Integrationsprogramm vorgestellt

Das neue Wir in Mitte

Der Bezirk Mitte will mit einem "experimentellem" Konzept einen Perspektivwechsel und Vielfalt fördern. Im Zentrum: die Sprachförderung.

Sprachförderung soll an Schulen künftig wichtiger sein - nicht nur im Deutschen. Bild: dpa, Patrick Pleul

"Experimentell" nennt Christian Hanke (SPD), Bürgermeister von Mitte, das neue Integrationsprogramm, das sein Bezirk am Montag vorstellte. "Neue Standards" würde es setzen, statt bloßer Absichtserklärungen klare Ziele definieren und diese überprüfen.

Nun ist das mit Integrationskonzepten so wie mit den meisten Behördenpublikationen: Sie sind ziemlich unsexy, ihr Reiz erschließt sich auf den ersten Blick nur Leuten, die es für verwegen halten, anders als in blauem Pullover und grauer Bundfaltenhose zur Arbeit zu kommen. Deshalb ist auch den 127 Seiten, die Hanke und seine bezirkliche Integrationsbeauftragte Maryam Stibenz vorlegten, nur schwer zu entlocken, was sie Anderes als andere Integrationskonzepte zu bieten haben. Da wimmelt es von den üblichen Insider-Formeln wie "Teilziele der OE QPK", die einen glauben machen, dass vor allem die Verwaltung Integrationshilfe und Deutschkurse braucht.

Nun ist ein bezirkliches Integrationskonzept tatsächlich zunächst eine Handlungsanleitung für die Verwaltung. Für Außenstehende interessant ist deshalb vor allem, auf welchen Grundannahmen es fußt.

Die erklärt Maryam Stibenz so: "Statt zu fragen, wie wir mit Migranten umgehen, lautet unsere Frage: Wie gehen wir mit Vielfalt um?" Durch diesen Perspektivwechsel bekäme das "Wir" eine andere Bedeutung - eine inklusive statt einer exklusiven.

In einem Bezirk wie Mitte sei nicht mehr zu übersehen, dass "die Unterscheidung zwischen Deutschen und Einwanderern" an Bedeutung verliere, so der Sozialdemokrat: "Sie beschreibt unsere Problemlagen nicht."

So sei mit der Feststellung, wie viele Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache eine Schule besuchten, nichts über deren Bildungsniveau oder Deutschkenntnisse gesagt: "Die auf Herkunftskultur bezogenen Begriffe verlieren an Aussagekraft."

Sprachförderung soll deshalb an allen Schulen künftig massiv verstärkt und professionalisiert werden: "Und mit Sprachförderung meinen wir nicht nur Deutschförderung", sagt Maryam Stibenz: "Wir kämpfen gegen Spracharmut."

Integration bedeute für ihn "lebendige Vielfalt, in der aber niemand seine Identität aufgeben muss", sagt Hanke. Aufgabe des Staates sei es, dabei Hilfsangbote zu machen und Chancengleichheit herzustellen. Überraschende Sätze für einen, der bisher mit dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky und anderen Parteigenossen vom konservativen SPD-Flügel "Aufbruch" durchaus Herkunftskultur als Ursache für Probleme und Druck als deren Lösung betrachtet hat.

Von einem Umdenken will Hanke aber nichts wissen: Er sei schließlich schon lange für die doppelte Staatsbürgerschaft und das kommunale Wahlrecht für alle AusländerInnen eingetreten. "Wir müssen akzeptieren, dass ein Mensch mehrere Identitäten haben kann", sagt er. Da müsse sich die Einwanderungsgesellschaft "nicht nur mental, sondern auch juristisch" noch bewegen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de