Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie

"Werdet Zwerge!"

Der Hamburger Literaturwissenschaftler Leonhard Fuest schreibt über die dunklen Seiten des Lebens. Ein Gespräch über das tägliche Grauen, Trauerarbeit und das Heilmittel der Literatur.

"Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben": Leonhard Fuest. Bild: Julia Krüger

taz: Herr Fuest, was verstehen Sie unter Melancholie?

Leonhard Fuest: Erstmal ist der Begriff konnotiert mit radikaler Traurigkeit und Mattigkeit, Suizidalität. Und es gibt diesen Gedanken, dass der Melancholiker der enttäuschte Utopist ist. Der Melancholiker leidet daran, dass sich das, was er von der Welt erhofft hat, nicht realisieren lässt.

Das Ereignis …

… bleibt aus, genau. Daneben gibt es noch eine auf die Geschichte gerichtete Melancholie, die jüngst sehr wichtig geworden ist. Melancholie als eine Form der nie-an-ein-Ende-gelangenden Trauerarbeit. In den Gedächtnis- und Traumadiskursen seit des Zweiten Weltkrieges ist so die Melancholie als adäquate Haltung, etwa zum Holocaust, erkannt worden.

Die moderne Übersetzung der Melancholie ist Depression. Was halten Sie davon?

Nichts. An die Depression knüpft sich ein ganz anderer Diskurs. Nach Baudelaire ist die Melancholie die "erlauchte Freundin der Schönheit". Man muss die Melancholie mindestens ästhetisch lesen, man kann sie philologisch und philosophisch lesen, aber natürlich auch politisch.

geboren 1967, Literaturwissenschaftler, habilitierte 2008 an der Universität Hamburg und ist derzeit Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald. Zuletzt erschien von ihm der Reiseessay "Die schwarzen Fahnen von Paris", ein Buch über die Stadt der Liebe im Licht der Melancholie.

Wieso politisch?

Der Melancholiker ist der Widerständige. Er ist ein unruhiger Geist, er begnügt sich nicht.

Sind Sie ein Melancholiker?

Ich habe Probleme mit der Rückführung meiner Person auf so eine Identifikationsfigur. "Ich bin Melancholiker", was soll das heißen? Sagen wir es lieber so: Ich beerbe die Melancholie und ihre Vertreter.

Wie wird man Melancholiker?

Vor allem über die Beobachtung der Welt, beispielsweise das Konsumieren der Medien. Das bedeutet: tägliche Konfrontation mit dem Grauen. Zeitung lesen heißt, an den Rand des Abgrunds treten.

Aber es gibt doch manchmal auch Freudiges zu vermelden.

Ja, aber am Ende läuft es doch hinaus auf das Problem des Nicht-Fertig-Werdens mit jenen Grausamkeiten und Dummheiten, die die Welt zu regieren scheinen.

Was also tun?

Da wird es schwierig. Der Melancholiker ist ja einer, der ein gestörtes Verhältnis zur Tat hat. Der Melancholiker schätzt die Unermesslichkeit des Wissens. Die aber verhindert die Tat, weil dazu immer die Entscheidung nötig ist, das Urteil, jetzt genug zu wissen.

Es gibt für den Melancholiker gar keine Lösung?

Doch, über das Schreiben. Obwohl auch hier gleich eine Einschränkung kommen muss: Denn kein Schreiber, und schon gar nicht wir im 21. Jahrhundert, könnte behaupten, dass sein Schreiben jemals etwas Wesentliches verändert hätte.

Aber die Wirkmacht der Schrift kann doch gerade in der langen Dauer immens sein.

Das stimmt, aber wir müssen auch die Tatsache im Auge behalten, dass Schiller, Goethe, Kant uns fast alles zum Humanum entdeckt und wir trotzdem den Holocaust hatten. Das ist für mich seit der Jugend prägend.

Thomas Bernhard, über den Sie promoviert haben, hat mit Stücken wie "Heldenplatz" direkt auf den Holocaust geantwortet.

Ein super Stück! Da werden Sachen gesagt wie: Und im Übrigen gibt es heute in Wien mehr Antisemiten als in den 30er Jahren. Berhard übertreibt damit natürlich maßlos und macht regelrecht Falschaussagen. Aber er rüttelt auf. Allerdings bin ich nicht über dieses Motiv zu Bernhard gekommen, sondern über das, was sich verbirgt hinter seinem schönen Satz: "In der Finsternis wird alles deutlich."

Das letzte Wort soll der Melancholiker haben?

Das auch nicht, denn das Letzte und Beste, was man sich selbst und seiner Sicht auf die Welt angedeihen lassen sollte, ist das Gelächter. Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.

Wie gelangt man denn zur Freude?

Da muss ich jetzt wieder auf die Literatur zurückkommen. Und zwar auf die Literatur als Pharmakon. Ich begreife die Literatur als Mittel, das ich zu bestimmten Zwecken einsetzen kann.

Und wann nimmt man das?

