Debatte antirassistische Sprache

Es gibt keine „Sprachpolizei“

Sensibel über Differenz zu sprechen ist nicht so schwer, wie manche denken. Die Angst vor einer „politisch korrekten“ Sprachlosigkeit ist übertrieben.

Was hat der gesagt? Bild: dpa

Ist Sprechen ohne Diskriminierung vor allem ein Instrument der Spaßverderber, die sich eine moralische Überlegenheit auf die Fahnen schreiben, um andere besser gängeln zu können? Diese Debatte ist nicht neu, aber sie flammt immer wieder auf. In der taz zuletzt im Zusammenhang mit rassistischer Sprache.

In seinem Artikel „Infantile Sprachmagie“ schreibt Arno Frank, dass es eine Inflation von Regeln gebe, dass „sprachgesetzliche Novellen sich alle fünf Minuten selbst aktualisieren“ würden, und Weißen das Recht genommen werde, mitzureden. Dabei sei es nicht rassistisch, „Differenzen zu benennen“. Im Gegenteil, sie zu verschweigen wäre das Problem.

Frank ist mit dieser Haltung nicht allein. Doch schon die Grundannahmen seines Textes sind falsch: Es gibt nicht dauernd neue Regeln für antirassistischen Sprachgebrauch. Im Gegenteil, Worte wie „Neger“, „Zigeuner“ oder „Farbige“ sind schon seit Jahren als diskriminierend identifiziert, da passiert gar nicht viel Neues. Auch ohne eine „Sprachpolizei“.

Zudem gibt es einige Vorschläge, wie man im Kontext von Rassismus sensibler spricht: beispielsweise die Selbstbezeichnung „People of Color“, die Frank irrtümlicherweise mit der diskriminierenden Fremdbezeichnung „Colored“ gleichsetzt. Auch würde kein seriöser Antirassist es Weißen verbieten, sich an der Diskussion über Rassismus zu beteiligen. Wie auch bei Sexismus und Homophobie ist die Verbindung von Betroffenen und Alliierten unerlässlich. Was aber oft verlangt wird, ist, dass Weiße auch zuhören.

Infantiles Denken in Verboten

Bei Frank ist von „Sprachpolizei“ die Rede, von „politisch korrekten Einsatzgruppen“, von „Ausschüssen“, von „Belehrungen“ und „Verboten“. Wer in Kategorien wie Verbot und Erlaubnis denkt verkennt, dass es nicht bloß darum geht, Worte zu ersetzen, Menschen anders zu adressieren. „Aber wie soll ich die jetzt nennen?“, diese Frage steht zwischen den Zeilen. „Die“, das sind die Neger, Fidschis und Zigeuner von früher. Doch diese Konstruktion der „Anderen“ gibt es in einem antirassistischen Weltbild nicht mehr, insofern gibt es für sie auch keinen neuen Begriff.

Das rassistische Wort „Neger“ etwa beinhaltet nicht nur eine Abwertung, sondern auch eine Homogenisierung von allen schwarzen Menschen weltweit. Wer sensibel über schwarze Menschen sprechen will, muss nicht nur die Abwertung ablegen, sondern auch die Vereinheitlichung. Es reicht nicht, das „verbotene“ „Neger“ durch das erlaubte „Schwarze“ zu ersetzen: Wer das tut, bleibt im Raster der rassistischen Sprache.

Entgehen kann man ihm mithilfe von Präzision: Wer genau ist gemeint? Spricht man über Afrodeutsche? Über Togolesen? Über Massai? Wir sprechen ja auch selbstverständlich von Italienern und Franzosen, um der Vielfalt auf dem winzigen Kontinent Europa gerecht zu werden. Wer dazu eine umfassende Anleitung fordert, hat womöglich weniger den Wunsch, möglichst wenig zu verletzen, sondern will eher vermeiden, ein „Rassist“ genannt zu werden.

Sprachlosigkeit und Schweigen?

