Rettungsmaßnahmen in Fukushima

Hilflose Helfer ohne Handbuch

Planung, Ausrüstung, Erfolgsaussichten? Schlecht. Die Helfer in Fukushima stehen im radioaktiven Wasser, um die Reaktoren zu kühlen.

Atomkraftwerk in Fukushima: Betreiber Tepco kühlt verzweifelt überhitzte Reaktoren mit Meerwasser. Bild: reuters

Nach einer Woche kam die Feuerwehr. Rote Löschfahrzeuge aus Tokio drängten sich am 18. März auf einem Parkplatz unweit des Unglücks-AKWs Fukushima I. Sie führten Wasserwerfer mit, um die kochenden Reaktoren aus der Entfernung kühlen zu können. Gleichzeitig rückte auch die japanische Armee an. Fernsehbilder zeigten Helikopter, die auf dem Meer große Wasserbehälter füllten, die sie dann über den rauchenden Reaktorruinen ausleerten.

Diese Bilder suggerierten in den aufregenden ersten Tagen der Katastrophe: Die Profis kommen, sie bringen schweres Gerät und Expertise an den Unfallort. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Helikopterflüge wurden schnell wieder eingestellt, weil die Strahlung zu stark war. Die Piloten konnten nicht über den Reaktoren schweben, um zu zielen. Manche Einheiten der Feuerwehr drehten vor Fukushima um, weil sie angesichts der Radioaktivität nichts ausrichten konnten. Und die Wasserwerfer waren ein Hinweis darauf, dass die Helfer sich selbst häufig nicht mehr in die Nähe der Reaktoren wagten, sondern die Lage "nur von weit weg" analysierten, wie es ein Sprecher der Betreiberfirma Tepco sagte.

Denn das bestimmende Muster der Rettungsmaßnahmen in Fukushima ist die Hilflosigkeit. Niemand weiß sicher, was in den unkontrollierbaren Reaktoren der Blöcke 1, 2 und 3 geschieht. Das Anlagengelände ist stark verstrahlt. An allen Ecken gibt es neue Lecks und unangenehmen Überraschungen. Die Helfer sind schlecht versorgt und am Ende ihrer Kräfte. Für sie ging es von Anfang an nur noch darum, das Schlimmste, das Durchschmelzen der Reaktorkerne, zu verhindern. Die politische Führung spricht davon, die Situation könne noch Monate andauern. Eine Hightech-Branche in einem Hightech-Land steht ratlos vor einer entfesselten Technik.

"Von Anfang an sprengt die Wirklichkeit in Fukushima jedes Szenario", sagt Mycle Schneider, Atomexperte und Träger des alternativen Nobelpreises für seine Arbeiten zur japanischen Atomindustrie. "Was da passiert ist, steht in keinem Handbuch." Auch der US-Atomexperte Arnold Gundersen sagt, der Unfall sei "hundertmal schwerer als das Worst-Case-Szenario von Tepco von 2010."

Die Kombination aus extrem schweren Erdbeben der Stärke 9 und einer Tsunami, die statt der geplanten sieben Meter 15 Meter hoch aufläuft, erklärt die Probleme vor Ort. Einen zusammenhängenden Bericht gibt es derzeit noch nicht. Aber eine vorläufige Bilanz lässt sich ziehen, wenn man die Informationen von verschiedenen Seiten berücksichtigt: von Tepco, der japanischen Atomaufsicht Nisa, der US-Reaktorsicherheitsbehörde NRC, der französischen Atomaufsicht IRSN, der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und vom Atomanlagen-Konstrukteur Areva.

Wasser, Druck, Strahlung

Demnach beginnt die Hilflosigkeit schon mit dem Beben. Es gibt Hinweise darauf, dass dadurch bereits die Konstruktion der Reaktoren angeknackst wird und die Kühlsysteme geschädigt werden. Als der Tsunami die Dieselgeneratoren für die Notstromversorgung wegschlägt, fällt in den Blöcken 1, 2 und 3 die Kühlung vollständig aus. Die Batterien geben nach einigen Stunden ihren Geist auf. Bald stehen die heißen Reaktorkerne so unter Dampf, dass in Reaktor 1 als letzter Ausweg vor der Explosion des Reaktorkerns nur das kontrollierte "Lüften" des Reaktors bleibt.

Damit beginnt ein Teufelskreis, der das weitere Arbeiten bestimmt: Um den Reaktor zu kühlen, spritzen die Helfer Wasser direkt in die Reaktoren und die Sicherheitsbehälter. Das Wasser kühlt, lässt aber den Druck steigen. Der Druck wird abgelassen und verstrahlt die Umgebung, die Kühlarbeiten werden unterbrochen. Dann folgen wieder Wasser, Druck, Strahlung.

Zu Beginn der Rettungsarbeiten setzen die Helfer dem Wasser noch Borsäure zu, um eine spontane Kettenreaktion zu unterbinden. Schnell ist davon nicht mehr die Rede, und die Helfer nehmen auch Meerwasser zum Kühlen. Das bedeutet: Die milliardenteuren Nuklearanlagen werden aufgegeben. Und für Feinheiten wie Borsäure ist keine Zeit mehr. In einer Situation, wo das Wasser in den Abklingbecken kocht und verdampft, geht es nur noch ums Kühlen, egal mit welchen Mitteln.

