DAS MONTAGSINTERVIEW

"Die Stille war eine Offenbarung"

Die Berliner Künstlerin Gudrun Gut hat sich in der Abgeschiedenheit der Uckermark zu ihrer neuen Platte inspirieren lassen.

"Im Clubleben kommt man als Mensch nicht vor": Gudrun Gut. Bild: Amélie Losier

Die Frau Gudrun Bredemann

wird1960inCelle geboren,wächst

in der Lüneburger Heide auf, flüchtet

1975 nachWestberlin und studiert

dort an der Hochschule der

Künste.

Die Musikerin 1977 gründet sie

die Avantgardeband DIN A Testbild,

später ihre erste Frauenband

Mania D. 1980 ist sie Gründungsmitglied

der Einstürzenden Neubauten,

verlässt die Band aber

nach einem Jahr. Danach folgen

Bands namens Malaria und Matador,

die ihrer Zeit geschlechterpolitisch

und musikalischweit voraus

sind. Mit den elektronischen Miniaturen

auf ihrem neuen Album

„Wildlife“ (Monika/Indigo) versucht

sie nun das Gefühl zu vertonen,

das die bis dahin überzeugte

Städterin aufs Land getrieben hat.

Die Allesmacherin 1990 gründet

Gut die Plattenfirma Moabit

Musik, 1997 Monika Enterprise,

das sich mit Künstlern wie Barbara

Morgenstern, Quarks oder Contriva

als eines der prägenden Labels

elektronischer Musik etabliertund

vor allem Musikerinnen in einem

bis dahin männerdominierten

Genre fördert. Seit 1993 veranstaltet

Gut unter dem Titel „Ocean

Club“ zudem Clubnights, die ebenso

Kultstatus erreichen wie die

gleichnamige Sendung auf Radio

Eins, in der sie zusammen mit ihrem

Lebensgefährten Thomas

Fehlmann, selbst umtriebiger Produzent,

DJ und Musiker, der Avantgarde

elektronischer Musik ein

Forum bietet. Trotzdem fiel der

„Ocean Club“ im Sommer der Programmreform

von Radio Eins zum

Opfer, wird aber womöglich im

neuenJahr wieder aufgenommen.

taz: Frau Gut, lesen Sie das Magazin Landlust?

Gudrun Gut: Ja, das tue ich.

Tatsächlich?

Nicht regelmäßig, aber ich habe die schon ein paar Mal gekauft.

Ist Ihr neues Album „Wildlife“ dort schon besprochen worden?

Nein. Aber wenn, dann fände ich das nur gerecht.

Thematisch würde das jedenfalls passen: „Wildlife“ erzählt musikalisch von ihrem Landleben in der Uckermark.

Das auch, aber vor allem erzählt es von meiner neuen Lust auf Musik, die durch die Stille auf dem Land geweckt wurde.

Klingt etwas unlogisch.

Ist es aber nicht. Was da draußen mit Abstand am interessantesten ist, ist ja die Stille. Die dann wieder durch irgendwelche Traktoren brutalst zerstört wird. Im Hochsommer ist es mitunter extrem laut, gerade nachts, weil die Erntemaschinen auch im Dunkeln unterwegs sind. Aber es gibt immer wieder Momente der vollkommenen Stille – im Gegensatz zu Berlin. Diese Stille war für mich, die ich lange Jahre eine überzeugte Städterin war, fast wie eine Offenbarung. Jedes Mal, wenn ich da rausfahre, müssen sich meine Ohren wieder umstellen. Das ist zum Musikmachen natürlich toll.

Und deshalb haben Sie das Mikrofon fleißig in die Natur gehalten.

Nein, ich habe kaum Field Recordings gemacht. Das wäre mir zu simpel gewesen, die Vögel zwitschern zu lassen. Es ist schon vor allem elektronische Musik, wie ich sie immer gemacht habe. Aber nun handelt sie von der Lust aufs platte Land, die ich in den letzten Jahren in mir entdeckt habe. Eine sehr überraschende Lust, denn ich konnte dem Land früher wirklich absolut nichts abgewinnen.

