Funny van Dannen über sein Künstlerleben

"Was soll ich sagen? Es war Liebe"

Funny van Dannen schreibt, malt und singt. Ein Gespräch über Weihnachten, die Kleinfamilie und sein neues Best-of-Album, das er dem Mann vom T-Shirt-Stand zu verdanken hat.

Funny van Dannen: "Ich bin ein Kunstarbeiter und Glückskind." Bild: imago/christian thiel

taz: Herr van Dannen, was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Funny van Dannen: Ich wünsche mir wie immer nix und bekomme wie immer Poesiealben geschenkt, die ich dann wieder vollschreiben und vollzeichnen muss. Diese Kladden sind für mich das, was für andere Leute Socken und Krawatten sind.

Klingt nicht übertrieben materialistisch.

Stimmt. Wir sind in der Familie generell nicht so aufs Materielle aus. Das Schöne an Weihnachten ist, dass wir mal wieder alle zusammensitzen und einen schönen Abend haben, mit Tannenbaum, Krippe und allem Drum und Dran. Ich persönlich genieße an Weihnachten, dass das Arbeitsleben völlig zum Erliegen kommt. Ich habe oft schon Probleme, den Sonntag einzuhalten. Dabei finde ich dessen Abschaffung eine ungute Tendenz. Da bin ich ausnahmsweise mal auf der Seite der Kirche.

Woher kommt dieser Arbeitsdruck?

Als Arbeiterkind habe ich gelernt, dass man seine Tage nicht wie selbstverständlich in Muße verbringt. Dieses eingebaute Druckmittel spüre ich schon. Hinzu kommt, dass Arbeit mir Freude macht, eine Verlockung ist. Wenn ich am Wochenende eine Idee für ein Bild oder einen Song habe, fällt es mir schwer, bis Montag damit zu warten. Ich bin eben ein Kunstarbeiter.

Sie haben vier Kinder. Was wünschen die sich eigentlich?

Der Große möchte 'ne Kamera. Das fiel ihm aber auch erst nach längerem Nachdenken ein. Und unser Dritter hat ein Bett gekriegt, schon vor Weihnachten.

Foto: taz

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Leben: Jahrgang 1958, geboren und aufgewachsen als Franz-Josef Hagmanns-Dajka in Tüddern bei Sittard (damals NL), 1978 Umzug nach Berlin, wo er zum Werbegrafiker und zu Funny van Dannen wurde, verheiratet, vier Söhne.

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Singen: erste Auftritte mit einer Tanzkapelle sowie solo mit eigenen Liedern im Limburger Dialekt und als Heino-Parodist. Nach elf Alben seit 1995 veröffentlichte er im November das Live-Best-of "Meine vielleicht besten Lieder" mit Insiderhits wie "Nana Mouskouri" oder "Posex und Poesie".

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Schreiben: nicht nur hintersinnige Lieder (auch die Toten-Hosen-Hits "Bayern" und "Schön sein"), sondern auch ebensolche Bücher. Größter Erfolg: Platz 12 auf der Spiegel-Bestsellerliste für sein Sachbuch "Neues von Gott" 2005.

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Malen: Sein eigentliches Berufsziel Kunstmaler ist trotz zahlreicher Ausstellungen seit 1980 ein Hobby geblieben.

Machen die auch Musik?

Interessiert sind sie alle, ein Instrument spielt keiner, leider. Der Große macht HipHop, der Zweite die Beats dazu.

Hausmusik gibt es also keine?

Nicht wirklich. Früher habe ich immer gesungen, während der Weihnachtsmann die Geschenke gebracht hat.

Und heute, wo längst Amazon die Geschenke bringt?

Wenn, dann singe ich. Und die anderen singen mit. Ich hab noch ein altes Songbook aus meiner Tanzkapellenzeit, aus dem ich mich bei Bedarf bediene.

Sie sind bekennender Familienmensch - damit war nicht zu rechnen, als Sie 1978 aus dem Rheinland nach Berlin-Kreuzberg kamen, oder?

Ich hatte nie viel mit Plänen am Hut. Ich hatte nicht die Absicht, irgendwann mal Familie zu haben. Und dann hab ich meine Frau getroffen und sie nach sechs Wochen geheiratet. Nach ungefähr einem Jahr kam das erste Kind. Und es war schön und das ist es bis heute. Ich bin ein Glückskind. Was soll ich sagen? Liebe. Auch wenn ich aus einer Generation komme, die die Kleinfamilie sehr kritisch betrachtet hat, war die für mich nie das gesellschaftliche Grundübel. Für mich hatte sie immer eine Ankerfunktion.

Sie haben mal gesagt, dass es mit Ihren Platten so sei wie mit den Kindern: "Es war nicht geplant, dass da immer noch was nachkommt."

Wir haben bis zum Schluss gehofft, dass es auch mal ein Mädchen wird oder zumindest eine andere Haar- oder Augenfarbe. Es wurden aber immer blonde Jungs mit braunen Augen.

Was anderes können Sie beide offenbar nicht.

