Die Welt aus den Angeln heben

FEMINISMUS Alexander Kluges „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ zeigt, wie eine Hausfrau zur Arbeitskämpferin wird und wie ein Spielfilm ohne hierarchisierende Strukturen auskommen kann

Ein verhinderter Star des Neuen Deutschen Films: 1966 hatte Alexandra Kluge in „Abschied von Gestern“, dem ersten Langfilm ihres Bruders Alexander, die Hauptrolle der langsam aus der Gesellschaft herausfallenden Anita G. übernommen; eine außerordentliche Leinwandpräsenz hatte sie da, die Grenzen des Bildes konnten sie kaum im Zaum halten, oft schien es, als ob der Film regelrecht von ihr überrumpelt wurde, nur mit Mühe mit ihr mithalten konnte. Nicht wenige hatten ihr danach eine große Karriere prophezeit. Alexandra Kluge aber hatte kein Interesse an der Filmszene, arbeitete stattdessen später als Ärztin. Sieben Jahre nach „Abschied von Gestern“ tauchte sie doch noch einmal im Kino auf, wieder in einem Film ihres Bruders, in einem seiner inspiriertesten und lustigsten: In „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ spielt sie die Hausfrau und Mutter Roswitha Bronski. Die Rolle des Ehemanns Franz Bronski übernahm Bion Steinborn, mit dem sie auch real verheiratet war. Eine Familienangelegenheit.

Die nüchterne Art, in der Kluge eine Abtreibung zeigt, hatte damals für einen kleinen Skandal gesorgt

Das Regenbogenkino zeigt „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ in einer kleinen Reihe zum feministischen Kino unter dem Titel „Pussy Riot“. Im Film geht es gerade darum, einen Punkt außerhalb der Familie zu finden, von dem aus Roswitha, in Abwandlung des Archimedes-Satzes, die Welt aus den Angeln heben kann. Zunächst führt sie ein beengtes Leben zwischen der heimischen Wohnung – schreiende Kinder, der Mann, der nichts mit dem Leben anzufangen weiß, sich aushalten lässt – und einer illegalen Abtreibungspraxis, mit der sie den Lebensunterhalt der Familie finanziert. Die nüchterne, ganz und gar nicht verschämte oder geheimnistuerische Art, in der Kluge in einer frühen Szene eine Abtreibung zeigt, hatte damals für einen kleinen Skandal gesorgt; und zumindest die Einstellung, die zeigt, wie zuerst der Fötus, dann einige metallene Klammern in eine Blechschüssel geworfen werden, würde auch heute noch einige Irritationen hervorrufen im Alltagsbetrieb der deutschen Kinos.

Die Praxis muss schließen und Roswitha wendet sich anderen Dingen zu: mit einer Delegation der hessischen Landesregierung sitzt sie in einem Stadtbus, der zu einem Besuch bei „ganz normalen“ Familien ausländischer Arbeitnehmer unterwegs ist. Später wird sie Arbeitskämpferin (schon Anfang der Siebziger ging es dabei vor allem gegen die Globalisierung, überraschenderweise). Bei all dem ist Alexandra Kluge nicht mehr die anarchistische, trotzige Slackerfigur aus „Abschied von Gestern“, doch brav in die Gesellschaft einfügen mag sie sich noch immer nicht. Es ist gar nicht einmal so leicht zu erkennen, wie ihr Widerstand sich genau artikuliert, wie es ihr gelingt, am Ende so etwas Ähnliches zu werden wie ein freier proletarischer Geist. Vielleicht genügt es, dass sie die Gesetze der Verhältnismäßigkeit nicht akzeptiert, die zum Beispiel auch bestimmen, was in der Zeitung auf die erste und was, als Human Interest Story, höchstens auf die dritte Seite gehört.

Auch Kluges Film kennt die Verhältnismäßigkeiten nicht, die den Spielfilm für gewöhnlich strukturieren: keine Unterscheidung in Haupt- und Nebenhandlung, Haupt- und Nebenfiguren, keine Hierarchisierungen, alles gehört auf die Frontpage. Er blickt allen Menschen offen ins Gesicht, den Passanten auf der Straße genauso wie den kalkulierenden Firmenbossen in der Vorstandssitzung und den Frauen während der Abtreibung. Die Kamera (Thomas Mauch) hat ein besonderes Auge für das noch nicht völlig Gestaltete, zum Beispiel im Spiel der Kinder. Zwischendurch gibt es schon jene Abschweifungen in die Kulturgeschichte, die einige Jahre später Kluges Kino mehr oder weniger komplett übernehmen werden. „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“ ist ein Film von einer eigensinnigen, bundesdeutschen Coolness, ein Film, der zumindest rückblickend einige der Versprechen auf ein neues, an den Affekten der Moderne orientiertes Filmschaffen einzulösen scheint, mit denen der Neue Deutsche Film einst angetreten war, Papas Kino zu beerben.