Obwohl Sie in der Lüneburger Heide aufgewachsen sind?

Ja, schon, aber nicht richtig auf dem Land. Zwar schon auf dem Dorf, aber meine Mutter hat in einem Wohnblock gelebt. Meine Tante und meine Oma hatten zwar einen Garten, aber ich habe mich immer gefragt: Was machen die da bloß? Warum wuseln die da herum? Ich war nie der Naturtyp, sondern bin schnellstens nach Berlin abgehauen. Auch nach dem Mauerfall habe ich mich nicht – im Gegensatz zu allen anderen – zur Erkundung ins Umland aufgemacht. Ich war immer eher der Typ, dem die Balkonpflanzen eingegangen sind. Land war echt nicht mein Thema.

Und jetzt wuseln Sie selbst durch ihren Garten, der auch auf dem Cover der CD zu sehen ist.

Genau. Ich lerne die Namen der Bäume und baue mein eigenes Gemüse an.

Wie kam’s?

Das lag wohl an einer Kiefersperre.

Klingt schmerzhaft.

Es ist nicht so sehr schmerzhaft, aber dafür langwierig. Fast zwei Jahre lang hat es gedauert, bis es wieder gut war. Ich habe plötzlich den Mund nicht mehr aufgekriegt. Ich konnte zwar noch sprechen, aber nur noch mit dem Strohhalm essen. Ich habe Osteopathie und Massagen bekommen, und ganz langsam konnte ich den Mund dann immer ein Stückchen weiter aufmachen. Wahrscheinlich war ich einfach überarbeitet, emotional verspannt. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, ich muss mehr Freude in mein Leben bekommen. So habe ich 2006 das Umland entdeckt.

Etwas später als alle anderen.

Allerdings. Ich war eine überzeugte Westberlinerin, und als die Mauer fiel, habe ich mich erst einmal darauf konzentriert, Ostberlin kennenzulernen und zu verstehen. Außerdem war ich beruflich ja ständig in der ganzen Welt unterwegs und kannte hier absurderweise gar nichts. Ich habe auch nichts vermisst. Aber als die Kiefersperre kam, habe ich gemerkt, dass Berlin zu anstrengend geworden war, dass sogar das Ausgehen Arbeit geworden war. Ich habe gemerkt, ich brauche etwas Eigenes, etwas anderes – auch zum Musikmachen, weil in Berlin immer die Arbeit für das Label, die nächste Radiosendung oder eben etwas anderes anlag.

Dann sind Sie mit der Kiefersperre rausgefahren und haben sich umgeguckt?

Nein, zuerst haben wir Immobilienanzeigen studiert …

Sie und Ihr Lebensgefährte Thomas Fehlmann, der auch Musiker und DJ ist.

Ja, und wir haben festgestellt: Da gibt es viel Leerstand, weil es keine Jobs gibt, und deshalb sind die Häuser gar nicht teuer. Und als wir vor diesem Haus in der Uckermark standen, haben wir sofort gewusst: Das ist es. Und das ist es jetzt ja auch.

Was sucht eine Ikone der Berliner Avantgardemusik in der Einöde?

Ich weiß es nicht genau. Ich musste raus, ich brauchte eine Veränderung. Ich weiß jedenfalls, dass ich da draußen ein Glücksgefühl spüre, das ich lange nicht mehr gespürt habe. Ich sitze da, gucke in meinen Garten, schaue in den Himmel und es geht mir gut.

Und dieses Gefühl beschreiben Sie auf „Wildlife“.

Ich habe es versucht. Ich wollte eintauchen in diese Schönheit, in dieses Glück, das ich da draußen finde. Aber mit allen Ecken und Kanten, denn auch da ist ja nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Warum dann nicht ganz umziehen? Man kann sich die Arbeit ja problemlos mitnehmen.

Ja, vor allem seit wir so super Internet haben.

Ministerpräsident Platzeck hat endlich sein Versprechen eingelöst, Brandenburg mit schnellem Internet zu versorgen?

