Porträt eines Figurensammlers

Der Puppen-Flüsterer

Fritz Fey, langjähriger NDR-Kameramann, hat auf allen Kontinenten alte Marionetten, Schattenfiguren und Puppen gesammelt. Fey zeigt seine Sammlung im Lübecker Theaterfiguren-Museum. Die dazugehörigen Geschichten aber gibt er nicht preis.

Gründeten das Lübecker Theaterfiguren-Museum: Fritz Fey und seine Frau Saraswathi. Bild: Miguel Ferraz

Dieses Haus steckt voller Geheimnisse. Aber man sieht es ihm nicht an. Genau genommen sieht es aus wie ein ganz normales Friesenhaus irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, leicht östlich von Lübeck. Winterlich kahle Alleen, Hügel und einen kleinen See gibt es – nichts Besonderes also. Und doch lagern hier Schätze, die viel erzählen könnten. Aber so schnell geben sie ihr Geheimnis nicht preis. Das können sie ja auch nicht, die stummen Theaterpuppen des Fritz Fey. Und der Sammler will es nicht. Aus Sturheit? Nein, eher aus wohldurchdachter Zurückhaltung; vielleicht gibt es da ein Schweigegelübde.

Aber wir wollen von vorn beginnen mit dieser verrückten Geschichte, die von Fritz Fey, dem Theaterpuppensammmler, handelt, der eigentlich gar kein Theaterpuppensammler werden wollte. Dabei hatte schon sein Vater eine Marionettenbühne – aber der Sohn, der sollte etwas anderes machen. „Du kannst das nicht“, habe der Vater stets gesagt, sagt Fritz Fey in seinem Wintergarten und schaut sinnend in die Winterlandschaft.

Fritz Fey hat es nicht leicht gehabt: Volksschule bis 14, dann zum Bauern und in die Gärtnerlehre, später aus Abenteuerlust in die Schweiz. Irgendwann hat er gemerkt, dass er fotografieren kann und ist in den 1970ern Kameramann beim NDR geworden.

Ferne Länder und Fotografieren, das war seine Welt, und Sozialkompetenz hatte er auch. Denn er konnte verhandeln, feilschen, Leute öffnen – das Handwerkszeug des Kameramanns, der auch schwierige Typen gut ins Bild setzen muss. Irgendwann hat er seinem Vater eine alte Marionette aus Italien mitgebracht – einen Sarazenen. Der hatte Ausstrahlung, der war ästhetisch, „und da hat es mich gepackt“, erzählt Fey.

Denn nicht nur die Figur war fesselnd, sondern auch das zugehörige Erlebnis: die Begegnung mit dem Puppenspieler, der sein 200 Jahre altes Theater vorführte. „Da habe ich gemerkt, das interessiert mich.“ Feys Sammel-Sucht war entfesselt.

„Die Leute sagen immer, ich wäre verrückt“, erzählt er. Dabei hat er nur getan, was für ihn natürlich war: Sich reingekniet und umfassend interessiert. Damit ist er weit gekommen, denn er hat ein Faible für das Alte. Das will er festhalten, und da dürfen die Puppen auch zerlumpt aussehen: Es geht nicht um den schönen Schein.

Aber er war in Norddeutschland lange der Einzige, der über die Jahrmärkte tingelte, und Schausteller besuchte. „Das sind liebe, rundum fleißige Leute“, sagt er. „Sie haben mich immer in ihren Wagen eingeladen und von früher erzählt.“ Diese gradlinige Gastfreundlichkeit hat ihn beeindruckt, und er erwidert sie gern. „Wenn ich vor 30 Jahren eine Puppe gekauft habe, und die einstigen Besitzer kommen hierher, lade ich sie sofort ein. Sie waren immer für mich da, und ich bin immer für sie da. Ich mag und respektiere sie.“ Er sagt das ganz sachlich, aber man spürt: Das Milieu liegt ihm. „Für manche der alten Spieler bin ich wie ein Sohn.“

Und er hörte nicht nur zu, er half den Leuten auch. Denn die meisten hatten Kinder, die alles werden wollten – nur nicht bettelarmer Puppenspieler. Deshalb freuten sich die Alten, dass da einer war, dem sie ihre Sachen anvertrauen konnten, der sogar ein Museum gründen wollte. 25.000 Puppen, Theaterbühnen, Plakate, Postkarten, Drehorgeln, sogar ganze Schaustellerwagen hat er gekauft oder geschenkt bekommen. Und als Zugabe haben ihm die Puppenspieler ihre skurrilen Geschichten erzählt. Zum Beispiel davon, dass sie mal zum Kasper beteten, als die Not am größten war.

Wenn man das alles hört, wundert man sich, dass man in dem Haus, das Fey mit seiner indischen Frau Saraswathi bewohnt, keine Puppen sieht. Riesige Holz-Elefanten stehen da, winzige Tänzer aus Burma und eine Uralt-Karaffe aus der Schweiz. In der Küche hängen Holzlöffel wie Marionetten an der Wand.

Fey sagt, dass er auch die sammelt, und fast scheint es, als grinsten sie nachsichtig. Aber vielleicht kam das Lächeln auch von seiner Frau, die daneben steht und im goldgelben Gewand in der Küche werkelt, bevor’s am Handy aus Indien klingelt. In diesem Haus ist alles bunt und dekorativ – aber Puppen fehlen. Das ist atypisch für einen Sammler.

