CDs mit Arbeiterkampfsongs

Die Müßiggänger schiebt beiseite!

In der CD-Box "Dass nichts bleibt, wie es war" ist die Geschichte des deutschen Arbeiterlieds dokumentiert. Die Protestsongs des Pop stehen auch in dieser Tradition.

Wieviele CDs braucht man für 300 Arbeiterlieder? 12! Bild: Degenhardt/35 Stnden Woche

Unter dem Titel "Dass nichts bleibt, wie es war" hat der Berliner Musikhistoriker Jürgen Schebera auf insgesamt zwölf CDs knapp 300 Aufnahmen zusammengestellt, eine beeindruckende Sammlung von Arbeiterliedern. Darunter seltene Tondokumente - datieren doch viele Aufnahmen von vor 1939.

Es war schwierig, die Lieder in Schallarchiven aufzuspüren. Das rührige, um Wiederentdeckungen sehr bemühte Label Bear Family Records hat dabei die auf vier Teile aufgeteilten CDs in gewohnter Qualität aufgearbeitet. Ausführliche Booklets dokumentieren die Songtexte und erklären ihre Entstehungsgeschichte in Linernotes. Man kann also diese Edition nicht genug loben.

Aufgeteilt sind die vier Teile nach den Jahren 1844 bis 1918, 1919 bis 1928, 1928 bis 1945 und 1946 bis 1990. Diese Zäsuren sind sinnvoll. Haben wir es auf den ersten drei CD-Boxen mit Texten und Liedern direkt um die gescheiterte Revolution von 1848, um SPD-Gründung und -Verbot, sowie um eine den Massenkampf propagierende Bewegung zu tun, die schon teilweise nichts mehr mit der Sozialdemokratie zu tun hatte, so finden wir ab 1919 einen neuen Ton.

Bluthund Gustav Noske

Die bolschewistische Revolution in der Sowjetunion hatte gesiegt, die Kommunistische Internationale wirkte besonders in Deutschland. Die KPD hatte sich formiert und die SPD war wiederum endgültig eine staatstragende Institution geworden, mit einem in führender Position tätigen Gustav Noske, der "den Bluthund" machte und an der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts beteiligt war.

So wurde der Agitprop der schon bald fast auf hündische Weise sowjettreuen KPD auch ein Kampf gegen die SPD. Die historische Arbeiterbewegung in Deutschland war endgültig gespalten. Diese Spaltung vertiefte sich ab 1928, als Stalin endgültig die Macht in der Sowjetunion an sich reißen konnte. In Deutschland stand die kommunistische Revolution selbst für die Hoffnungsvollsten nicht mehr unmittelbar bevor, die Nazis feierten immer größere politische Erfolge.

Und diese Spaltung blieb nach 1945 erhalten, indem die DDR nun versuchte einen realsozialistischen Staat zu festigen, während sich in der BRD, die mit ihrer antikommunistischen Doktrin sogar viele linke Sozialdemokraten unter Druck setzte, sich erst langsam wieder eine Arbeiterbewegung formierte. Spätestens nach 1968 sollte sich zeigen, dass sie nie wieder die Bedeutung haben würde, die sie vor 1933 gehabt hatte. Auch der Zerfall in die K-Gruppen, deren musikalische Versuche im vierten Teil ebenfalls dokumentiert sind, verhalf der Arbeiterbewegung eher noch zu weiterer Bedeutungslosigkeit. Nun mussten Leninisten, Stalinisten und Maoisten auch gegeneinander kämpfen, in immer marginaleren Gruppen.

Konsequenterweise hat sich diese Liedersammlung das Jahr 1990 zum Endpunkt gesetzt, denn mit diesem Jahr ist - das kann man sicher sagen - das Arbeiterlied in seiner bisherigen Form obsolet geworden. Zumindest legen das die vielen seit 1990 erschienenen Compilations von Agitprop-, FDJ- und anderen Parteiliedern dar, die, obschon sie in der Linken gern gehört werden, vor allem eine ironische Auseinandersetzung mit dem Liedgut der Vergangenheit darstellen - wenn sie auch manchmal nur unfreiwillig komisch sind.

Viel ist an Jürgen Scheberas sehr lobenswerter Zusammenstellung nicht zu kritteln. Sicher sind einige der hier präsentierten Songs keine Arbeiter- und Freiheitslieder im engeren Sinne. Der Herausgeber aber hat sich weitgehend an jene Songs gehalten, die gemeinhin als Arbeiterlieder gelten, sodass es kleingeistig wäre, dies bemängeln zu wollen. Es fehlt zwar der ein oder andere Song, doch das ist für eine so imposante Sammlung, die einem, um es modisch auszudrücken, das Basiswissen Arbeiterlied nahe bringt, eine lässliche Sünde.

Es fehlen viele

Man hört also Ernst Busch und Erich Weinert, die Agitprop-Truppe "Rote Raketen", hört Songs von Paul Dessau, Kurt Weill und immer und immer wieder Hanns Eisler. Die Texte sind von berühmten Schriftstellern, wie Bert Brecht und Kurt Tucholsky, Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath. In der DDR dann schrieben Johannes R. Becher und Louis Fürnberg die Texte. Nun singen Staatschöre ihre Lieder, während in der BRD die Singer-Songwriter Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp, Hein & Oss und Hannes Wader die Tradition des Arbeiterliedes fortführen. Nicht zuletzt auch Lerryn, der heute unter seinem Geburtsnamen Diether Dehm Veranstaltungen der Linkspartei mit grausamen Darbietungen sprengt.

