Konfliktort Eisenhüttenstadt

Es war einmal die Zukunft

Eisenhüttenstadt war mal DDR-Utopie. Heute dominiert der Frust über ein Asylbewerberheim. Die Stadt radikalisiert sich.

Die Bewohner der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) leben eingeengt, von Nato-Zaun umgeben. ZASt klingt nicht umsonst wie Knast. Bild: Stefan Boness

„Die Asylbewerber klauen im Marktkauf und keiner unternimmt etwas dagegen.“ Es scheint, als ob jeder, wirklich jeder, mit dem man in Eisenhüttenstadt spricht, einem früher oder später diese Geschichte erzählt. Sie ist einfach und schnell erzählt, aber so stark, dass sie die Eisenhüttenstädter nicht loslässt. Aus „Klauen“ kann auch „Eigentumsdelikt“ werden wie im Fall des AfD-Direktkandidaten des Wahlkreises Oder-Spree II, Wilfried Selenz.

Aus „Asylbewerbern“ können auch „Bettelziegen“, „Schmarotzer“, „Zoobewohner“ und „Neger“ werden, wenn der Admin der „Bürgerwehr Eisenhüttenstadt“ auf seiner Facebookseite die Frage stellt: „Kennt jemand die genaue Zahl von den Asylbewerbern die sich momentan in Eisenhüttenstadt aufhalten ???“. Der Tankwart, die Kinder auf dem Spielplatz, der Kfz-Mechaniker, sie alle erzählen die Geschichte vom Marktkauf, dem Supermarkt, dem großen gelben Kasten am Stadtrand.

Die Filialleiterin sagt: „Weniger ist es nicht geworden.“ Zahlen und Menschen, alle versuchen „die Wahrheit“ darzustellen. Doch laut Statistik gibt es keinen Anstieg der Fallzahlen, was Diebstähle im Marktkauf betrifft. Die Eisenhüttenstädter glauben, sie dürften ihre Wahrheit nicht sagen. Bei den Brandenburger Landtagswahlen im September wählten viele von ihnen die AfD. Sie warb mit dem sehr simplen Leitspruch: „Mut zur Wahrheit“. Hier in Oder-Spree II erlangte die AfD ihr höchstes Ergebnis: 21,3 Prozent.

Die Wahrheit ist schwer zu finden in Eisenhüttenstadt, so wie an jedem anderen Ort der Welt. Sie ist sicher keine Freakshow, die frustrierte Nazis in Ostdeutschland zeigt, kein Soziogramm kleingeistiger Kleinstädter, das jeder zu kennen glaubt. Wahr scheint aber, dass sich die Bewohner dieser Gegend, und vor allem die Einwohner Eisenhüttenstadts, von der Politik unverstanden fühlen und vielleicht auch betrogen. Eisenhüttenstadt ist ein Versprechen, das nicht gehalten wurde. Die Stimmung, wenn Vorfreude zu lange gedauert hat und dann vergessen wurde. Auf der Suche nach der Wahrheit radikalisiert sich die Stadt.

Die Statistik nennt es „Sterbeüberschuss“

Eisenhüttenstadt war die erste sozialistische Stadt der DDR, eine Utopie. Hier wurde in die Zukunft gebaut. So aufrichtig, dass man lange nicht daran dachte, dass zu einer Stadt auch ein Friedhof gehört. 1950 begann der Bau des Eisenhüttenkombinats Ost, kurz EKO. Das Stahlwerk mit seinen sechs Hochöfen lockte junge Männer und Frauen in die Wohnstadt, die um das Stahlwerk herum geplant wurde. Arbeiter für die Arbeiterstadt, die sich bis 1961 Stalinstadt nannte. Ausgewählt wurden Menschen, die sich für den Sozialismus begeisterten, die konform waren. Sie leben noch immer in Eisenhüttenstadt, zusammen mit ihren Kindern und Enkeln. Wenn die nicht weggezogen sind.

Heute ist nur noch ein Hochofen in Betrieb, er gehört dem größten Stahlkonzern der Welt: ArcelorMittal. Einst arbeiteten dort 12.000 Menschen, jetzt sind es rund 2.000. Die Stadt wird von ihren Bewohnern im Niedergang begriffen: Überalterung, Rückbau, Arbeitslosigkeit und das, was die Statistik „Sterbeüberschuss“ nennt. Die Einwohnerzahl hat sich seit den 1990er Jahren halbiert auf etwa 25.000. Wenn die Stadt Einwohner verliert, wird auch das Geld gekürzt.

Zu den Einwohnern Eisenhüttenstadts werden auch die Bewohner der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) gezählt. Alle Flüchtlinge, die in Brandenburg ankommen, müssen hierher, bevor sie auf andere Heime verteilt werden oder in Abschiebehaft kommen. Sie leben eingeengt, von Nato-Zaun umgeben. ZASt klingt nicht umsonst wie Knast. Das Heim liegt am Stadtrand, nur wenige Minuten vom Marktkauf entfernt. Der Weg ist hoch frequentiert: Frauen mit Kopftüchern tragen Einkaufstüten nach Hause, ein Vater und sein Sohn brechen auf, um Couscous zu kaufen.

„Die sehen sich ja nur im Supermarkt“

Also muss es auch andere Geschichten über diesen Supermarkt geben. Welche, nach denen selten gefragt wird. Es gibt sie, ein junger Mann aus Kamerun, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt sie. Die erste ist: Selbstverständlich gehen wir hier einkaufen, der Marktkauf ist so nah. Die zweite: Es ist so langweilig hier. Wenn wir nicht wissen, wohin, gehen wir zum Marktkauf. Und schließlich die dritte: Uns wurde gesagt, im Zentrum gibt es viele Nazis. Also bleiben wir hier.

