Regisseur über Psychoanalyse-Kino

"Es geht alles ums Sprechen"

Der Regisseur David Cronenberg spricht über seinen neuen Film "Eine dunkle Begierde". Darin erzählt er von den Anfängen der Psychoanalyse – ohne Horror.

Die wollen nur reden: Keira Knightley und Michael Fassbender in "Eine dunkle Begierde". Bild: dpa

taz: Herr Cronenberg, waren die Schauspieler mit der Geschichte von Sabina Spielrein vertraut?

David Cronenberg: Das glaube ich nicht. Natürlich hatten sie von Freud und Jung gehört, aber nicht von Sabina, denn sie wurde überhaupt erst spät bekannt. Jeder Schauspieler ist anders, manchen reicht das Drehbuch, andere wollen in die Tiefe gehen.

Mit Viggo Mortensen habe ich 25 Mails ausgetauscht, in denen es einzig und allein um Freuds Zigarren ging: Wie groß waren sie, welche Form hatten sie, hat er den ganzen Tag über die gleiche Art Zigarre geraucht oder unterschiedliche? Wie viel haben sie ihn gekostet? Das war notwendig, denn Freud hat 22 Zigarren am Tag geraucht, also sieht man ihn im Film in so gut wie jeder Szene mit einer Zigarre.

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Sabina Spielrein litt als junge Frau an dem, was man damals Hysterie nannte. Wie haben Sie mit Keira Knightley die Gestik und die Mimik entwickelt?

Es steckt alles in der Recherche: Fotografien aus Charcots Klinikum zeigen, wie verzerrt und selbstentstellend diese Gesten waren. Es gibt auch Filmaufnahmen.

Von Charcots Patienten?

Nein, aber von anderen Patienten, und sie sind sehr verstörend. Und außerdem gibt es Jungs Handschriften, auf 50 Seiten beschreibt er Sabinas Symptome.

Der Regisseur: David Cronenberg, geb. 1943 in Toronto. 1961 begann er ein Studium der Biochemie, brach es aber ab und wechselte zur Anglistik. In Sachen Kino ist er Autodidakt. Seit 1966 dreht er Filme, u. a. "Shivers" (1974), "The Fly" (1986), "Naked Lunch" (1991), "eXistenZ" (1999) und "A History of Violence" (2005)

Der Film und das Vorbild: Sabina Spielrein (1885-1942) war eine der ersten Psychoanalytikerinnen und eine wichtige Ideengeberin für Sigmund Freud und C. G. Jung. Als junge Frau litt sie an dem, was damals Hysterie genannt wurde: Sie wurde in Burghölzli, eine Klinik bei Zürich, eingeliefert und von Jung einer Psychoanalyse unterzogen. Cronenbergs Film folgt dem Spiel von Übertragung und Gegenübertragung, aus dem eine Affäre zwischen dem Analytiker (Michael Fassbender) und der Patientin (Keira Knightley) resultiert.

Zu früheren Filmen dieses Regisseurs verhält sich "Eine dunkle Begierde" wie die Psychoanalyse zu den Symptomen, die sie bändigt. Das Formlose, Ungestalte, der body horror, das zwischen Tier und Mensch und Maschine Changierende, all das ist in ein reifes, makellos inszeniertes period piece überführt. Den intellektuellen Konflikt zwischen Jung und Freud (Viggo Mortensen) macht Cronenberg ebenso plastisch wie die zeittypischen Vorstellungen von Moral und Geschlechterrollen.

Dass sie den Unterkiefer vor- und den Oberkiefer zurückschiebt, hat Jung beschrieben?

Ganz so konkret war er nicht. Aber er beschreibt ihr Gesicht als von nervösen Zuckungen befallen. Und ich sagte zu Keira: Es geht hier alles ums Sprechen. Du sagst Dinge, die unaussprechbar sind. Eine junge Frau aus einer wohlhabenden Bürgerfamilie würde nie und nimmer über Masturbation sprechen oder darüber, dass die Schläge des Vaters sie sexuell erregen. Und nun ist da dieser Arzt, ein Mann, der dich darum bittet, über diese Dinge zu sprechen, und du willst darüber sprechen, aber zugleich hast du Angst. Ein Teil von dir spricht, der andere hält die Wörter zurück, entstellt sie, damit man sie nicht verstehen kann.

An einer Stelle spricht sie von einer furchterregenden nächtlichen Vision: Sie spürt die Anwesenheit eines Wesens im Zimmer, es reibt sich an ihrem Rücken, ein Weichtier …

… ein schleimiges Weichtier …

In einem Ihrer früheren Filme hätten wir das Weichtier gesehen, hier sehen wir es nicht.

Ich höre auf das, was der Film von mir will, und dieser Film handelt vom Reden. Der ganze Film kreist um Wörter und um Sprache. Das ist ja das Wesen der Psychoanalyse: Es gab keine bildliche Darstellung des schleimigen Weichtiers, es gab die Wörter Sabinas und ihre Körpersprache.

Der französische Filmer André S. Labarthe hat einen Porträtfilm von Ihnen gedreht, der "I Have to Make the Word Be Flesh" hieß. Müsste es jetzt "I Have to Make the Flesh Be Word" heißen?

