Hochwasserbilanz 2013 in Deutschland

Mehr Platz für Flüsse

Mehr Raum für Flüsse – das wurde 2002 nach der Elbeflut versprochen. Was ist daraus geworden? Oder ist der Klimawandel am Hochwasser schuld?

Deichbruch Mitte Juni in Sachsen-Anhalt.  Bild: dpa

Wie kam es überhaupt zu diesem Hochwasser?

Ursache für das verheerende Hochwasser an Donau, Saale und Elbe war ein außerordentlich stabiles Tiefdruckgebiet, das über dem östlichen Mitteleuropa lag und in großem Bogen permanent sehr feuchte und warme Luft aus dem Schwarzmeergebiet nach Deutschland lenkte.

Diese Luftmassen strömten über Deutschland aus nordnordöstlicher Richtung, und vor allem am Nordrand der östlichen Mittelgebirge und der Alpen entstanden staubedingt extrem starke Niederschläge, die tagelang anhielten – und die dortigen Flüsse schnell anschwellen ließen.

Ist der Klimawandel daran schuld?

Wetterlagen mit extremen Regenmengen über Mitteleuropa hat es immer wieder gegeben, auch vor dem Klimawandel. Fakt ist aber auch: Je wärmer eine Luftmasse ist, umso mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen – und umso stärker regnet es im Extremfall. Daher verschärft die Erderwärmung solche Extremereignisse. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass der Klimawandel zu häufigeren Extremwetterlagen führt.

Welche Regionen sind in Deutschland hochwassergefährdet?

Diesen Text lesen Sie in der taz.am wochenende vom 22./23. Juni 2013. Darin außerdem: „Das ist die Lösung!" Es gibt viele Ideen für eine bessere Welt. Man muss sie nur suchen – und aufschreiben. Ein Spezial der taz und 21 weiterer Zeitungen. Die Transsexuelle Jane Thomas und ihre älteste Tochter über die CSU und Familie. Und: Der Gezi-Park ist geräumt, aber der Protest geht schweigend weiter. Aus alten Feinden sind neue Freunde geworden. Unterwegs mit den Fußballfans von Besiktas Istanbul. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Prinzipiell sind alle Städte und Gemeinden bedroht, die an Flüssen liegen, die im Bergland entspringen – in Deutschland betrifft dies die meisten großen Städte. Tagelange Extremregenfälle würden aber ebenso anderswo zu Katastrophen führen, auch ohne Bergflüsse. Als es im Sommer 2011 in Mecklenburg tagelang stark regnete, standen plötzlich Rostock und andere Orte unter Wasser. Wirklich hochwassersicher sind nur Gebiete, die auf Bergen oder Hügeln liegen.

Was sind die schlimmsten Sünden beim Hochwasserschutz?

Vielerorts wurden die Flüsse eng eingedeicht, um Flächen für Landwirtschaft, Industrie und Wohnen zu schaffen. Zudem wurden die kleinen Nebenflüsse oft begradigt, Moore trockengelegt und Flächen versiegelt. Die Folge: Wenn es regnet, fließt das Wasser rasend schnell ab und lässt die Fluten steigen. Und: Hohe Deiche am Oberlauf der Flüsse verschlimmern die Hochwasser am Unterlauf.

Was hilft gegen Hochwasser?

Hochwasser werden sich nicht gänzlich verhindern lassen, aber ihre Folgen können gemildert werden. Wichtigste Maßnahme ist, den Flüssen mehr Platz zu geben, damit sich das Wasser verteilt. Das Problem: Jede Fläche in Deutschland wird von irgendjemandem genutzt; man nimmt bestimmten Menschen, etwa Bauern, etwas weg, wenn man den Flüssen mehr Raum geben will. Während Enteignungen – mit Entschädigungen – beim Bau von Straßen oder Schienen üblich sind, scheuen sich die Behörden beim Hochwasserschutz davor. Das muss sich in Zukunft ändern.

Mehr Raum für Flüsse – das wurde 2002 nach der Elbeflut auch versprochen. Was ist daraus geworden?

Nur 5 Prozent der Maßnahmen, die Hochwasserexperten nach der Elbeflut von 2002 empfohlen haben, wurden bislang umgesetzt. Das größte Projekt war eine 420 Hektar große Überflutungsfläche im Nordwesten Brandenburgs. Das nächste Großprojekt ist eines in Roßlau in Sachsen-Anhalt, wo bis zum Jahr 2018 eine Fläche von 600 Hektar dem Fluss zurückgegeben werden soll. Dennoch stehen der Elbe nur etwa 20 Prozent ihrer ursprünglichen Auenfläche zur Verfügung.

Warum kommt der Hochwasserschutz kaum voran?

Der normale Wasserstand (Dunkelblau) und der Hochwasserstand (Hellblau) in Sachsen und Sachsen Anhalt. Quelle: zki  Bild: Infotext/P. Sobotta

Wie gesagt: Wer als Bauer jahrzehntelang von guten Böden profitiert hat, wer Bauland in Flussnähe verkaufen will, wer sich den schönen Blick aufs Wasser nicht verbauen lassen will – der gibt nicht so schnell auf. Gegen Rückdeichungen und andere Maßnahmen richten sich vor Ort häufig Bürgerinitiativen. Ihre Haltung: Warum denn gerade bei uns? Überflutungsflächen könnten doch auch anderswo geschaffen werden! So schiebt jeder den Schwarzen Peter dem anderen zu – und Bürgermeister und Landespolitiker machen mit.

Soll man Flutopfern die Solidarität entziehen?

Im sächsischen Grimma beispielsweise haben sich Bürger gegen hohe Flutmauern gewehrt; jetzt ist die Stadt an der Mulde zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre abgesoffen. Wie andere Flutopfer auch, werden die Grimmaer Hilfen von Land und Bund bekommen. Ihnen im Nachhinein die Solidarität zu entziehen, geht nicht: Wer will wie beweisen, ob der Einzelne für oder gegen – angemessene – Schutzmaßnahmen war? Künftig sollte die Landesregierung den Druck auf uneinsichtige Kommunen und Bürger erhöhen.

Was hilft, außer dass größere Überflutungsflächen geschaffen werden?

Alles, was dazu führt, dass Regenwasser länger in der Landschaft bleibt: Moore renaturieren; weniger intensive Landwirtschaft, die den Boden verdichtet; mehr Misch- statt Nadelwälder; weniger Flächenversiegelung; Flussbegradigungen zurückbauen. Auch hier gilt: Den Status quo zu ändern ist im Einzelfall schwierig, da viele Menschen von ihm profitieren. Dennoch sollte es Schritt für Schritt in Angriff genommen werden.

Was bringt Klimaschutz in Deutschland?

Viel und wenig. Als politisches Signal, dass sich eine Industrienation auf den Weg zu einem nachhaltigeren Wirtschaften macht, bringen Klimaschutzmaßnahmen in Deutschland viel. Das Klima kann Deutschland allein aber nicht retten; dafür ist der deutsche Anteil am weltweiten Kohlendioxidausstoß viel zu gering. 2011 lag er bei 2,4 Prozent.

 

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