Montagsinterview mit Gudrun Krämer

"Die Deutschen haben ein einseitiges Islambild"

Sie ist Deutschlands renommierteste Islamwissenschaftlerin und besonders gefragt, wenn es darum geht, den selbst ernannten Experten à la Sarrazin und Broder zu widersprechen

Gudrun Krämer, die Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin  Bild: Erik-Jan Ouwerkerk

taz: Frau Krämer, was fällt Ihnen spontan zum Thema Islam ein?

Gudrun Krämer: Ganz spontan verbinde ich damit die Idee einer großen Kultur mit einem religiösen Kern, der einigermaßen einheitlich ist. Gleichzeitig - und das ist sicherlich ein Reflex auf die aktuelle Diskussion - fallen mir sogleich Argumente gegen diejenigen ein, die ihn zu einseitig und zu schlicht sehen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie fallen rund 80 Prozent der Deutschen zum Stichwort Islam Frauenfeindlichkeit, Fanatismus, Intoleranz und Gewaltbereitschaft ein. Das ist ein größerer Anteil als in den Niederlanden oder in Frankreich.

Die 57-jährige Historikerin, Politik- und Islamwissenschaftlerin ist selbst viel gereist: Sie lebte mehrere Jahre in Kairo, forschte in Indonesien und Usbekistan, lehrte unter anderem in Bologna, Paris und Beirut. Seit dem Jahr 1996 ist die gebürtige Marburgerin Professorin des Instituts für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie verfasste Überblicksdarstellungen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, darunter "Geschichte Palästinas" sowie wissenschaftliche Bücher zum modernen Ägypten.

Für ihre Forschungsarbeit bekam die ausgewiesene Kennerin des Vorderen Orients jüngst den mit 100.000 Euro dotierten Gerda-Henkel-Preis.

Das ist natürlich erschütternd. Es zeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit über den Islam ein sehr viel einseitigeres, negativeres Bild hat als selbst die Öffentlichkeit in Nachbarländern wie den Niederlanden, Frankreich oder Dänemark, die starke rechtspopulistische, wenn nicht rechtsradikale Kräfte haben. Und es gibt mir als ausgebildeter Historikerin schon sehr zu denken, dass ausgerechnet die deutsche Öffentlichkeit mit ihrer spezifischen Geschichte so negativ auf den Islam und damit auf die Muslime blickt.

Wie ist das denn zu erklären?

Es gibt die Überlegung, dass sowohl die Niederländer als auch die Franzosen ehemalige Kolonialmächte sind und daher im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in einer anderen Weise mit Muslimen in Berührung gekommen sind als die Deutschen. Es könnte also durchaus sein, dass die Kolonialerfahrung eine größere Vertrautheit mit dem Islam herbeigeführt hat und auch eine größere Vertrautheit mit Muslimen. Während die meisten Deutschen ja bis vor wenigen Jahrzehnten Muslime im eigenen Land nicht gekannt oder wahrgenommen haben.

Hier in Dahlem nimmt man ja Muslime auch nicht gerade wahr …

In Dahlem spürt man von all dem nichts. Ich selbst wohne in Charlottenburg, und auch da ist diese Thematik nicht wirklich zu erleben. Dort haben wir eine starke russische Präsenz, wobei ich mich schon frage, warum die öffentliche Aufmerksamkeit sich so stark auf Problempersonen und -gruppen arabischen, kurdischen oder türkischen Hintergrunds konzentriert und warum osteuropäische und südosteuropäische Gruppen weniger auffallen.

Wie reagieren Ihre Studenten und Studentinnen auf die Islamophobie?

Sie nehmen das schon sehr stark wahr. In ihrer Mehrzahl sind sie darüber natürlich beunruhigt und wollen etwas dagegen tun.

Was denn?

Wir können nicht praktische Sozialarbeit in Friedrichshain oder in einem anderen Stadtteil machen. Das ist auf jeden Fall nicht meine Aufgabe als Islamwissenschaftlerin. Wir können aber versuchen, durch eine entsprechende Ausbildung der Studierenden dafür zu sorgen, dass sie qualifiziert werden, etwas zu tun, und dass sie auf jeden Fall bewusst mit dem Thema umgehen. Das heißt, nicht nur danach zu fragen, was bei Islamophoben falsch läuft, sondern auch, ob es hierfür einen geschichtlichen Hintergrund gibt.

Sie könnten in Berlin in eine Moschee gehen und sich dort mit den Menschen auf Arabisch unterhalten.

Natürlich kann man das machen. Und unsere Studierenden sind ziemlich aktiv. Es ist nicht so, dass die nur im Seminarraum säßen. Wir haben Studierende, die bei unterschiedlichen Stadtteilprogrammen mitmachen, wie zum Beispiel dem Projekt gegen Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Weltfremd sind die nicht.

