Soloalbum-Debüt von Chris Imler

Gerade aufgestanden

Toll: Der Berliner Lebenskünstler Chris Imler veröffentlicht mit Mitte 50 endlich sein kongeniales Elektronikalbum „Nervös“.

Auf eine Zigarette mit Chris Imler. Bild: promo

Doch, doch, das trifft es. „Nervös“ ist der richtige Titel für ein Album von Chris Imler. „ADHS“ wäre auch ein lustiger Name gewesen, oder „Ritalin“. Hat man den Mann überhaupt je bewegungsarm gesehen?

Eher nicht: Imler, Schlagzeuger, Sänger, Songwriter, Elektrofrickler, zugezogene Berliner mit multiplen Banderfahrungen, Vater einer erwachsenen Tochter, ist nervös, ist zappelig, lässt das Adjektiv aber vor allem durch die positiven Aspekte glänzen: Energetisch, interessiert, von Natur aus vigilant. Mit dem langweilt man sich bestimmt nie.

Mit seiner Musik auch nicht: „Weißt du was ich war/First Live Avatar“ singt, oder besser spricht er in der ersten Zeile des Auftaktsongs seines ersten Soloalbums, während gute alte Elektrobeats losklirren, Elektrobeats aus der Zeit, als sie noch gleichzeitig kalt und warm klangen. Imler weiß, wie man derart abgrundtiefe Beats fabriziert

Er kennt sie noch von früher. Geboren wurde er in den Sechzigern, aus dem Alter für genauere Angaben ist er damit raus. „Ich möchte gern offen, aber auch unehrlich sein dürfen“, sagt er und holt sich für das Gespräch in der Kantine in der Nähe seines Kreuzberger Übungsraums einen Kaffee.

Chris Imler: „Nervös“ (Staatsakt/Rough Trade)

Live: 20. April Dresden „Beatpol“, 26. April Heidelberg „Karlstorbahnhof“, 28. April Düsseldorf „Zakk“, 29. April Münster „Gleis 22“, 30. April Bremen „Theater Bremen“, 2. Mai Hamburg „Golden Pudel Club“, 15. Mai Berlin „Urban Spree“

Krumme Trommeln

Es ist zu vermuten, jedenfalls wenn man neidisch und vorurteilsbelastet wäre, dass Imler gerade aufgestanden ist. Und das ist seine Genese, jedenfalls ein Teil davon: Imler lernte als Heranwachsender Schlagzeug auf krummen, kaputten Trommeln mit einem Bassdrumpedal ohne Feder, erzählt er, in feuchten Kellern unter Beatschuppen. Er stand auf Blues, hatte „sozialromantische Kitschvorstellungen“ von der Freiheit des Pennerdaseins und wurde konsequenterweise vom Gymnasium geschmissen, wie es Freigeistern im bayerischen Augsburg zuweilen passiert.

Nach Steinbildhauerlehre und Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg ging er 1985 nach Berlin, studierte hernach aber doch nicht, sondern fuhr Taxi. „Abitur der Straße“, sagt er über die Taxiprüfung, „gefahren bin ich, wenn ich Geld brauchte“. Er erzählt von linken Taxikollektiven, bei denen man die Schichten selbst einteilen konnte. Und somit bereit war für ein Musikerleben, das – wie noch immer – meistens nachts stattfand.

Imler spielte und spielte, mit „Bands, die etwas Neues probieren wollten“, sagt er, keinen Studioschlagzeuger, der alles kann, sondern einen mit eigenem Stil – musikalisch wie äußerlich – favorisierten. Er trommelte in den Neunzigern bei den Golden Showers, deren Bühnenshow herrlich exaltiert, trashig und feucht war, die einst als „semi-legendär“ angekündigt wurden und von denen es kaum Bild- oder Tondokumente gibt.