Der Supermarkt ist der einzige Ort, an dem Einheimische und Flüchtlinge aufeinandertreffen. Bild: Stefan Boness

Im Marktkauf treffen Geschichten aufeinander. Die von Flucht und Vertreibung, von Langeweile, von Misstrauen und Neid, die vom unvergleichbaren Alltag der anderen und von der Politik, die nichts für die Menschen tut. „Der Marktkauf ist die einzige Schnittstelle zwischen den Asylbewerbern und den Eisenhüttenstädtern. Die sehen sich ja nur im Supermarkt“, sagt der Stadtsoziologe Ben Kaden, ein Eisenhüttenstädter, der inzwischen in Berlin wohnt. Er betreibt seit vielen Jahren ein Blog und schreibt dort unregelmäßig über seinen Heimatort. Der große gelbe Kasten namens Marktkauf, der mit seinen viel zu vielen Parkplätzen so unbedeutend aussieht, ist ein Ort des Konflikts.

Die Geschichte, die die Eisenhüttenstädter erzählen, besteht nicht nur aus dem einen Teil – die Asylbewerber klauen im Marktkauf –, sondern auch aus einem zweiten: Keiner tut etwas dagegen. Um den zweiten Teil will sich Wilfried Selenz kümmern, der Direktkandidat der AfD im Landkreis Oder-Spree II, zu dem auch Eisenhüttenstadt gehört. „Schwierig wird es, wenn ein Asylant gut gekleidet mit zwei Handys nach außen tritt“, sagt Selenz. „Da ist doch Überfluss da.“

Selenz wohnt in Mixdorf und arbeitet in Müllrose, etwa 20 Kilometer von Eisenhüttenstadt entfernt. Der 53-Jährige leitet das Gut Zeisigberg, eine idyllische Sozialeinrichtung für Senioren und Kinder. 18,5 Prozent der Erststimmen in seinem Wahlkreis gingen an ihn. Wie seine Partei will Selenz vor allem pragmatisch sein. Die Asylpolitik sei nicht seine Thematik, sagt er, aber er verstehe die Sorgen der Eisenhüttenstädter: „Sie fragen sich, ob die Gastfreundschaft nicht missbraucht wird.“

Die neue Bürgerwehr: keine „Maulkorbträger“

Die direkte Demokratie, das unmittelbare Zuhören, ist ihm das Wichtigste. Er will keine Denkverbote, sondern eine Politik des gesunden Menschenverstandes. Was das sein soll, wissen die Bürger selbst, man muss sie nur mitreden lassen. Selenz, rundes Gesicht, eine tiefe Falte zwischen den Brauen, gibt eine Führung auf dem Gelände des Guts. Hirsche, Wildschweine, schönster Brandenburger Wald. „Wenn Menschen sich vernachlässigt fühlen, wählen sie Randparteien. Alle haben die AfD unterschätzt.“

Keiner tut etwas – aus diesem Gedanken heraus gründete sich auch die Bürgerwehr Eisenhüttenstadt. Bis vor Kurzem patrouillierte eine Gruppe von fünf bis zehn Männer nachts, um die Stadt vor Dieben zu schützen. Ihnen ging es vor allem um die organisierte Kriminalität, die ein Problem in der Region an der polnischen Grenze ist. Gegen die Asylbewerber könnten sie als Bürgerwehr nichts ausrichten, die seien nun mal da, sagten die beiden Organisatoren der Gruppe, Benjamin Rudolph und Sebastian Knof.

Nach einem Artikel in der taz wurde ihnen auf Facebook vorgeworfen, die Wahrheit nicht ausgesprochen zu haben. Sie sollten doch gleich Wahlkampf für die SPD machen. Keiner der rund 600 Mitglieder der Facebook-Gruppe hat sie verteidigt, dann sind sie rausgeflogen. Jetzt wird die Gruppe von zwei jungen Männer geführt, die keine „Maulkorbträger“ sein wollen. Der eine trägt „Final Solution“ – Endlösung – auf seinem Rücken tätowiert, der andere meint, eine gute Frage für gute Journalisten ist: „Wie lange muss Deutschland noch bluten?“ Das sagt ihm sein gesunder Menschenverstand.

Auf Facebook wird die kurze Geschichte vom Marktkauf ausgeführt. „Ich musste früher Sternburg trinken die saufen teures Bier und weil sie so Arm sind pissen sie überall hin vor Traurigkeit“, schreibt „Don Szett“, ein Organisator der neuen Bürgerwehrgruppe. Wenn sie betrunken sind, müssten sie „schnell eine weiße vergewaltigen um rein zu werden“.

„Es fehlt der Aufbruchsgeist“, sagt der Stadtsoziologe Kaden. „Der Unterschied zu der Zeit vor 1990 ist, dass es nichts gibt, worauf die Eisenhüttenstädter hinarbeiten können.“ Sie wollen Ruhe und Ordnung, die Deutungshoheit über eine Geschichte. Und sie wollen nichts abgeben müssen – so wie in jeder Kleinstadt. Aber die Eisenhüttenstädter wollen nicht nur nichts abgeben, sie wollen etwas zurück: eine einfache Wahrheit und einen organisierten Traum, in dem sie geführt werden, und zwar in eine gute Welt. Ihr Traum ist nie ersetzt worden und im Marktkauf finden sie keinen neuen.

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