Mafia-Jäger Cortese über die Ndrangheta

"Hier gibt es schlafende Kamikaze"

Renato Cortese lobt die Kooperation mit den deutschen Behörden nach dem Duisburg-Massaker 2007. Er sagt aber: "Die Deutschen müssen verstehen, was illegales Geld bedeutet."

"Der Staat ist der Feind. Aber man erkennt ihn im Moment der Verhaftung auch an." Bild: dpa

taz: Herr Cortese, war 2010 das Jahr der Wende im Kampf gegen die Ndrangheta?

Renato Cortese: Es war ein sehr wichtiges Jahr. Mit dem Begriff Wende wäre ich vorsichtig. Es gab viele Resultate. Aber man muss den Zeitraum weiter fassen. In den letzten drei, vier Jahren ist der Ndrangheta militärisch, also von der Polizeiarbeit her, viel entschiedener entgegengetreten worden. In Italien haben wir die berühmte Liste der 30 meistgesuchten Mafiosi. Vor drei Jahren waren noch elf davon aus Reggio Calabria. Jetzt sind es nur noch zwei. Und vor allem haben wir viel stärker zugegriffen auf den beängstigenden Reichtum der Mafia.

Dieser Zugriff wird in Italien durch Gesetze ermöglicht, die ziemlich einzigartig sind auf der Welt.

Renato Cortese, 45, gebürtiger Kalabrese, seit 2007 Chef des mobilen Einsatzkommandos "Squadra Mobile" in Reggio di Calabria. In dieser Eigenschaft koordinierte er die Ermittlungen zu den Mafiamorden von Duisburg. Zuvor war er lange in Palermo tätig, wo ihm und seinem Team die Festnahme des 43 Jahre lang untergetauchten Superbosses der sizilianischen Cosa Nostra, Bernardo Provenzano, gelang. Mit anderen spektakulären Verhaftungen erarbeitete er sich den Ruf des "Acchiappalatitanti", also eines erfolgreichen Fahnders nach lang untergetauchten Bossen.

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Der jüngste Mafia-Fall: Am 4. Februar 2011 verhaftete die deutsche Polizei in Zusammenarbeit mit der italienischen "Guardia Di Finanza" den 51-jährigen Bruno Pizzata. Die Festnahme erfolgte in Pizzatas Pizzeria in Oberhausen. Gegen Pizzata war am 2. Dezember 2010 im Rahmen der Operation "Overloading" Haftbefehl von der Anti-Mafia-Direktion im kalabrischen Catanzaro erlassen worden. Pizzata gilt als Mitglied des kalabrischen Ndrangheta-Clans Pelle-Vottari und wird zu den prominentesten Drogengroßhändlern der Welt gerechnet. Die italienische Justiz hat in Deutschland bereits einen Antrag auf Auslieferung Pizzatas gestellt. Pizzata stammt aus dem berüchtigten Ort San Luca. Eine Blutfehde und der Konflikt um Einflussgebiete in Deutschland hatten zwischen den dortigen Ndrangheta-Familien Pelle-Vottari und Nirta-Strangio 2007 zum Massaker von Duisburg geführt, bei dem sechs Italiener getötet worden waren.

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Das Deutschland-Geschäft: Nach Zahlen, die der Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität (OK) beim Berliner LKA, Bernd Finger, bei einer Tagung in Reggio di Calabria im letzten November vorstellte, lag 2009 der Anteil italienischer OK-Verdächtiger an der in Deutschland registrierten organisierten Kriminalität bei 3,5 Prozent, wobei die Zahl der Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr von 187 auf 323 anstieg. Das ist die dritte Position hinter der deutschen und türkischen organisierten Kriminalität. Zu über 70 Prozent ist die italienische organisierte Kriminalität in den Phänomenbereichen Rauschgift (36,7 Prozent), Steuer- und Zolldelikte sowie Wirtschaftskriminalität tätig. Regional liegen ihre Schwerpunkte in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Die Ndrangheta nimmt mit 56 Prozent in Deutschland den Spitzenplatz ein, vor der neapolitanischen Camorra mit 24 Prozent.

Stimmt. Wir haben ein Gesetz, das den Einzug des Vermögens schon dann erlaubt, wenn jemand wegen Zugehörigkeit zur Mafia verhaftet worden ist. Wenn er also zu einer erwiesenermaßen mafiösen Familie gehört. Der Polizist geht zum Gericht und beantragt den Einzug des Vermögens. Dann gibt es noch ein anderes sehr wichtiges Gesetz. Wenn das Abhören ergibt, dass der Mafioso einen Strohmann beauftragt hat, sein Vermögen zu verwalten, dann können wir ebenfalls beschlagnahmen - und natürlich den Strohmann verhaften.

Wie sind diese Leute, wenn man sie festnimmt? In den Bildern sind die Ndranghetisti immer sehr gefasst, fast herausfordernd selbstsicher.

Das Klischee stimmt schon. Je höher einer steht, je mehr er Boss ist, desto gleichgültiger ist er. Man macht das einfach nicht, sich aufregen. Man kann umgekehrt sagen: Wenn einer Ärger macht bei der Verhaftung, dann ist er nicht wichtig, kein richtiges Mitglied.

Er hält sich nicht an den Kodex.

Genau. Der Staat ist der Feind, klar. Aber man erkennt ihn im Moment der Verhaftung auch an. Er verhaftet einen, weil er seine Regeln hat.

Der Mafioso behandelt Sie auch wie einen Mafioso?

Ja. Er hat ja auch keine Skrupel, mich umzubringen. Allerdings hat die Ndrangheta es immer vermieden, wie die Sizilianer, dem Staat den Krieg zu erklären. Bis 2010 gab es das nicht. Die Bomben, die Panzerfaust, die sie vor der Staatsanwaltschaft in Reggio deponiert haben, sind für uns der Beweis, das wir auf dem richtigen Weg sind.

