Bremen und das koloniale Erbe

Ein Nazifant lernt um

Viel zivilgesellschaftliche Initiative, wenig aus der Politik: Das koloniale Erbe Bremens gleicht dem in Hamburg, nicht aber sein Umgang damit.

Backstein-Revanchismus: Fritz Behns Anti-Kolonialismus-Denkmal hinterm Bremer Bahnhof. Bild: Matthias Süßen / Wikimedia Commons

BREMEN taz | Eine klare Linie in Bremens Kolonialismus-Aufarbeitung gibt’s nicht. Was es gibt, sind einzelne Landmarks, wie die Gründung der – in der Realisierung dann leider viel zu staatsgläubigen – deutsch-namibischen Versöhnungskommission: Das war vor zehn Jahren, als man in Bremen das internationale Gedenksymposium zum 100. Jahrestag des Herero-Genozids veranstaltet hatte. Und, was es in Bremen auch gibt, das ist ein zehn Meter hohes Anti-Kolonialismus-Denkmal, der riesenrote Elefant hinterm Bahnhof: Aus Backstein hatte NSDAP-Mann Fritz Behn den 1932 errichtet, mit revanchistischer Intention und Inschrift: „VNSEREN KOLONIEN“.

Im Jahr 1987 haben Eine-Welt-Gruppen den umgewidmet, dann dort, etwas verschämt, eine Steintafel zur Erinnerung des Völkermord in Namibia installiert: Adolf Lüderitz, der Inbesitznehmer von Südwestafrika, stammte ja aus Bremen. Im Jahr 2008 übergab Bausenator Reinhard Loske (Grüne) den Schlüssel des begehbaren Tiers an einen privaten Verein, und 2009 weihte er dann, auf Betreiben der benachbarten Schule und eines Anlieger-Vereins, eine Gedenkstätte dort ein - im Beisein namibischer Regierungsvertreter.

Und unbeeindruckt von der Kritik des Ovaherero-Genozidkomitees, das daran erinnerte, dass das keine Reparationen ersetzt. Das stimmt. Aber jetzt ist wenigstens das Rasendreieck hübsch, die Wege sind geharkt, und am 18. September hat man’s umbenannt – in Nelson-Mandela-Platz.

Bremen ist flächendeckend – von der Baumwollbörse bis zur Norddeutschen Mission – mit Institutionen und Bauten kolonialistischen Ursprungs versorgt. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Erbe artikuliert sich punktuell, wenn auch selten in Guerilla-Aktionen, wie 2007, als eine Gruppe dauernd die „Mohren-Apotheke“ in der Neustadt attackierte: Über Nacht wurde die mal zur Ohren-, mal zur Möhren-Apotheke. Wegweisend ist dagegen die Auseinandersetzung des Überseemuseums mit dem Thema: Ihm verdankt die Kolonialismus-Reflexion in Deutschland wichtige Impulse.

So hat Direktorin Wiebke Ahrndt im deutschen Museumsbund die Arbeitsgruppe zum Umgang mit „Human Remains“ geleitet. Menschliche Überreste waren ein beliebter Sammlungsgegenstand. Meist, so Ahrndt, gebe es aber nur lückenhafte Hinweise auf das Individuum, dessen Knochen in die Sammlung gelangten. Im Museumsbund sei das „ein Thema, das uns allen unter den Nägeln brennt“.

Viel gesellschaftliche Bewegung, viel Initiative: ein Senatskonzept? Wozu? Das Thema steht doch in den behördlichen Bildungsplänen. Vielleicht allerdings könnte ein Erinnerungskonzept, richtig angefasst, die zivilgesellschaftlichen Energien bündeln. Und so etwas wie einen Resonanzraum schaffen, für noch immer unerfüllte Reparationsansprüche.  

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