Verschwende Deine Jugend

„Das verstehe ich unter Jugendverschwenden“, sagt Imler dazu, „mit dem ganzen Fotografieren und Archivieren heutzutage sichert man sich doch nur ab.“ Dazu spielte er mit Peaches, den Puppetmastaz, mit Patric Catani als Elektroclash-Duo „Driver & Driver“, mit Jens Friebe in dessen Band, bei The Spankings mit Taylor Savvy, und neulich gab es in Brüssel ein Set, das „Chris Imler vs. Felix Kubin“ hieß und bei dem er den noch nervöseren hanseatischen Elektronik- und Industrialkünstler Kubin battlete.

Imler fiel früher vor allem durch das völlige Fehlen jeglicher Attitüde auf. War immer freundlich zu jedem, schien Drogen beneidenswert gut zu vertragen, rollte das r, als ob er Augsburg nie den Rücken gekehrt hatte, machte schon immer sein Menjoubärtchen zum Signature-Look und sah in Anzügen und Pullundern nach Gentleman aus.

Es fehlte eben, zum Glück, die typische Upfront-Attitude: Er habe lange einfach nicht genug Ehrgeiz gehabt, um ein Soloalbum zu machen, erzählt Imler. „Nervös“ besteht nun aus programmierter Musik, aus den Retrosounds der Instrumente und Keyboards, wie sie etwa DAF benutzten, dazu Imlers charmanter Sprechgesang, seine Alan Vega-artige Herangehensweise an Rock ’n’ Roll, und seine irren Texte, die an die humorvolle Seite der NDW erinnern, aber auch genau dieses Genre veräppeln.

„Ich bin nur ein einfacher Arbeiterjunge, fass mich an und fass mit an“ singt er in „Arbeiterjunge“. „Bei mir zuhaus / fließt nur kalter Strom / Ausziehen Ausziehen / Ich hör sie saugen über mir / Dieselbe Stelle am Klavier“ fasst langjährige, typische Kreuzberger Wohnerlebnisse zusammen.

Nicht folkig, sondern voll

Der Klang seiner Songs ist einfach, dunkel und präzise, eine erwachsene Entspanntheit mischt sich in die Nonsens-Texte und unter den spielerischen Umgang mit Synthesizern. „Used to too“ erinnert an den tanzbaren Industrialsound eines Fad Gadget, andere Songs klingen, und der Titelsong „Nervös“ mischt die Sophistication der Gorillaz mit einem Hauch Orientalistik, gerade so, dass es nicht folkig, sondern voll klingt. „Früher sollte Musik für mich mindestens etwas komplett kaputtschlagen. Dann hab ich gemerkt, dass man allein damit auch nicht weit kommt.“ Darum versprühen die Songs eine ironische Emotionalität, kein Krach.

Imler, der seiner Indie-Karriere mit diesem Album noch eine Facette hinzufügt, schmeißt damit alle Klischees über den Haufen: In der Großstadt und im Nachtleben versinken und sich trotz magerer Gagen und Hiwi-Jobs gut gelaunt jahrzehntelang vom Prekariat fernhalten, ein Kind bekommen und Vaterschaft genießen.

Okay, die Tochter, gibt Imler zu, sei bei der Mutter aufgewachsen, Fulltimevater war er erst später und nur zeitweise, ein Leben also mit allen giftigen und ungiftigen Facetten mitnehmen und dennoch pünktlich und ansehnlich beim Interview sitzen. „Ich kann das auch nicht mehr die ganze Zeit“, sagt er und kramt als Beweis sein Magenmittel gegen Gastritis aus der Tasche. Ohne Einfluss auf seine Energie.

Das sei genetisch, behauptet Imler und erzählt von seiner Großmutter, die „noch auf dem Sterbebett das restless legs-Symptom hatte“. Dennoch: Neulich „habe ich mich erschreckt, als ich mich im Video gesehen habe. Es stimmt, die Nase wächst im Alter.“ Heute gehe er nach Hause, wenn die Party öde ist. „Früher hab ich noch ’ne Line Speed genommen und bin dann ins Bett gegangen“, sagt er dann. „So etwas mache ich nicht mehr“.

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.