Kommentar Giovanni di Lorenzo

Pass-Neid

Mit seinem Bekenntnis, er habe bei der Europawahl zweimal abgestimmt, hat Giovanni di Lorenzo alte Reflexe gegen den Doppelpass mobilisiert.

Ätschi-bätsch, ich hab zweimal abgestimmt! Giovanni di Lorenzo lieferte allen Doppelpass-Gegnern ungewollt eine Steilvorlage. Bild: imago/Stefan Schmidbauer

Selten wurde ein Scoop eleganter verstolpert. Ein Scoop war es ja, als Giovanni di Lorenzo am vergangenen Sonntag bei Günther Jauch verkündete, er habe bei der Europawahl gleich zweimal abgestimmt: einmal als Deutscher in einer Hamburger Grundschule, einmal als Italiener im italienischen Konsulat. Damit hatte der Zeit-Chefredakteur ungewollt allen Doppelpass-Gegnern eine Steilvorlage geliefert.

Das sei schon „ein Argument gegen mehrere Pässe“, reagierte Finanzminister Wolfgang Schäuble prompt. Auf Spiegel Online folgerte dessen konservatives Sturmgeschütz Jan Fleischhauer messerscharf, der Fall zeige, wie falsch es sei, jetzt jungen Deutschtürken zwei Pässe zuzugestehen, wie es die Große Koalition plane.

Und Bild-Kolumnist Hugo Müller-Vogg sah bei zunehmender Einwanderung gar ein „Zweiklassenwahlrecht“ heraufziehen, das alteingesessene Deutsche deklassiere. Denn nichts bringt Nurdeutsche verlässlicher auf die Tanne als die Furcht, von gewitzten Einwanderern übervorteilt zu werden.

Darum verschärft die Regierung jetzt die Gesetze: damit Einwanderer künftig noch schwerer an deutsche Sozialhilfe kommen. Und darum gibt es sicher auch bald eine Regelung, die eine doppelte Stimmabgabe bei Europawahlen wirksam verhindert – Wolfgang Schäuble hat das sogar noch in der Jauch-Sendung angekündigt.

Es wäre in der Tat gut, diese Gesetzeslücke zu schließen. Doch als prinzipielles Argument gegen den Doppelpass taugt der Fall di Lorenzo nicht. Denn warum sollte die Mehrheit der ehrlichen Einwanderer für sein Fehlverhalten büßen? Und warum gerade die Deutschtürken, wo Türken bei Europawahlen gar nicht mitwählen?

Nein, Mehrstaatlichkeit ist weder Privileg noch notwendiges Übel, sondern schlicht „Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen“, so sagte es jüngst Bundespräsident Joachim Gauck. Menschen könnten sich mit verschiedenen Ländern verbunden fühlen. Und Deutschland werde „attraktiver“, wenn es niemanden zu einem „lebensfremden Purismus“ zwinge.

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Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

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