Zur Unterstützung, anders über Herkunft und Identität nachzudenken, existieren zahlreiche Texte und Überlegungen. Doch diese betrachten viele als „Belehrung“, die sie trotzig ablehnen.

Belehrungen sind aber nur möglich, wenn jemand zuhören würde. Und das tun wenige. Man braucht nur das Gespräch über Rassismus beginnen und schon wird erklärt, dass „Negerküsse“ doch etwas Schönes seien, man habe als Kind das Lied über „Zigeuner“ ohne jede böse Absicht oder gar Vorurteile gesungen und überhaupt mache einen die ganze Diskussion um die richtigen Wörter doch ganz sprachlos.

Sprachlosigkeit, Schweigen? Im Gegenteil: Viele Weiße können gar nicht aufhören, ihre Meinung über Rassismus kundzutun. Besonders schlechte Zuhörer sind dabei diejenigen, die sich ohnehin auf der richtigen Seite wähnen, weil sie ja nicht in Leipzig Iraker erstechen oder in Bad Schandau „asiatisch“ aussehende Jungen verprügeln. Für diese Mitglieder der ’gesellschaftlichen Mitte‘ beginnt der Rassismus erst bei Rechtsextremismus.

Und Philipp Rösler?

So allgemein wie „Infantile Sprachmagie“ das Thema zunächst behandelt, so konkret kann man das Problem an dem umstrittenen taz-Interview mit Philipp Rösler durchdeklinieren: In diesem wird der FDP-Chef auf sein „asiatisches Aussehen“ und seine „nichtdeutschen Wurzeln“ angesprochen. Dürfe man neuerdings nicht mehr „asiatisch“ oder „afrikanisch“ sagen, fragt auch Frank? Ist es wirklich so schlimm, über „Wurzeln“, also Herkunft zu sprechen?

Rösler lebt seit seinem neunten Lebensmonat in Deutschland, wurde hier in einer deutschen Familie sozialisiert und hat zu seinen leiblichen Eltern keinen Kontakt. Welche Wurzeln sollen da besprochen werden? Seine Gene? Weil sie nichtdeutsch sind?

Als Kronzeugin für „evident asiatisches“ Aussehen muss bei Frank die birmesische Oppositionelle Aung San Suu Kyi herhalten. Vermutlich fiel die Auswahl auf sie, weil sie für Frank Philipp Rösler ähnlicher sieht, als etwa die pakistanische Kinderrechtlerin Malala Yousafzai oder die Wahlinderin Mutter Teresa. „Asiatisch“, das sind drei Milliarden Menschen, die so unterschiedlich aussehen wie diese drei Frauen. Welche Differenzen werden denn mit einer solchen Wortwahl benannt? Wie viele kassiert?

Sensibilität ist zumutbar

Eine weniger pauschalisierende Sprache hätte auch bei besagtem taz-Interview geholfen. Die Fragen über Röslers „asiatisches Aussehen“ und seine „nichtdeutschen Wurzeln“ signalisierten: Deutsche sind weiß und die Abweichung muss benannt werden.

Würde man ähnliche Fragen an den ersten migrantischen Ministerpräsidenten Deutschlands, David McAllister, richten? McAllister, der zweisprachig aufgewachsen ist, Dudelsack spielt und sich regelmäßig im Kilt fotografieren lässt? Vermutlich nicht, weil es unvorstellbar scheint, einen weißen Mann zu fragen, ob er gehasst wird, weil man ihm seine „nichtdeutschen Wurzeln“ ansieht.

Es gibt viele Möglichkeiten, respektvoll und diskriminierungsfrei über Differenzen zu sprechen. Das will auch niemand verbieten. Doch die Forderung, dafür Gebote und Verbote zu formulieren, ist infantil.

.

Lalon Sander ist Hoodiejournalist und Wortpolizist. Fachredakteur für N-Wort-Debatten , Kommunenleben und Böhmermann-Fans . Meine Texte gibt es hier im RSS-Feed .

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben