Kolumne Besser

Der Aufstand der Weißen

Die Demokratisierung des politischen Islams ist gescheitert. Siebeneinhalb Thesen zum Aufstand gegen die Erdogan-Regierung.

Für irgendwas muss so eine Nationalfahne ja nützlich sein: Demonstrantinnen auf dem Kizilay-Platz in Ankara. Bild: ap

Erstens. Was in diesen Tagen im Tränengasnebel am Taksim-Platz und zusammen mit Mehmet Ayvalitas, dem ersten Toten der Aufstandsbewegung in der Türkei, zu Grabe getragen wird, ist nicht nur irgendein städtebauliches Vorhaben. Es geht auch nicht bloß um einen erfolgsverwöhnten Politiker, der an der Macht immer selbstherrlicher geworden ist und nun dafür die Rechnung präsentiert bekommt.

Zu Grabe getragen wird ein Projekt von welthistorischer Bedeutung: die Demokratisierung des politischen Islam. Damit sind Erdogan und die Seinen vor gut einem Jahrzehnt zum Entzücken vieler Intellektueller in Europa angetreten. Und damit sind sie gescheitert.

Eineinhalbtens. Dieser Befund bedeutet nicht, dass Muslime keine Demokraten sein könnten. Unabhängig von Erdogan haben und hatten Muslime in ihrem – gramscianisch gesprochen – Alltagsverstand Religion mit Demokratie und einer aufgeklärten Lebensweise, zuweilen auch mit einer selbstbestimmten Sexualität verbunden. Auf individueller Ebene ist ein demokratischer Islam zu haben, auf politischer bleibt er bestenfalls Utopie.

Zweitens. Mit der Festigung ihrer Macht in den vergangenen Jahren hat die Erdogan-Regierung all jenen Recht gegeben, die von Anfang an das Ziel eines Demokratisierung des politischen Islams für eine Propagandabehauptung gehalten haben. Die These, dass Islamisten nur so lange für „Toleranz“ eintreten, solange sie sich nicht im Besitz der absoluten Macht wähnen, darf als bestätigt gelten. In der Gegenwart gibt es nur eine Zivilisation: die westliche. Noch gehört die Türkei bei allen Defiziten – wo gibt's die nicht? – zur westlichen Zivilisation, die sich weder territorial noch kulturell definiert.

Drittens. Ohne die militanten Kämpfe am Gezi-Park würde die Welt heute nicht über die Ereignisse in der Türkei sprechen. Und ohne die Beteiligung organisierter Linker wäre es nicht zu den Straßenschlachten gekommen. (Man muss schon wissen, wie man Barrikaden baut und sie verteidigt.) Doch erstmals in der langen und oft blutigen Geschichte sozialer Proteste in der Türkei ist wird diese Bewegung nicht von der organisierten Linken getragen.

Und anders als im Frühjahr 2007, als Hunderttausende gegen die geplante Wahl Erdogans zum Staatspräsidenten protestierten, steht auch nicht das Militär hinter den Protesten. Auf der Straße ist, im besten Sinne des Wortes, die türkische Zivilgesellschaft. Für die Demonstranten bildete der geplante Abriss von ein paar Bäumen am Taksim-Platz nur den letzten Akt in einer Reihen von Einmischungen in ihr Lebensgefühl – zuletzt das Alkoholverbot oder die Maßregelung von Knutschenden in der U-Bahn von Ankara. Nur deshalb hat sich der Aufstand auf andere Städte ausgeweitet.

Viertens. Die meisten Protagonisten dieser Bewegung entstammen jenem Milieu, aus dem die Linke in aller Welt zwar ihre Kader rekrutiert hat, das unter Linken aber nie einen guten Ruf genoss: jung, urban, gebildet, Mittelschicht. Anders als so oft in linken Publikationen sind diese Attribute hier nicht abwertend gemeint.

Es ist das Aufbegehren der „weißen Türken“, des wohlhabenden, gebildeten und urbanen Milieus, dem die regierende AKP als Vertreterin der „schwarzen Türken“ gegenübersteht, also den Kleinbürgern, Armen und Zugewanderten der Metropolen, die Erdogan repräsentiert und deren derbe Sprache er spricht, plus der Bevölkerung der Provinz, inklusive der anatolischen Bourgeoisie, deren Mann Staatspräsident Abdullah Gül ist. Diese Gruppen waren lange Zeit von der Teilhabe ausgeschlossen. Gesellschaftlicher Fortschritt aber ist niemals vom Land ausgegangen; nirgends, auch in der Türkei nicht.

Fünftens. Dieser Aufstand ist ein Aufstand der Stadt. Er richtet sich gegen ein technizistisches Verständnis der Moderne, das die AKP mit den Ölscheichs der Arabischen Halbinsel teilt. Als Partei der Landbevölkerung – ihres in der Provinz lebenden wie in die Armutsviertel der Städte gespülten Teils – hegt sie einen Hass auf die Stadt („Hure Babylon), der sich schon in der Bibel oder im Koran findet. Der „metaphysische Eros“ (Bogdan Bogdanovic) der Stadt ist diesen Leuten fremd. Stadt bedeutet für sie nicht mehr als ein Dorf, in dem halt alles größer ist: die Straßen, die Häuser, die Einkaufszentren, die Moscheen.

Dieses Ideal von Stadt zeigt sich im rabiaten Abriss des Romaviertels Sulukule wie in gigantomanischen Infrastrukturprojekten. Und natürlich im alten Traum der türkischen Islamisten, den Taksim-Platz als symbolischen Ort der säkularen Republik, als deren „Erinnerungsdepot“, wie Bogdanovic sagen würde, auszulöschen.

Dass die Proteste sich auf konservative Städte wie Kayseri oder Konya ausgeweitet haben, widerspricht dieser These nicht. Kayseri etwa, das Zentrum der „muslimischen Calvinisten“ (New York Times) mit einer Million Einwohnern, hat zwar im vergangenen Jahrzehnt einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, nach 22 Uhr aber ist dort allenfalls noch ein – selbstredend alkoholfreies – Internetcafé geöffnet. Für die dortigen Aufständischen lässt sich wohl sagen: Es ist ein Aufstand der Sehnsucht nach der Stadt.

Sechstens. Taksim ist nicht Tahrir. In Ägypten und Tunesien gingen die Proteste zwar vom gleichen Milieu aus, der „Facebook-Jugend“ nämlich, die von den Resten linker Organisationen unterstützt wurde. Aber die Allianz mit den Armen (und zumeist konservativen) Schichten, das Bündnis der Forderung nach Brot und der Forderung nach Freiheit, hielt nur solange die Mubaraks und Ben Alis an der Macht waren. Am Taksim-Platz hingegen geht es erst gar nicht um Brot, es geht nur um Freiheit.

Siebtens. Es musste nicht alles zwangsläufig so kommen. Hätten die Europäer den Türken nicht zu erkennen gegeben, dass man ihnen letztlich nicht aus politischen oder gar wirtschaftlichen Gründe die Aufnahme in die EU verweigert, sondern aus kulturellen und religiösen, hätten die Dinge vielleicht eine andere Entwicklung genommen. Oder hätte das türkische Militär nicht die Konfrontation gesucht (und den Machtkampf verloren), hätte die parlamentarische Opposition nicht auf die Armee vertraut und ihr Heil im Rückgriff auf den Kemalismus gesucht, hätte sich Erdogan vielleicht nicht im selben Maße auf die eigene, angesichts der wirtschaftlichen Erfolge der Türkei höchst zufriedene Klientel besonnen. Hätte, hätte.

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Besser: Hükümet istifa!

 

Von Juli 2007 bis April 2015 bei der taz. Autor und Besonderer Redakteur für Aufgaben (Sonderprojekte, Seite Eins u.a.). Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2011. „Journalist des Jahres“ (Sonderpreis) 2014 mit „Hate Poetry“. Autor des Buches „Taksim ist überall“ (Edition Nautilus, 2014). Wechselte danach zur Tageszeitung Die Welt.

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