Erst später begreift man: Diese optische Absenz deckt sich mit dem Schweigen des Fritz Fey, wenn es an die Geheimnisse der Puppen geht. „Ja“, sagt er, „ich weiß viel von dem, was die Puppen erlebt haben. Aber ich spreche da nicht drüber.“ Sagt er und kommt auf ein anderes Thema: den Unterschied zwischen den Individualgeschichten dieser Puppen und der Kulturgeschichte der Theaterpuppe.

Fey sagt nicht, dass er die persönliche Geschichte der Puppen wichtiger findet, aber er meint, dass dem Wissenschaftler etwas fehlt, wenn er die Geschichten nicht kennt. Fey dagegen kennt die Geheimnisse. Und er kann sie bewahren, ohne damit zu prahlen.

„Ihre Geschichte offenbaren die Puppen durch ihr Äußeres“, sagt Fey und geht auf den Speicher, wo Kisten und Kästen liegen. Klappmaulfiguren ruhen drin, indonesische Schattenspiel-Puppen, grobe Kasper-Marionetten aus Böhmen und feine Prinzessinnen aus China. Stockpuppen aus dem Rheinland und großäugige Figuren aus Afrika. Alle ordentlich hingelegt, als schliefen sie.

Einige wenige stehen offen da, auch ein Theaterhäuschen lugt um die Ecke. Und blitzartig ist man gefangen in dieser Welt zwischen Poesie und Prosa. Es ist eisig hier oben, aber man spürt es kaum. Fey zeigt und erklärt, und man denkt, jeden Augenblick könnte auch der Kasper anfangen zu reden. Aber er tut es natürlich nicht: Er wird doch nicht das Geheimnis ausplaudern, das Fey verschwieg.

Dieser Fey ist ein bisschen abergläubisch, jedenfalls erzählt er später von einer Schweizer Antiquarin, die in Sumatra eine Ahnenfigur kaufen wollte und versprach, dafür in die Familie einzuheiraten. Sie tat es nicht. „Und stellen Sie sich vor, ein paar Monate später ist sie plötzlich gestorben“, erzählt Fey. „Ja“, sagt er dann, „ich habe großen Respekt vor diesen Menschen und ihren Puppen. Ich habe sie immer ehrlich gekauft oder geschenkt bekommen, habe immer korrekte Verträge gemacht.“

Das betont er mehrmals, als wolle er, dass alle Puppen und ihre Ahnen es hören, damit sie ihn nicht verfluchen dafür, dass er sie aus ihrem Ambiente herausnahm – und auch nicht dafür, dass er zum Beispiel diesen schönen Schaustellerwagen verkaufte, weil er Geld brauchte. „Die Leute waren so enttäuscht! Aber ich kann doch nichts dafür!“

Er hadert ein bischen damit, dass die Realität nicht so ist, wie er sie gern hätte: dass er kein riesiges Gebäude hat, sondern nur das kleine Lübecker Puppenmuseum. Das ist in einem schönen, aber schmalen Backsteinbau untergebracht. Fritz und Saraswathi Fey haben es 1982 gegründet, und inzwischen hat er seine Sammlung der Stiftung, die das Haus trägt, vermacht. Irgendwann demnächst wird es mehr Platz geben, denn das Haus soll umgebaut werden. Für Feys riesige Kulissen wird es dann aber immer noch zu klein sein, „und das ist so schade ...“

Er kann gar nicht rational erklären, warum er das alles macht. Er weiß nur, „dass ich einen Sinn darin sehe, diese Dinge zu retten, bevor sie verloren sind“. Denn die heutigen Puppen seien kein Vergleich. Der Kasper zum Beispiel habe mit dem Ur-Typus nur noch wenig zu tun: „Früher hatte er eine Dreispitz-Mütze auf, dazu die Hakennase, einen Buckel und einen dicken Bauch.“ Und welche Kunststücke die Spieler beherrschten! „Der Kasper konnte den Hammer schwingen, hochwerfen und wieder auffangen. Man hat sich kaputtgelacht!“

Man ist ganz erschöpft vom Reden und Schauen und isst erstmal einen unglaublich scharfen indischen Dhal, den Saraswathi Fey gekocht hat. Und man plaudert über dies und das, und Fritz Fey erzählt, dass sie bald nach Indien reisen werden, in die Heimat seiner Frau.

Sie trägt übrigens die Kette einer einstigen Prinzessin, lacht schelmisch und erzählt, dass sie früher Tänzerin und Stoff-Händlerin war. „Jaja“, sagt Fey, „Indien ist ein Land voller Geheimnisse. Da kann einem durchaus mal in einem leeren Haus eine Lotusblüte auf den Kopf fallen, ohne dass man begreift, woher sie kam.“

Ob er selbst habe Puppenspieler werden wollen? Nein, sagt Fey – obwohl er das nomadische Leben der Schausteller durch seine Kameramann-Reisen schon kopiert habe. Aber letztlich liege ihm mehr am Bewahren. „Ich könnte mich ja auch an den Strand legen“, sagt er. „Stattdessen stapfe ich mit der schweren Fotoausrüstung stundenlang zu den Gebieten der Ureinwohner Indiens, die mir ihre letzten Puppen anvertrauen.“ Aber das mache ihm Spaß, sagt Fey, und deshalb wolle er das jetzt, als Rentner, weiterhin tun.

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