Auch terroristische Gruppen werden oft militanter, wenn sie auf dem absteigenden Ast sind.

Genau das geschieht in Kalabrien. Wenn sie die Kontrolle über das Territorium haben, dann müssen sie nicht ihre Macht zeigen. Aber es gibt noch einen anderen Punkt. Die Ndrangheta ist stark, weil sie immer noch über Zustimmung in breiten Schichten der Bevölkerung verfügt. Es ist nicht nur so, dass die Leute schweigen, weil sie Angst haben. Viele denken auch, dass sie mit der Mafia besser fahren als mit dem Staat.

Mit dem Staat, der nicht da ist.

Der nicht da ist, und wenn, dann mit seinem hässlichen Gesicht. Aber um das abzuschließen: Das Schutzgeld, der "Pizzo", ist ein entscheidendes Merkmal der Herrschaft. Der Mafia geht es nicht um das Geld, sondern um das Zeichen der Unterwerfung, das Symbol der Kontrolle.

Die Ndrangheta operiert international nach immer den gleichen organisatorischen Mustern. Ist der "Pizzo" auch in Deutschland das erste Zeichen ihrer Präsenz?

Nein. Sie brauchen in Deutschland nicht die soziale Kontrolle wie in Kalabrien. Sie sind in den 1970er und 1980ern ins Ausland geschwärmt, weil sie ihre Reichtümer investieren mussten, die sie in Italien erwirtschaftet hatten, wo schon in den Achtzigern die Geldwäschegesetze sehr streng waren. Was sie suchen, sind legale Investitionsmöglichkeiten für illegales Geld, vor allem aus dem Drogenhandel.

Operieren die Zellen im Ausland denn autonom?

Seit diesem Jahr wissen wir, dass auch die Ndrangheta vertikal organisiert ist Wir haben Gespräche abgehört im Hinterzimmer einer Wäscherei in Reggio, wo die Abgesandten aus Australien vorsprechen.

Und um Rat fragen.

Nicht nur um Rat! Sie kommen, um Befehle zu empfangen. Und das gilt auch für Kanada, für die Schweiz, für Deutschland.

Und trotzdem wird in Italien über Duisburg sehr viel mehr gesprochen als in Deutschland.

Was im Sommer 2007 in Duisburg geschehen ist, war ein abscheuliches Massaker. Aber es hatte positive Folgen. Seitdem beginnt man auch in Deutschland zu verstehen, was die Ndrangheta ist. In der deutschen Polizei gibt es seitdem einen ganz neuen Geist der Zusammenarbeit mit Italien. Ich war in Duisburg. Wie wir dort zusammengearbeitet haben, gehört in ein Handbuch der internationalen Polizeikooperation sowohl was das Inhaltliche angeht - die Absage an die Bürokratie, an Formalismen - als auch die menschliche Seite. Wir sind Freunde geworden. Und in anderthalb Jahren haben wir den Fall komplett geklärt.

Wie ist denn der Stand der aktuellen Ermittlungen? Wo gibt es aktive "locali", Zellen der Ndrangheta, in Deutschland?

Geben tut es bestimmt welche, aber da würde ich über laufende Ermittlungen sprechen. Es gibt Duisburg, es gibt Karst, wo der Strangio-Clan auch aktiv war. Die grundsätzliche Schwierigkeit ist: Es gibt sehr viele Menschen aus Kalabrien in Deutschland; und es ist nicht immer leicht, die legalen von den illegalen Tätigkeiten zu trennen. Aus Abhöraktionen in jüngster Zeit wissen wir, dass Leute aus der Gastronomie, die nie negativ in Erscheinung getreten sind, plötzlich einen Anruf aus einer Telefonzelle in Kalabrien bekommen und zu Drogenhändlern werden.

Ein "Schläfer" der Ndrangheta!

Ein schlafender Kamikaze sagt man auf Italienisch.

Aber in Deutschland redet man vor allem über islamistischen Terror. Ist das teutonische Arroganz?

Nein, das glaube ich nicht. Duisburg hat halt nicht gereicht, um die militärische Schlagkraft der Ndrangheta zu verstehen. Das Geld tut niemand weh, man sieht es nicht, es stört nicht. In Italien ist das anders, Tote gehören bei uns zum Tagesgeschäft. Aber die Deutschen müssen verstehen, dass das illegale Geld saubere Unternehmen gefährdet. Wie sollen sie der Konkurrenz standhalten? Das ist das Problem.

Wenn Sie hier in Berlin in ein italienisches Restaurant gehen - wie verhalten Sie sich da?

Tja: aufmerksam. In Reggio ist es selbstverständlich, dass ich und meine Kollegen aus Polizei und Staatsanwaltschaft nur in saubere Lokale gehen. In Reggio weiß man, welche das leisten - auch weil diese Lokale oft ziemlich leer sind! Und Restaurant und Lebensmittelhandel sind halt Kernbereiche mafiöser Aktivität.

Es ist noch nicht so lange her, dass alle Italiener als Mafiosi galten. Kann man über die Mafia, über die Ndrangheta ohne Stereotype berichten?

Ich verstehe das deutsche Problem, aber ich habe keine Antwort. In Italien ist unser Motto: darüber sprechen, nie aufhören über die Bedrohung, über die Präsenz der Mafia zu reden. In Deutschland? Ich glaube, es ist am wichtigsten, dem Drogengeld nachzugehen, weniger der einzelnen Pizzeria. Auch in Deutschland wurden große Unternehmungen mit dem Geld aus dem globalen Kokainhandel errichtet.

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