Wie gesagt, es fehlen viele, Walter Moßmann etwa, Fasia Jansen oder Bettina Wegner. Überhaupt muss man anmerken, dass die in der Arbeiterlied-Bewegung ohnehin marginalisierten Frauen in dieser Sammlung - leider - eine untergeordnete Rolle spielen.

Es stellt sich eine gewisse Wehmut ein, wenn man diese Aufnahmen hört, der ein nicht geringer Ekel folgt, der schließlich mithilfe von Nostalgie verdrängt werden kann. Das muss erklärt werden: Viele der frühen Lieder werden, da selbstredend keine Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert existieren, in Fassungen dargeboten, die erst in den letzten 40 Jahren aufgenommen wurden: Besonders Hannes Wader und Dieter Süverkrüp haben sich da hervorgetan. Ihre Versionen aber beschreiben oft einen Kampf oder einen zu bekämpfenden Feind, der längst überkommen ist. Selbst die NPD-Mitglieder sind heute - in zynischer Verdrehung der ursprünglichen politischen Aussage der Lieder - für Gedankenfreiheit, und selbst der fanatischste Carl-Schmitt-Anhänger plädiert für Demokratie.

Ein Lied wie "Drum sag der SPD ade" von Robert Winter und Hanns Eisler, das ein Wahlkampflied der KPD aus dem Jahr 1928 ist, klingt in der Aufnahme der Berliner Singakademie von 1984 nur noch lächerlich. Auch wenn Zeilen wie "Berlin bleibt rot! / Berlin bleibt rot, / Berlin wird immer röter" manche Sozialistinnen und Sozialisten noch entzücken mögen und die SPD den darin beschriebenen Klassenverrat zweifelsohne noch immer betreibt. Zugleich zeigt sich, dass das Stück bereits damals zu artifiziell war, um zu einem Hit zu avancieren. Eisler wollte die Massen erziehen, zum Höheren und Guten hin. Es darf aber als sicher gelten, dass die Melodie bei Wirtsstubentreffen der KPD-Mitglieder nicht oft gepfiffen wurde. Die "Internationale" hingegen lebt weiter fort, doch ist auch sie von Nostalgie und dem Gebrauch durch untergegangene Parteien und Staaten so sehr von Kontexten kontaminiert, dass man ihre eigentliche Aussage kaum mehr hören kann.

Vor allem aber fehlt es an einer Massenbasis, von der fast alle diese Lieder ausgehen, die aber nach 1933 nur noch in westdeutschen Konzertsälen und auf ostdeutschen Parteiversammlungen künstlich hergestellt wurden. Schon damals begann das, was für eine Agitation wesentlich ist, nämlich das Klassenbewusstsein, nur noch eine Behauptung zu sein. Mit der Herstellung der Volksgemeinschaft durch die Nazis und mit der zuvor und hernach immer wieder aufgestellten Behauptung, dass alle gleichermaßen und gleichberechtigt Teil einer all ihre Interessen bündelnden Nation seien, hatte das Arbeiterkampflied ausgedient. Es diente vielen Linken noch zur Selbstversicherung der eigenen politischen Identität, die aber spätestens ab 1980 in beiden Teilen Deutschlands immer mehr ihre Kraft aus dem Vergangenen schöpfte, als in der Gegenwart zu agieren.

Protest mit Bassdrum

Das heißt aber nicht, dass es keinen Protest mehr gäbe - wenn auch oft unorganisiert - und keine Protestsongs. Im Gegenteil. Nur wird heute vornehmlich mithilfe von E-Gitarre und Bassdrum protestiert. Die haben mehr Power als ein Arbeiterchor oder gar ein Bänkelbarde. Dass auch Pop Protestmusik sein kann, zeichnete sich bereits 1969 beim Festival auf der Burg Waldeck ab - und ebenso der bis heute anhaltende vehemente Protest der Barden dagegen, die das Lied vor dem gefährlichen Einfluss der amerikanischen Popmusik schützen wollten.

Das aber hat Pop nicht aufhalten können. Die Barden wurden dagegen zu einem gewissen Teil - Degenhardt bildet hier eine löbliche Ausnahme - in eine Traditionalistenecke abgedrängt, in der das "Handwerk" wichtiger ist als die Aussage.

Die Proteste in der Popmusik sind sicher ungeordneter. Sie richten sich nicht im Sinne einer Partei oder einer Bewegung an deren Klientel. Das kann man bedauern, denn diese Protestsongs, die schon warenförmig sind, bevor sie das Aufnahmestudio verlassen haben, kanalisieren den Protest eher, als dass sie zur Revolution aufrufen. Doch Songs von Bands wie Ton Steine Scherben, von den Goldenen Zitronen oder von Christiane Rösinger stehen durchaus in der Tradition des Arbeiterliedes. Und haben sogar eine gewisse Massentauglichkeit. Man muss nur hören wollen. Und man muss nur etwas verändern wollen.

 

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