Interview zur Sauerkrautdisko

„Das kann eine Orgie werden“

„Sauercrowden“ ist die hedonistische Antwort auf eine unkontrollierbare Lebensmittelindustrie. Sagt der Veranstalter der ersten Berliner Sauerkrautdisko.

Zwischen Kohlkopf und Sauerkraut liegen drei Stunden Tanzen. Bild: ap

taz: Herr Haase, ich tanze ja echt gerne.

Hendrik Haase: Ich auch.

Gegen Kraut ist auch erst einmal nichts einzuwenden. Aber tanzen auf Kraut?

Ich hatte dieses Bild im Kopf. Leute, die auf Kraut tanzen. Den Kohl hobelt man ja in feine Streifen, und damit daraus Sauerkraut wird, muss man den gut massieren. Das kann man mit der Hand machen, man kann den kneten. Oder man kann eben wirklich darauf rumtanzen. So ähnlich wie beim Weintreten. Und wenn dazu noch Musik läuft, dann ist das ein cooles Ding. Ein bisschen wie die Schnippeldisko.

Das war gleich noch mal was?

Wir machen seit zwei Jahren jedes Jahr eine große Schnippeldisko hier in Berlin, auf der wir Gemüse verarbeiten, das nicht marktgängig ist – zu klein, zu dick, zu dünn. Und daraus kochen wir eine Riesensuppe. Die Idee ist entstanden, weil wir eine Tonne Gemüse angeboten bekommen hatten, und nicht wussten, wie wir das klein kriegen sollen. Dann haben wir gesagt: Wir machen daraus eine fette Küchenparty. Und dann sind eben dreihundert Leute gekommen. Dieses Jahr waren es schon siebenhundert. Da ist das Schnippeln in einer Stunde geritzt.

29, ist Kommunikationsdesigner und kulinarischer Aktivist. Er bloggt unter wurstsack.blogspot.

Und wer hat die Suppe gegessen, die aus einer Tonne Gemüse gemacht wurde?

Die gab es dann auf der „Wir haben es satt“-Demo für gutes Essen und gute Landwirtschaft. Jedenfalls haben wir da das erste Mal diese beiden Elemente verbunden, die für mich ganz normal sind: Essen zubereiten und Musik. Inzwischen verbreitet sich die Schnippeldisko auf der ganzen Welt.

Zurück zum Kohl.

Das Sauerkrautmachen ist ja eine recht simple Tätigkeit, die eine Generation vor uns noch jeder kannte, weil es einfach Tradition und auch überlebenswichtig war. Wie geil ist Sauerkraut: Man verarbeitet den Kohl ohne jegliche Konservierungsstoffe, nur mit Arbeitskraft und Milchsäurebakterien, die fliegen in der Luft rum. Und dann hält sich das ein halbes Jahr in der Speisekammer. Wenn wir heute nicht mehr wissen, wie das geht, dann können wir das auch nicht an unsere Kinder weitergeben.

Müssen wir auch nicht. Sauerkraut gibt es ja im Glas.

Klar. Ich sage ja auch nicht, dass man jedes Mal sein eigenes Sauerkraut machen muss. Aber das ist wie beim Brotbacken: Wenn man es einmal gemacht hat, dann hat man ein anderes Verständnis dafür.

Wo kommt der Kohl für die Party denn her?

Der wächst in Gatow, das ist sogar noch im Stadtgebiet von Berlin. Bei einem Biobauern, den wir kennen. Der gibt uns 500 Kilo Kohl, und was wir machen müssen, ist: Den Kohl schnippeln, drauf rumtanzen oder kneten und in kleine Gläser füllen. Nach ein paar Wochen hat jeder sein eigenes Sauerkraut. Davon schmeißt glaube ich keiner die Hälfte weg wie vielleicht bei einer Dose Sauerkraut, von der man nicht weiß, wo es herkommt und wie es entsteht. Das ist eine der Kernideen von Slow Food: Schüttel die Hand, die dich ernährt.

Ist das die Philosophie hinter der Aktion?

Ja. Wir machen das ja am „Terra Madre“, das ist ein weltweiter Slow-Food-Aktionstag, an dem es um die regionale Esskultur geht. Und wir machen das eben nicht oberlehrerhaft, indem wir sagen, wie viel Kohlendioxid jeder an dem Abend gespart hat. Sondern mit einem Fest.

Ist diese Einstellung nicht eh schon angekommen in der Zielgruppe, die Sie mit dem Sauercrowden erreichen wollen: Bio und selber machen, solange es Spaß macht?

Na ja, ich bin selbst verwundert, dass das Fernsehen mit einem Übertragungswagen vorbeikommt. Nur weil da ein paar Leute Sauerkraut machen. Daran sieht man ja, dass daraus etwas Besonderes geworden ist, dass es anscheinend notwendig ist.

Aber muss es unbedingt eine coole Party sein?

Klar, Hedonismus gehört zum Essen dazu. Das kann ein Fest sein und auch gern eine Orgie werden. Dass das nicht völlig sinnfrei, unmotiviert und unpolitisch daherkommen muss, ist auch klar.

Was ist politisch am Sauercrowden?

Im Grunde ist das doch das Revolutionärste, was man tun kann: seine eigenen Lebensmittel herstellen. Das ist eine Antwort auf das Lebensmittelsystem, das uns umgibt, das wir kritisieren, bei dem wir die Kontrolle verloren haben. So eine Party ist etwas, was man tun kann, ohne dass es diese wahnsinnige Schwere hat, die ein Gastrosoph mal den „Fast-Food-Platonismus“ genannt hat. Ist das vegan, glutenfrei, bio, kalorienarm, sonst was? Essen ist oft erst einmal ein Problem. Das ist eine Einstellung, die ich gern vom Tisch haben würde. Essen ist im besten Fall erst einmal Befriedigung. Lass doch mal die Sau raus. Und wenn es beim Sauercrowden ist.

Ist es denn noch Slow Food, wenn man mit 120 Beats per Minute auf Weißkohl rumtrampelt?

Da ist wieder das große Missverständnis: 40 Mal kauen, Schnecken und Schildkröten essen, ist nicht Slow Food. Slow bezieht sich auf die Entschleunigung des Essens, beim Zubereiten und in der Produktion. Und zwar nicht nur an Weihnachten. Da würde ja auch keiner auf die Idee kommen, sich eine schnelle Pizza reinzupfeifen.

Will ich denn das Sauerkraut essen, auf dem ein paar Hundert Leute mit undefinierter Fußgesundheit getanzt haben?

Wir haben Tänzer vom Sauerkraut-Varieté da, die tanzen tatsächlich auf dem Kraut. Das Kraut, das man sich später im Glas mit nach Hause nimmt und das bei entsprechender Behandlung leckerstes Sauerkraut wird, das kann man bitte auch mit der Hand kneten.

Wie mögen Sie Ihr Sauerkraut am liebsten?

Mit Rosinen und Pinkel [norddeutsche Wurst, Anm. d. Red.].

 

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