Ich musste mich erst beschweren. Die Telekom wollte kein DSL zu uns legen, aber als ich bei der Gemeinde in Prenzlau angerufen habe, haben die mir versprochen, sich drum zu kümmern. Dann war ich gerade beim Mischen des Albums und wollte die Files nach Köln zum Mixen schicken, aber die Übertragung hätte selbst per Dropbox sieben Tage gedauert. Kann man sich das vorstellen? Aber plötzlich stand der Vodafone-Mann vor der Tür und sagte, er hätte da ein Angebot für mich, ein Funknetz. Über seine Demonstrationsleitung habe ich ich die Files dann innerhalb von zehn Minuten hochgeladen und gesagt: Ich kauf das.

Warum wohnen Sie dann noch halb in Berlin?

Weil ich immer mal wieder in Berlin sein muss für Termine. Aber wenn ich da draußen bin, dann hab ich kein Bedürfnis mehr nach Berlin. Im Rest der Welt wird man ja immer darauf angesprochen: Berlin ist so toll, so cool und so hip. Ich kann es nicht mehr hören. Ja, ich liebe Berlin immer noch, und es gibt viele Seiten an dieser Stadt, die ich noch entdecken muss. Aber das ist dann, ehrlich gesagt, eher der Botanische Garten, in dem ich noch nie war. Ich finde auf dem Land jetzt einfach mehr Lebensqualität.

Was bedeutet das?

Ich hatte schon länger das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer ich überhaupt bin. Als wenn ich mich verloren hätte in der modernen Informationsflut. Auch im Clubleben kommt man als Mensch ja nicht wirklich vor, das ist ja weitestgehend Smalltalk, man baut keine wirklich engen Beziehungen auf. Auf dem Land kommt man durch ganz einfache Tätigkeiten wieder zu sich. Man ist allein in der Natur und kann sich so wiederfinden. Mir ist das jedenfalls ein Bedürfnis, und anderen offensichtlich auch, denn es gibt viele aus der Subkultur, die es da rauszieht.

Wer hat denn noch ein Häuschen im Grünen?

Barbara Morgenstern wohnt ganz in der Nähe, Daniel Meteo und T. Raumschmiere sind oft zum Wochenende da. Vor allem im Sommer ist es sehr lebendig. Es wird zusammen gekocht, die Kinder wuseln herum und die Männer hacken mit großer Begeisterung Holz. Die Jungs lieben das, ich habe keine Ahnung, wieso.

Klingt sehr nach Hippie-Idylle.

Es ist die totale Hippie-Idylle. In der Punk-Zeit war der Hippie natürlich unser großes Feindbild, aber die heutigen Hippies scheinen ganz in Ordnung zu sein. Vielleicht bin ich auch einfach toleranter geworden. Auf jeden Fall ist der soziale Austausch dort draußen viel intensiver als in Berlin.

Worüber wird denn gesprochen, wenn die Berliner Elektroszene zusammen kocht? Geht es dann wieder nur um Musik?

Ja (lacht). Wir haben schon überlegt, wir machen eine neue Fernsehsendung: „Das Club-Dinner“ mit gemeinsam Kochen, Musikhören und drüber Reden.

Im Stück „Protecting My Wildlife“ singen Sie davon, wie es ist, ein Baum zu sein. Wird man auf dem Land automatisch esoterisch?

Ich bin nicht esoterisch, kein bisschen. Ich mache kein Yoga, ich mache Gartenarbeit. Aber auf unserem Grundstück in der Uckermark steht eine Eiche, die ist so groß, dass es sieben Menschen braucht, um die umfassen zu können. Manchmal denke ich schon: Wie ist das wohl, so lange da zu stehen und das Leben zu betrachten?

Sind Sie die Eiche der deutschen Musik-Szene?

(lacht laut) Quatsch. Ich hoffe, ich war etwas beweglicher als eine Eiche.

Sie waren, so scheint es jedenfalls, seit den 80er Jahren immer mittendrin, wenn sich in Deutschland musikalisch etwas getan hat.

Ich hab mich auf jeden Fall nicht gelangweilt. Die 80er Jahre waren großartig, die Wendezeit war super, die 90er waren toll und auch die Nuller Jahre hatten was. Ich hatte tatsächlich 30 tolle Jahre.