Die Hilfsmannschaften sind nur noch Getriebene einer Situation, die sie in den vier Wochen niemals unter Kontrolle haben. Sie müssen sich bei Bränden, Explosionen oder hohen Strahlenbelastungen zurückziehen. Zwischenzeitlich bleiben nur die "50 von Fukushima" am Ort, um trotz hoher Strahlendosen die Reaktoren zu kühlen. Und sie hetzen von einem Hotspot zum nächsten: erst an die Reaktoren, dann zu den Abklingbecken für die Brennelemente, dann zum hochradioaktiven Wasser im Keller der Turbinenhäuser.

Die Einsatzleitung plant von Stunde zu Stunde, manche Maßnahmen erweisen sich später als kontraproduktiv bis gefährlich: Das Meerwasser, das in die Reaktoren aus Mangel an Süßwasser gepumpt wird, erhöht durch Salzkrusten die Gefahr, dass sich die Meiler überhitzen. Das Löschwasser, das mit Hunderten von Tonnen auf die Reaktoren und die Abklingbecken gesprüht wird, läuft als verstrahlte Brühe mit 10.000-fach überhöhten Werten in die Keller der Gebäude. Es soll in Tanks gepumpt werden, aber die sind voll. Dann bricht sich das Wasser durch eine Wand und ergießt sich tagelang direkt ins Meer.

Strahlendosen von über 800 Millisievert

Unter der Planlosigkeit leiden vor allem die Arbeiter. Sie kriechen durch die Trümmerlandschaft, im Dunkeln, von Schutzanzügen behindert, die wenig schützen, und mit den Füßen im hochradioaktiven Wasser. Es fehlt an allem, um den einigen hundert Helfern eine halbwegs sichere Arbeit zu ermöglichen: Stiefel, Schutzanzüge, Strahlenmessgeräte, Essen, Trinken, sichere Aufenthaltsräume, Zeit zum Schlafen. Die erlaubte Dosis für den Einsatz in Fukushima setzt das Gesundheitsministerium gleich zu Beginn der Krise von 100 auf 250 Millisievert herauf.

Manche Arbeiter berichten von Strahlendosen von über 800 Millisievert, die sie aufgenommen hätten. Es gibt Stellen in Fukushima, wo in einer Stunde 1.000 Millisievert Strahlung auftreten - eine Dosis, die ausreicht, um Strahlenkrankheit und erhöhtes Krebsrisiko auszulösen und nach einigen Stunden tödlich ist. Nach Angaben von Areva wird in der Trümmerlandschaft von Fukushima ein "stabiler Wert" von fünf Millisievert pro Stunde gemessen - nach zwei Tagen müsste demnach ein Arbeiter ausgetauscht werden. Innerhalb der Reaktorgebäude sei die Strahlung "viel höher", heißt es.

Auch der Umgang mit den Strahlenmessungen zeigt die Hilflosigkeit der Helfer: Sie konzentrieren sich auf die Umgebung des Kraftwerks, auf die Keller, das Meer und die Umgebung. Wie hoch die Radioaktivität aus den einzelnen Blöcken und den Abklingbecken ist, wird seit der ersten Woche nicht mehr kommuniziert. Entweder die japanischen Behörden halten die Informationen geheim, wie sie es etwa mit den Daten zur Windrichtung tun, die das staatliche Amt für Meteorologie ermittelt, oder sie haben sie selbst nicht, wie deutsche Experten vermuten. Ein Tepco-Mitarbeiter jedenfalls erklärt, in den Reaktorgebäuden würden Strahlen gar nicht mehr gemessen, weil das für die Experten viel zu gefährlich sei.

Eine klare Linie der Behörden fehlt auch bei der Evakuierung der Bevölkerung. Bereits am zweiten Tag des Desasters räumen die Behörden einen Umkreis von 10, später von 20 Kilometern um das AKW. Andere Länder wie die USA empfehlen schon früh einen 50-Kilometer-Radius, auch japanische Umweltgruppen dringen auf mehr Evakuierungen. Inzwischen empfiehlt die Regierung eine "freiwillige Evakuierung" zwischen 20 und 30 Kilometern, doch die Aufnahmelager sind nach den Zerstörungen des Tsunami überlastet. Auch wenn die Grenzwerte für Lebensmittel nach dem Unfall angehoben wurden, sind Gemüse und Trinkwasser in den Provinzen um Fukushima teilweise gesperrt.

Das zerstörte und verstörte Japan stößt an die Grenzen seines Vertrauens in die Technik. Stahlsperren sollen das radioaktive Wasser vom offenen Meer fernhalten - aber sie sind erst in Monaten einsatzbereit. Gegen die Lecks im Wasserkreislauf kämpfen die Ingenieure mit Sandsäcken und Zeitungspapier. Ausgerechnet Frankreich bietet dem Mutterland der Computer- und Robotertechnik einen ferngesteuerten Roboter für die Aufräumarbeiten in Fukushima an. Nur der japanische Toshiba-Konzern, der auch AKWs baut, stemmt sich gegen die allgemeine Hilflosigkeit: In der Rekordzeit von nur zehn Jahren, erklärt die Firma am Freitag, werde man alle vier Blöcke der Fukushima-Ruine abreißen und entsorgen - vier Jahre schneller, als die US-Ingenieure für den Pannenreaktor in Harrisburg brauchten.

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