Aber Sie selbst sehen sich eher als Aufklärerin im klassischen Sinne. Glauben Sie denn, Sie und Ihre Studierenden finden Gehör in einer Gesellschaft, in der jemand wie Thilo Sarrazin einfach lauter sein kann?

Sie stellen die Frage natürlich zu Recht. Die Studierenden wie auch die meisten Lehrerenden wissen sehr wohl, dass Aufklärung ein hehres Wort ist. In der Form, in der wir unser Wissen verbreiten, erreichen wir im wesentlichen ein bildungsnahes, bürgerliches Publikum. Ich sitze selbst im Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung: Da wird viel darüber nachgedacht, wie man bildungsferne Schichten erreichen kann. Das ist ausgesprochen schwierig.

Mit Vorträgen, Konferenzen oder Broschüren kommen Sie da nicht weit.

Das geht nicht über die Formen, in denen der deutsche Hochschullehrer sich klassischerweise vermittelt und auch der deutsche Hochschulstudent. Besser geht das über Peer Learning, ein Ansatz, bei dem beispielsweise Schüler anderen Schülern etwas erzählen. Sobald sie allerdings studieren, sind sie nicht mehr "Peers" bildungsferner Jugendlicher.

Sie forschen und lehren in einem Feld, das sehr mit der Politik verwoben ist, viel mehr als jede andere Geisteswissenschaft derzeit. Nervt Sie, dass Sie ständig auf gesellschaftspolitische Probleme angesprochen werden?

Auf der einen Seite bin ich natürlich irritiert, wenn ich mich an einem Tag über Henryk M. Broder, am nächsten Tag über Thilo Sarrazin und am dritten über Alice Schwarzer äußern soll, die nun alle keine Islamkenner sind, aber ganz laut feste und negative Meinungen über den Islam verkünden. Gleichzeitig beschäftige ich mich wissenschaftlich auch mit Gegenwartsfragen. Da ist es selbstverständlich, dass ich zu diesen befragt werde. Ich würde nur gern ab und zu auch über meine eigene Arbeit befragt - und nicht nur dazu, was andere sagen.

Woran hängt denn Ihr Herz?

Im Moment leider an keinem größeren Projekt, weil ich noch an einer Überblicksdarstellung arbeite, einer "Geschichte des Vorderen Orients und Nordafrika seit 1500" in der Neuauflage der Fischer Weltgeschichte. Die ist gerade auch für Schüler und Studierende gedacht.

Und was wäre Ihr Lieblingsprojekt?

Ich werde mich mittelfristig noch intensiver mit der islamischen Reformbewegung des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beschäftigen, die von einem Ende der islamischen Welt bis zum anderen gereicht hat und deren Gedanken, Aktionsformen und Organisationen noch heute vorhanden sind. Wir haben in arabischen Ländern, der Türkei oder auch Indonesien heute noch Gruppen, die eine islamische Ethik, eine islamische Zivilgesellschaft oder einen islamischen Kapitalismus propagieren. Sie fußen alle auf dem Reformgedanken. Es ist unglaublich spannend, wenn man ihn vertiefter und vergleichend darstellt.

Gab es für Sie so etwas wie eine Initialzündung zur Islamwissenschaft?

Die gab es nicht. Das war vielmehr ein langsamer Weg und der war nicht geradlinig: Ich habe mich als Kind, so ab 12, 13 leidenschaftlich für Geschichte interessiert und dann für Ägyptologie.

Wie muss ich mir das vorstellen? Während andere in Ihrem Alter in der Disko waren, haben Sie gelesen und Hieroglyphen abgemalt?

Ja, ich war die klassische Leseratte. Ich habe mit 14 das ägyptische Totenbuch gelesen - nicht gerade eine klassische Jugendlektüre.

Worum geht es da?

Das ist die Vorstellung vom Jenseits in der pharaonischen Tradition. Dazu musste ich eine Sondergenehmigung haben, um in die Erwachsenenabteilung der Landesbibliothek zu gelangen.

Sie sind also in Begleitung Ihrer Eltern da hingegangen?

Nein. Ich musste da nur vorsprechen und mit ernstem Gesicht sagen, dass ich das Buch lesen wollte. Dann haben die mich etwas schräg angeschaut und - es war ja nichts Gefährliches dabei - mich eingelassen. Wahrscheinlich haben sie eher den Kopf geschüttelt über diesen bizarren Wunsch.

Arabisch haben Sie auch gelernt. Wie alt waren Sie da?

Arabisch habe ich mit 15, 16 angefangen, danach mit Hebräisch. Zu der Zeit habe ich mich sehr für Sprachen interessiert, Russisch gelernt und Rätoromanisch.

Einfach so?

Einfach so, weil ich Lust dazu hatte. Wir hatten eine Klassenfahrt nach Südtirol vor, und ich dachte mir, jetzt schaue ich mir mal das Rätoromanische an. Es hätte auch Chinesisch sein können.