Viele haben die 80er Jahre in Westberlin ganz anders in Erinnerung, dunkel und depressiv.

Das waren sie vielleicht auch. Aber für mich waren sie wahnsinnig aufregend. Ich hatte tausend verschiedene Bands, wir haben eine neue Musik erfunden, haben die ersten Konzerte gespielt, sind in New York aufgetreten.

Das war der Moment, als Gudrun Gut beinahe ein Popstar geworden wäre.

Aber eben nur beinahe.

Was ist falsch mit Ihrer Band Malaria gelaufen?

Wir haben uns aufgelöst (lacht). Wir waren durch, wir haben wahnsinnig viel live gespielt, wir konnten uns nicht mehr ertragen. Und wir waren total pleite, obwohl wir so erfolgreich waren. Wir haben nie Geld für „Kaltes klares Wasser“ gesehen, obwohl das ein Hit war und sogar in verschiedenen Länder lizensiert wurde. Aber so war das damals bei Indie-Labels: Eine Abrechnung gab es nicht.

Eine tolle Zeit.

Ich war auch nicht so wahnsinnig glücklich, aber das gehörte dazu. Der Weltuntergang stand ja täglich bevor und jeder Moment wurde gelebt. Es war eine dunkle Zeit, ja, eine Drogenhöhle, aber missen möchte ich die Zeit nicht.

Immerhin können Sie sich noch daran erinnern – obwohl Sie dabei gewesen sind.

(lacht). Ja, aber ich kann mich auch nur noch an einiges, nicht mehr an alles erinnern. Dann ist die Szene implodiert, auch wegen der Drogen, alle waren nur noch total negativ. Die Stimmung veränderte sich, es wurde immer machomäßiger, die Männer trugen plötzlich Cowboystiefel und -hüte. Ich habe mich als emanzipierte Frau nicht mehr wohlgefühlt und wollte zu der Zeit eigentlich weg. Aber dann fiel die Mauer. Da musste ich natürlich in Berlin bleiben, den Osten entdecken, die neue Clubszene, neue Musik, Techno, Tanzen, neue Leute. Alles war neu.

Da waren Sie die Ausnahme. Die wenigsten ihrer alten Freunde haben diesen Schritt zur elektronischen Musik mitgemacht.

Das war keine bewusste Abkehr, das hat sich für mich so ergeben. Ich war jemand, der vor allem nachts gelebt hat, und das Nachtleben hat sich eben verändert. Die Clubs waren die coolsten, die ich je gesehen hatte. Man kroch durch ein Loch im Boden und stand auf einer Tanzfläche. Aber ich habe das nie als Bruch empfunden. Ich war immer sehr in der Zeit, mich interessiert nun mal immer das, was gerade passiert. Aber ich finde, ich habe mich gar nicht so sehr verändert, sondern nur die Technik hat sich weiterentwickelt. Meine musikalische Entwicklung ist für mich eine logische: Wir haben ja schon Anfang der 80er mit Matador …

Ihrer Band nach Malaria …

… mit Matador haben wir schon angefangen, mit den ersten Computern wie dem Atari zu arbeiten. Das lag zum einen daran, dass Proberäume so teuer waren, und zum anderen, dass wir alle keine großen Instrumentalistinnen waren. Ich wollte immer eine Künstlerin sein, meinetwegen auch Musikerin, aber niemals eine Muckerin werden.

Deshalb hängt Ihnen das Image der „Genialen Dilettantin“ an. Ist das nicht langsam eine Beleidigung?

Manchmal nervt es schon ein bisschen, aber ich muss zugeben: Es ist ja so. Das musikalische Handwerk hat mich nie interessiert. Ich schreibe ja auch keine normalen Songs, so denke ich gar nicht. Ich suche Töne und Themen wie Bausteine, aus denen ich etwas baue. Und dann wird das tausendmal überarbeitet. Eigentlich wird es eingekocht.

Wie Marmelade?

(lacht) Ja, wie Marmelade. Damit es haltbar wird.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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