit ist „Nach Wriezen“ nicht. Gänzlich abseits miserabilistischer Attitüden handelt es sich um einen insbesondere auch in seiner Schilderung von Alltagsbanalitäten intensiven, jedoch kein Stück heischenden Dokumentarfilm über die klaustrophobische Tristesse einer Post-Knast-Existenz ohne biografisch-utopischen Fluchtpunkt: Freundin, Wohnung, Kind – häusliche Gewalt, Kacheltisch, Jugendamt. Linksbewegt-feuilletonistische Debatten darüber, wie wir leben wollen, werden hier mit einem Mal ganz klein oder zumindest in ihrer sozialen Position schmerzhaft kenntlich: Solche Fragen stellen sich hier erst gar nicht. Die Vorgaben eines bürgerlichen Lebens scheitern weitgehend an mangelnder Applizierbarkeit auf die eigenen Umstände. Der Sinn von Sozialkompetenz-Coaching besteht allein in der Erfüllung von Bewährungsauflagen.

Deutlich wattierter dagegen und in seiner raumgreifenden Geste buchstäblich jeden Horizont sprengend erscheint ein anderer Dokumentarfilm im Wettbewerb von achtung berlin: Eva Stotz’ „Global Home“, in dem die Regisseurin das nomadische Gleiten durch die Lebenswelten im Netz zum strukturierenden Reiseprinzip erhebt. On the Road? On the Globe!

Fasziniert von den Möglichkeiten der Web-Plattform „Couchsurfing“, wo sich – Sympathie vorausgesetzt – weltweit private Unterkünfte und persönliche Kontakte finden lassen, reist Eva Stolz von Berlin aus einmal ergebnisoffen um den Globus.

Der ästhetische Modus ist zugewandt, doch impressionistisch: Panoramaaufnahmen schöner Landschaften, die Beobachtung vorbeiziehender Vögel und private Eindrücke der jeweiligen Gastgeber wechseln einander ab.

Stotz’ sichtlicher Enthusiasmus über diese neue, globalnomadisch-familiäre Kultur ist ohne weiteres grundsympathisch, wenn auch nicht völlig unproblematisch. Manches wirkt im Zugriff etwas unbekümmert: Kann man globale Tanzeinlagen wirklich im Shuffle montieren, ohne neoliberalem Globalisierungskitsch aus der Lifestyle-Werbung zu erliegen? Die eigene, privilegierte Position bleibt bei allem Jubel über die nun vorgeblich allen offenstehende Welt unterreflektiert. In Palästina, erfährt man aus dem darüber bloß achselzuckenden Voiceover, schmeißen Kids Steine, weil sie ein israelisches Kamerateam vermuten. Kein Bock auf Kamera und euch.

■ achtung berlin – new berlin film award: 17.–24. 4. in Babylon, International, Passage, FT. Programm: www.achtungberlin.de