Im Schwimmbad

Pollen beim Fliegen zusehen

Es gibt ein Leben in der Schule und eins im Schwimmbad. Auch, wenn man schon erwachsen ist. Stunden im Freibad: Egalheit – den ganzen Tag.

Zurückgeworfen auf Gedanken und Grundbedürfnisse, Lesen, Liegen, Ameisen vom Arm wischen. Bild: MissXyz / photocase.de

Es braucht nur die Drehtür, Langnese, die Wärme im Nacken, und du hast deine Kindheit im Kopf. Duschen prasseln. Chlor in der Luft. Fünf Euro fünfzig für Ruhe und Lärm, Enge und Weite, sich in die Becken dazuwerfen zu dürfen, in die sich Menschen geworfen haben, für einen Tag mit Wettschwimmen, Turmspringen, Gänsehaut. Irgendwie sind die Farben grell, das Leben flimmert, später gibt es Gummischnüre.

Die Leute sind Schlange gestanden für jenes Gefühl.

Jetzt um halb acht morgens im Freibad, sonnig schon, 23 Grad, diesig ohne Wolken, tauchen sie längst auf und ab wie Fische, nur öfter, jeder will eine Bahn, manche wollen zwei. Wer jetzt hier ist, sitzt nicht am Rand und blinzelt geblendet. Wer jetzt hier ist, ist früh aufgestanden, um Sport in seine Woche zu takten oder ein Stück Marseille, einen Urlaubstraum, wie wär das, heute, Muscheln, die Zehen im Sand.

Ein Mann krault und notiert seine Bestzeiten, zwanzig Meter, fünfzig Meter; zwei Mädchen turteln geräuschlos. Morgenschwimmer verhalten sich, als hätten sie eine Vereinbarung zum Stillschweigen. Selbst die Eigentümlichkeiten, die allein im Freibad normal sind, scheinen leise: Wir schütteln Wasser aus den Ohren. Wir halten ein Nasenloch zu und leeren das andere. Wir spucken kleine Fontänen.

Wenig mehr als das Geräusch aufsteigender Flugzeuge, Vögel fiepen, Wellen schwappen. Hände greifen in Flüssigkeit, Füße stoßen sie ab – ein Rhythmus wie zum Trost, wie Joggen unter Wasser, Kollektivabwehr gegen das Chaos der Welt: Die nächsten Stunden werden ja laut genug.

25 Jahre nach der Wende müsste die DDR doch Geschichte sein - aber auf den Äckern in Ostdeutschland lebt sie weiter. Wie sich ein Kartell aus alten SED-Genossen riesige Flächen gesichert hat, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 31. Mai/1. Juni 2014. Außerdem: Christian Lindner will die FDP wiederbeleben und bittet um Zeit. Aber hat er die? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Wasser wie Samt

Die Hitze macht schwer, wenn sie gekrochen kommt – bin träge, bin müde, bin matt –, und lässt zur Leiter schlappen. Dorthin, wo Nasses einen wie Samt umgeben soll, obwohl um diese Zeit nach Takt geschwommen wird, mit einem Sinn für Ordnung und Verkehrsregeln – als wäre das Wasser zackig. Langsam einreihen. Abstand halten. Taucherbrillen- und Badekappenträgern gehört die Vorfahrt. Defensiv bleiben, Raser dulden, die beim Überholen abdrängen.

Langsam füllen sich die Wiesen. Einer wirft den Rasenmäher an, guckt rüber, hebt die Schultern als Entschuldigung. „Ich muss das machen“, ruft er dann auch und schaltet, damit er gehört wird, seinen Mäher noch mal aus. „Aber bis ich Keile krieg, mach ich weiter.“ Er berlinert. „Bis Sie was?“ „Na, Keile.“ Er schlägt sich auf die Schultern. „Aber Sie“, berlinert er weiter, „Sie sehn ja janz schön müde aus, holn Se sich ma’n Käffchen, am Kiosk. Da jibts och stark’n.“

„Sie sehn ja janz schön müde aus“, sagt einer, drüben am Kiosk, der Käffchen verkauft. Die ersten Plastikstühle sind besetzt, Freunde und Paare, hinter ihnen blüht der Flieder rosa, sie sprechen nicht, sie plaudern – Eindrücke wie aus Marseille: zu perfekt, um glaubhaft zu sein. Warum weint eigentlich nie jemand im Freibad? Will, wer trauert, nicht barfuß durch Gras laufen, keinen Salto, keine Pommes rot-weiß?

Vielleicht ist das Schöne am Freibad das: dass man zur Langeweile gezwungen, zurückgeworfen wird auf Gedanken und Grundbedürfnisse, Lesen, Liegen, Pollen beim Fliegen beobachten, Ameisen vom Arm wischen. Dass man nur mit dem Kaffeeverkäufer und dem Rasenmähermann redet und mit Menschen, die man mag. Das Ungesunde daran, das Von-allem-zuviel: Man verbrennt sich die Haut, man isst über den Hunger. Buletten, Cornetto, Lippenstifte aus Zucker. Das Verblöden, Unzivilisiertsein: Wir ziehen uns in der Öffentlichkeit um, verschmieren unsere Wangen mit Ketchup.

