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Online-Identität billig abzugeben

Dachdecker, Party-Friseuse oder Hausfrau: Nun kann man sich im Social Net vertreten lassen. Und jetzt sollen nicht gleich wieder Kulturpessimisten vom Leder ziehen!

Jedes Problem lässt sich lösen. Bild: screenshot socialsitter.net

Neulich ging ein Video durch die Presse, eine Braut vor dem Altar, kurz vor dem Ja-Wort. In der Hand hat sie ihr Handy, das sie vorher im Dekolleté versteckt hatte und das sie sich jetzt unter den Schleier hält, zum Entsetzen all jener Boulevardmedien, die sie kurze Zeit zur Ikone des modernen Sittenverfalls stilisierten, zum Mahnmal gegen das Always Online in Zeiten des Smartphones. Bei so viel Symbolik war es beinah egal, dass das Video schon drei Jahre alt war.

Aber auf Aktualität kann der Boulevard als moralische Anstalt keine Rücksicht nehmen: Zu drängend ist das Problem, dass das Netz das Leben frisst, die Lieblingsthese aller Kulturpessimisten. Man schreibt die Artikel neu, die im 19. Jahrhundert über Romane geschrieben wurden, im 20. über das Radio und, natürlich, das Fernsehen, weil: alles geht den Bach runter mit diesem Teufelszeug, und je schneller die Zeiten sich wandeln, desto schneller ist der Kulturpessimist tot. Das kann er nicht akzeptieren, der Kulturpessimist, denn wenn er tot ist, ist alles im Sack, dann hört die Welt auf sich zu drehen.

Dabei gibt es andere, produktivere Möglichkeiten, das Problem der immerwährenden Vernetzung zu lösen: Man ist ja mit seinen Online-Identitäten nicht verwachsen. Im Gegenteil, alles, was einen mit beispielsweise einem Facebook-Profil verbindet, sind ein Passwort, diesem Ehegelübde ans Netz 2.0, und eine gemeinsame Geschichte.

Das Versprechen kostenloser Vertretung auf Facebook

Diese gemeinsame Geschichte ist nie selbst erzählt, sondern voller übernommener Bilder, Witzen, Spielen, Fotos. Es ist also nur ein kleiner, auch die letzten Reste Autorenschaft an der eigenen Online-Identität abzugeben und weiterzudelegieren, und es ist im Nachhinein erstaunlich, dass erst jetzt jemand auf die Idee kommt, den Nutzern die Arbeit am digitalen Ich vollständig abzunehmen. Aber jetzt ist es soweit: die //socialsitter.net/app/:App "Socialsitter" verspricht, sofern gewünscht, kostenlos eine Vertretung für das eigene Facebookprofil zu stellen.

Man kann wählen, ob man sich (zum Beispiel) vom prolligen Dachdecker vertreten lassen will, der durchgeknallten Party-Friseuse oder der lieb-biederen Hausfrau: die übernehmen dann bis zu zwei Wochen die lästigen Pflichten, wahllos "Gefällt mir" unter Statusmeldungen zu klicken oder den ein oder anderen Satz fallenzulassen.

Ganz ernst gemeint ist die Aktion nicht. "Wir haben uns da einfach einen kleinen Scherz erlaubt", sagt eine Mitarbeiterin der verantwortlichen Werbeagentur Kolle Rebbe, die beeindruckt genug von der Resonanz ist, um ihren Namen zu verschweigen. So viel verrät sie immerhin, dass die Telefone kaum mehr stillhalten. Tatsächlich gehen aber mehr Bewerbungen als Social Sitter ein, als dass Interessenten ihr Profil abgeben.

Aber das war ohnehin nicht der Hintergrund: Man habe eben neue Mitarbeiter und neue Kunden anziehen wollen, heißt es. Das klappt auch ganz hervorragend, und obwohl die Aktion noch nicht lange läuft, zieht sie schon jetzt ein positives Fazit. "Das ist auf jeden Fall gelungen."

Momentan bietet die Agentur den Service nur als Urlaubsvertretung an, bis zu 14 Tage, aber das ist ganz sicher nur ein Anfang. Andere werden die Lücke sicher auszufüllen wissen und daraus ein lebenslanges Angebot machen. Oder sogar darüber hinaus: Kathrin Passig, visionär wie häufig, äußerte einst den Wunsch, man möge sie, wenn sie mal tot sei, bei allen Social Networks anmelden, die ihr gefallen hätten – "statt Blumen".

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