Das können Sie so sagen, aber schauen Sie sich Keiras Gesicht an! Die Schauspielerin macht aus dem Wort Fleisch. Keira war diesmal mein Spezialeffekt.

Was genau muss denn passieren, damit etwas Unaussprechliches aussprechbar wird?

Es hängt damit zusammen, dass man die Erlaubnis zu sprechen erhält. Man wird aus seinem gewöhnlichen Umfeld herausgelöst, in einen neutralen Raum versetzt, und dort sitzt man einem Fremden gegenüber, dem Analytiker. Der sagt: Wir sind hier in einem sicheren Raum, ich werde Sie nicht kritisieren und nicht anklagen. Das ist das Wesen der Psychoanalyse, aber es war zugleich schockierend, und niemand hatte je daran gedacht. Nicht mal in Burghölzli, einer avancierten Institution - die eine Sache, die sie dort nicht taten, war, ihren Patienten zuzuhören. Warum sollten sie auch, sie waren ja verrückt.

Und Freud sagte: Falsch, genau das, was die Patienten sagen, ist der Schlüssel zu ihrer Gesundheit. Auf eine gewisse Weise ist es das, was ich am Set mache: eine sichere Atmosphäre herstellen, in der die Schauspieler experimentieren können, ohne dass ich über sie urteile.

Während Sie Regie führen, sehen Sie sich in der Position des …

… Analytikers? Nur in dieser einen Hinsicht. Offenbar gibt es Regisseure, die ihre Schauspieler einer Analyse unterziehen, die mit ihnen über ihre Mutter und ihre Träume reden wollen, das wurde mir zumindest erzählt. Ich glaube, das kommt aus dem Actors Studio. Mir erscheint das lächerlich. Ein professioneller Schauspieler kennt sich selbst, er weiß, wie er arbeitet und wo er die Emotionen herholt.

Ihr Film spielt in einer Zeit, in der sich nicht nur in der materiellen Welt, sondern auch in der Welt der Ideen vieles ändert. Das Aufkommen der Psychoanalyse ist ein wichtiger Faktor innerhalb dieser Veränderungen. Ich hatte den Eindruck, dass es Ihrem Film gut gelingt, diese abstrakteren Veränderungen zu vermitteln. Wie haben Sie das gemacht?

Ich habe den Film für sich sprechen lassen, habe mich ihm fast wie einer Dokumentation genähert. Sicherlich, den Raum und die Atmosphäre habe ich hergestellt, aber wie ich es dann filme, ist wie in einem Dokumentarfilm. Der Film wirkt auch deshalb modern, weil Freud, Jung und Sabina in gewisser Weise moderne Beziehungen erfinden. Sie reden über Dinge, über die wir heute auch reden, nur hat eben damals niemand darüber geredet. Die Briefe zwischen Freud und Jung etwa sind sehr intim. Dass zwei angesehene Männer aus dem Bürgertum sich über Körperflüssigkeiten und erotische Träume austauschen, war damals undenkbar. Und dann brachte Sabina noch die weibliche Perspektive ein.

Der Film kam mir fast feministisch vor.

Ich weiß, dass viele Feministinnen Freud kritisieren, weil er patriarchal war. Aber es gab viele Frauen, die Psychoanalytikerinnen wurden, Lou Salomé allein würde einen Film tragen, Sabina Spielrein, Toni Wolff, Emma Jung. Die psychoanalytische Bewegung mochte patriarchal strukturiert sein, aber sie akzeptierte, dass Frauen intellektuell sein und ihren Beitrag leisten konnten. Ihre Beteiligung wurde auch nicht so ausgelegt, dass durch sie die Bedeutung der psychoanalytischen Bewegung geschmälert worden wäre, was in anderen Berufszweigen damals gang und gäbe war.

Ist es nicht ambivalenter? Immerhin wurde Spielreins Wirken vergessen, und dann ist da noch die Kontroverse, die am Anfang von Freuds Karriere stand. Er sprach mit Frauen aus dem Wiener Bürgertum, eine erschreckend hohe Zahl dieser Frauen berichtet von Missbrauch in der Familie, er veröffentlichte eine Studie darüber und wurde dann mehr oder weniger dazu gedrängt, diese Ergebnisse fallen zu lassen.

Ich glaube nicht, dass das so stimmt. Zu seiner großen Überraschung entdeckte Freud viele Fälle sexuellen Missbrauchs, aber nicht nur an Frauen, auch an Jungen. Er versuchte aber zugleich, eine allgemeine Theorie zu etablieren, die auf jedermann anwendbar wäre. Und er konnte nicht mit Fug und Recht behaupten, dass jede Neurose von einem sexuellen Missbrauch herrühren würde. Das hätte ja bedeutet, dass jeder als Kind missbraucht worden wäre. Deswegen hat er die These fallen gelassen.

Mir ist klar, dass er dafür kritisiert wurde und dass der Verdacht aufkam, er sei dazu gedrängt worden, die Untersuchungsergebnisse fallen zu lassen. Aber Freud war mächtig, er hatte keine Angst, über diese schrecklichen Dinge zu sprechen. Inzest nur zu erwähnen bedeutete doch schon, dass er den Geist aus der Flasche gelassen hatte.

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