Das Geschirr spült sich von selbst

Elf Uhr, 24,5 Grad, jetzt sind die Alleingänger da – diejenigen, die, falls die letzten Monate grau waren, sehen wollen, wie die kommenden Monate hell werden. Dass sie falsch lagen in der Annahme, in der Nacht zu leben. Man kann im Freibad, ähnlich wie in der Liebe, Egalheit lernen: zu denken lernen, das Geschirr zu Hause spült sich von selbst, die Rechnungen bezahlt jemand anderes.

Zwölf Uhr, 25,5 Grad, die Familien kommen und die Cliquen. Mit Eimern waten Kinder durch ihr Planschbecken, eines trägt einen Plastikschwan als Schwimmreif. Teenager holen ihre Smartphones und Handtücher raus. Das Schönste am Freibad ist die Erinnerung, die links und rechts entsteht, mitsamt der Verklärung jener, die in der Jugend gut und schlecht war: Blicke, Küsse. Gekicher, Geläster.

Jungs, die aus Zuneigung Bälle auf Mädchen warfen, die Wettbewerbe im Einölen betrieben. Wer besonders braun wurde, war besonders männlich. Mädchen, die sich vom Bauch auf den Rücken auf den Bauch drehten. Philipp, der Neue in der Klasse, den alle hinreißend fanden, wenn ihm die Tropfen vom Haar über die Augen rannen, er bäuchlings auf dem Beton lag und wartete, dass er trocknete. Johannes, der über Lukas sagte, er sei ein verpickelter Loser. David, der über Kerstin sagte, sie habe Brustwarzen so groß wie Fünf-Mark-Stücke. Es gab ein Leben in der Schule und eins im Schwimmbad. Man konnte sich morgens quälen und mittags lieben.

Vierzehn Uhr, 27 Grad, Schweiß und Dichte. „Bombeeee!“, Wassertiefe 1,8 m, Wassertiefe 1,3 m, Rauchen verboten, Erste Hilfe, WC, Spritzen, Rauschen, Zeitungen und Sonnenhüte. Oberschenkel glänzen. Männer lungern am Rand. „Soll ich rübertauchen?“ – „Och, nö.“ / „Das war ja von Anfang an …“ / „Der war so störrisch.“ / „Das ist ’ne peinliche Geschichte, fürs ganze Land.“ / „Die Staatsanwaltschaft hat ja …“ / „Das Königshaus hat aber …“ / „Süß, ne?“ / „Niedlich, total“ / „Mehmet!“ / „Ey, gestern …“ / „Rutsch mal.“ / „Mehmet!“ / „Ist das der, der gar nicht mehr richtig lebt?“ – „Ja, der.“

Um fünfzehn Uhr, 28,5 Grad, gehört der Eingangsbereich den Königen, den Alten, Rotgebrannten, deren Badehosen wenig verdecken. Für sie gibt’s Kassler und Kartoffelsalat, „Prost, Kalle“, sagt die Bedienung und bringt Kalle noch ein Pils. „Morgen komm ich nicht, egal, was für Wetter ist“, antwortet der.

Und lauer Wind

Auf den Steintreppen liegen die, die keinen Platz brauchen und keine Geheimnisse haben. Um sechzehn Uhr lächeln dort zwei Verliebte für ein Foto. Pose, klick, Pose, klick. Ihr Pärchenporträt macht Arbeit, aber das macht nichts.

Es macht nichts, dass es bald gewittert, die Mücken tanzen, die Apfelschorle schal schmeckt. Du hast jetzt Leere im Kopf. Womöglich fegt der laue Wind im Freibad Probleme weg und Schlagzeilen auch, Merkel, Seehofer, die EU „keine Sozialunion“, die AfD „neue Volkspartei“, Putin, Erdogan, Thailand, Zentralafrika – und bestimmt verleihen Freibadtage nicht diesem Text Relevanz, sondern dem Alltag.

„Was soll ich jetzt machen, noch mal Bombe?“, fragt er, etwa zwölf, etwa siebzehn Uhr, 28,5 Grad. „Evet“, sagt sie, etwa zehn, alles fließt ineinander, Schokolade und Vanille, Deutsch und Türkisch, er sie. Daneben sind die Bademeister ihr eigenes Stillleben, wie von Hopper gemalt, in weißen Poloshirts auf ihre Stühle geklebt. „Mach du auch mal.“ – „Ich kann aber Bombe nicht.“ – „Ich zeig dir, wie’s geht.“ Er springt für sie. „War geil?“ Sie lacht für ihn. „Ja.“

 

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