Sie hätten also auch Sinologie oder die Kultur der Mayas studieren können?

Nein, es hätten nicht die Maya und auch nicht die Chinesen oder die Japaner sein können, weil das für mich zu weit weg war. Mich sprechen auch die Maya-, Inka- und Aztekenbilder und -statuen einfach nicht an. Wohingegen die Architektur und die Bildzeugnisse aus dem islamischen Raum mich schon faszinieren.

Die Beschäftigung mit dem Islam hat für Sie also auch eine ästhetische Komponente?

Ja, ganz klar. Ich finde die mamlukische Architektur in Kairo oder die osmanischen Moscheen in Istanbul einfach großartig. Aber studieren wollte ich etwas, das anders ist, aber auch nicht vollkommen fremd, zu dem ich keine Beziehung habe. Chinesisch finde ich faszinierend, und ich finde auch die chinesische Kunst sehr, sehr schön. Aber ich habe nun mal keine emotionale Bindung.

Was ist denn aber bitte für uns Mitteleuropäer die emotionale Bindung zur arabischen Welt?

Es gibt so viel Austausch von der Spätantike über die frühe Neuzeit bis in die Moderne, ein Nebeneinander von Distanz und Nähe, das zugleich viel Reibung erzeugt, im positiven wie im negativen Sinne. Und das hat mich fasziniert.

Was meinen Sie mit Distanz und Nähe?

Nah sind sich im Kern die religiösen Vorstellungen, das Bild vom Menschen, der Schöpfung, einer persönlichen Verantwortung der Menschen für sich und ihre Umwelt, auch grundlegende ethische Regeln. Distanz schaffen zumindest heute Vorstellungen vom richtigen Geschlechterverhältnis, von persönlicher Freiheit, künstlerischer Freiheit, religiöser Freiheit und anderem mehr.

An Ihrem Institut lehren insgesamt vier Professorinnen und ein Professor. Das ist ungewöhnlich …

Fächer, die nicht zum Kernbestand des deutschen Bildungskanons zählen, wie die Islamwissenschaft, die Arabistik oder die Japanologie, haben generell eine etwas höhere Frauenquote als Geisteswissenschaften wie die Geschichte, Germanistik, Anglistik oder selbst Kunstgeschichte. Da ist der Kampf um Stellen so hoch, dass sich letztlich immer noch mehr Männer als Frauen durchsetzen. Bei uns hat es sich so ergeben, dass erst zwei Professorinnen da waren und dann drei, sodass sich vielleicht mehr Frauen angezogen fühlten.

Da wird die Frauenförderung zum Selbstläufer?

Ja, im Moment ist es so. Tatsächlich achten wir jetzt, weil es ja auch den Nachwuchs betrifft, darauf, dass wir auch Männer einstellen. Genauso wie ich ein reines Männerfach ablehne, fände ich eine reine Fraueneinrichtung merkwürdig.

Sie selbst sind seit 1996 Professorin an der Freien Universität. Nun haben Sie durch die Exzellenzinitiative Mittel für eine Graduiertenschule für muslimische Studien eingeworben. Damit stehen Sie finanziell ganz gut da. Und trotzdem haben Sie einen Brandbrief an den Finanz- und an den Bildungssenator unterzeichnet. Reicht Ihnen das Geld nicht?

Das Problem ist, dass die Grundfinanzierung der Universitäten durch die Exzellenzinitiative nicht gesichert wird. Wenn nun der Senator vorhat, die Grundfinanzierung an die Studierendenzahl und vor allem die Abschlüssen zu binden, die innerhalb der Regelstudienzeit vorliegen, dann ist das für kleinere Fächer ein Riesenproblem, weil wir in diesem Sinn keinen hohen Output erwirtschaften können. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum wir die Republik mit Islamwissenschaftlern überschwemmen sollten.

Was ist aus dem Brandbrief geworden?

Soweit ich sehe, gibt es durchaus Problembewusstsein, auch bei einem Senator und seinen Mitarbeitern. Die sind ja nicht blind. Aber an dem Modell der "ausstoßorientierten Grundfinanzierung" hat sich nichts geändert.

Also weiterkämpfen?

Ja, auf alle Fälle.

Haben Sie bei all dem eigentlich noch genügend Zeit für Ihre Forschung?

Nein, und das ärgert mich. Ich weiß, dass ich nur dann ordentlich denken und schreiben kann, wenn ich nicht wie ein Hamster im Rad trete. Und dieses Hamstermäßige wird uns aufgezwungen. Natürlich kann man vom Hochschullehrer erwarten, dass er oder sie ordentlich forscht und lehrt und über die gesellschaftliche Relevanz des Ganzen nachdenkt. Aber im Moment wird man ständig zur Rechenschaft, zur Neuinitiative, zur Drittmittelakquise und zur Lehrverbesserung getrieben, dass es diese Ruhe nicht mehr gibt, die man eben braucht.

 
23. 1. 2011

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