Eigentlich nimmt man immer schon Pharmaka, denn man kann die Gleichung aufmachen: Pharmakon = Medium. Bernard Stiegler, Leiter des Centre Pompidou tut das. Er sagt: Wir sind umgeben von Programmindustrien, die allesamt Pharmaka herstellen: DSDS und so weiter. In dieser durch und durch pharmakologischen Welt begreife ich die Poetopharmaka als Gegenmittel.

Gegen was?

Gegen das Prinzip der Verblödung, das das beste Mittel ist, um die Leute ruhig zu halten. Die massenmedialen Pharmaka sind dazu da, Aufmerksamkeit zu beschränken, ein Gefühl zu entwickeln, das da lautet: Scheißegal. Die Poetopharmaka schreiben sich her aus der melancholischen Analyse und schärfen den kritischen Verstand. Das Poetopharmakon ist der Versuch, etwas Konstitutives aus der melancholischen Analyse zu machen. Ein Angebot.

Im Netz betreiben Sie mit einigen Mitstreitern die Seite dekonstrukte.de, eine Art Poetopharmazie zwecks Verteilung und Erforschung von Poetopharmaka. Wenn ich nun zu Ihnen als Bedürftiger komme, der am Boden ist, was verschreiben Sie mir?

Ich würde erstmal fragen, warum sind Sie am Boden?

Meine Freundin hat mich verlassen.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Linderung oder die homöopathische Herangehensweise, über die wir Sie zunächst in den Zustand einer Heilskrise versetzen. Dazu würde ich Ihnen etwa die Aphorismen von Emile Cioran verschreiben unter der Überschrift: "Vom Nachteil geboren zu sein". Da stehen so Sachen wie: "Atmen ist Unzucht". Oder: Man hätte uns ersparen sollen, einen Körper herumzuschleppen, die Last des Ichs reicht vollkommen aus.

Bäh, ganz schön bittere Pillen.

Es geht darum, sich zu sagen: Das ist ja alles noch viel abgründiger, als ich gedacht habe. Und was passiert dann? Ich falle in die Bodenlosigkeit, um im entscheidenden Moment so eine Art von Solidargefühl zu haben. Anderen geht es auch so, ich bin nicht allein.

Wie sähe die lindernde Heilpraktik aus?

Wir können eine kleine Sommergeschichte von Kurt Tucholsky nehmen, wo so was ganz Süßes passiert, und ich Ihnen sagen kann: Hey, es sind doch genug Frauen unterwegs, ist doch toll, der Sommer steht vor Tür, vergessen Sie, was hinter Ihnen liegt. Oder aber wir lesen einen prächtigen realistischen Roman, wo ich so sagen würde: Ich glaube, Sie haben Probleme mit Empathie, Sie sollten Frauen erstmal besser kennenlernen, lesen Sie Flauberts "Madama Bovary".

Und Sie glauben, das hilft?

Ich bin der erste, der sich vollkommen im Zusammenhang mit dem Poetopharmakon zum Placebo-Effekt bekennt. Das ganze Ding basiert rein auf Suggestion. Naturgemäß. Denn die ganze Literatur ist suggestiv.

Instrumentalisieren Sie mit Ihrem therapeutischen Ansatz nicht die Literatur?

In gewisser Weise ja. Aber bewusst. Weil ich davon ausgehe, dass sich die Literatur in einem so radikalen Umbruch befindet wie seit der Erfindung des Buchdrucks nicht mehr. Und zwar durch das Medium Netz. Die programmatische Kraft des Internets ist so stark, dass ein "digital native" ein Lektüreverhalten an den Tag legen wird, das mit meiner Sozialisierung rein gar nichts mehr zu tun hat. Darum ist die Instrumentalisierung von Literatur nichts anders als ein Dienst an ihr.

Wie das?

Um sie zur Verfügung zu erhalten. Lieber man instrumentalisiert, versucht und experimentiert mit ihr, als sie abseits liegen zu lassen mit ihrem Autonomieanspruch und ihrer Hermetik.

Wie vereinen Sie diesen Standpunkt mit der im Universitätsbetrieb geforderten Wissenschaftlichkeit?

Ich bin da in der Tat in einem Zwiespalt, und es ist völlig offen, wie es mit mir weitergeht. Ich habe fünf Jahre an meinem Buch über Bernhard geschrieben, fünf weitere über die "Poetik des Nicht(s)tuns". Andererseits glaube ich nicht mehr wirklich an die Kultur des Monologischen. 500 Seiten über den Untergang des Abendlandes: das ist doch fürchterlich.

Woran glauben Sie dann?

Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen.

So bescheiden?

Ich bin Jahrgang 1967, das ist die Generation Golf. Ich finde es gut, dass bei dieser Generation bis heute, obwohl sie jetzt an die Macht geht, bislang, toi, toi, toi, keine Helden dabei sind. Und damit das auch so bleibt, schlage ich vor: Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!

Ist das nicht ein Rückzug?

Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. Die wahren Radikalen.

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