Ja, wir sind sehr einseitig (lacht). Dass wir nicht noch mehr Kinder bekommen haben, lag daran, dass wir so wenig Unterstützung hatten. Es war ja damals in der Kreuzberger Künstlerszene nicht so angesagt, Kinder zu haben. Zum Teil wurde man dafür sogar verachtet. Ich wurde nach jedem Kind abgeschrieben: Jetzt hat er ein Kind, jetzt hat er das zweite - na ja, jetzt kannste Funny ganz vergessen. Freunde hielten sich sehr damit zurück, sich als Babysitter anzubieten. Und wir hatten leider keine Großeltern in der Nähe. Das war schon ziemlich anstrengend.

Freuen Ihre Kinder sich auch auf Weihnachten mit Ihnen?

Glaube ich schon. Die mögen das auch, dieses Heimelige.

Studieren Ihre älteren Kinder eigentlich?

Nee, keiner. Eine akademische Laufbahn ist nicht so unser Fall.

Sie haben kurz vorm Abi die Schule abgebrochen. Sind Sie damit im Reinen oder wünschten Sie sich manchmal, durchgehalten zu haben?

Im Reinen bin ich mit der Entscheidung schon, aber ich hab mir manchmal natürlich trotzdem gewünscht, das Abi gemacht zu haben. Es ging aber nicht. Ein Lehrer, von dem ich annahm, dass er versteht, was mit mir los ist, hat mich menschlich dermaßen enttäuscht, dass ich spontan beschlossen habe, da nicht mehr hinzugehen. Den Triumph, vor ihm zu Kreuze zu kriechen, wollte ich dem einfach nicht gönnen.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Erstaunlich cool. Klar wollten sie eigentlich, dass der Junge mal studiert, aber sie hatten anscheinend genug Vertrauen in mich, dass ich schon meinen Weg finden würde. Manchmal versuche ich mir an der Großherzigkeit meiner Eltern ein Beispiel zu nehmen, wenn ich mit den Kindern einen Konflikt habe.

Können Ihre Eltern mit Ihrer Kunst was anfangen?

Mein Vater auf jeden Fall. Der hat selbst eine künstlerische Ader, ist im Grunde talentierter als ich. Der sieht wahrscheinlich auch einen Teil von sich in mir verwirklicht. Meine Mutter hielt meine Sachen zunächst für Quatsch. Als sie aber gesehen hat, dass manche Leute den Quatsch ganz okay finden, hat sie es akzeptiert.

Machen Sie Ihren Kindern Druck wegen ihrer Ausbildung?

Eigentlich nicht. Wir haben uns nur darum bemüht, dass sie ihre Hausaufgaben machen - das allein ist aber vor allem bei unserem Jüngsten ein hartes Stück Arbeit. Der ist erst 13, hat aber schon eine schwere Schullaufbahn hinter sich. Manche Lehrer sind einfach 'ne Katastrophe - eine Strafe für die Kinder und für mich. Ausgerechnet ich als Schulabbrecher bin durch die Kinder dazu verdammt, wahrscheinlich bis zum Rentenalter mit Schule zu tun zu haben.

Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft haben Sie eine Best-of-Platte veröffentlicht. Hat sich der Mann vom T-Shirt-Stand schon bei Ihnen bedankt?

Nee, noch nicht. Aber den treffe ich sicher bald mal wieder, den guten Detlef.

Eigentlich müssten eher Sie sich bei ihm bedanken. So eine galante Rechtfertigung einer Best-of-Platte hat man selten gehört. Klingt fast wie ausgedacht.

Es war aber tatsächlich so, dass er den Impuls für diese Platte gab, weil ihn immer wieder Konzertbesucher fragten, auf welchem Album denn nun dieses oder jenes Lied zu finden sei und er der ewigen Sucherei müde wurde. Von selbst hätte ich nie ein Best-of gemacht, weil ich immer viel zu sehr mit meinen neuen Sachen beschäftigt bin. Aber es war schön, sich die alten Sachen mit ein bisschen Abstand mal wieder anzuhören. "Als Willy Brandt Bundeskanzler war" etwa habe ich schon lange nicht mehr live gespielt. Manche Songs habe ich nur aufgenommen - und dann nie wieder gespielt. Reproduzieren ist nicht so meine Sache.

Mit dem Best-of und den Klassikern auf Ihren Konzerten geben Sie also vor allem dem Drängen Ihrer Fans nach.

Ja, man wird halt irgendwann notgedrungen zum Profi. Wobei ich eigentlich der Amateur an sich bin. Aber dadurch, dass man es eben doch beruflich macht, kommt man um manche Wiederholung nicht herum.

Wären Sie gern ein besserer Musiker?

Nö, diese Beschränktheit auf gewisse musikalische Module hat mich nie gestört. Ich sehe mich ja auch mehr in der Volksmusiktradition. Und Volksmusik braucht keine ausgefuchsten musikalischen Arrangements oder technische Finessen. Die muss direkt sein, einfach, ehrlich und klar.

Ärgert es Sie immer noch, dass Ihre Malerei am wenigsten Erfolg hat?

Ja, natürlich. Ich bin nicht besonders bühnengeil, könnte darauf auch mal eine Weile verzichten - wenn ich damit nicht mein Geld verdienen müsste. Und aus Gründen, die eigentlich nichts mit Kunst zu haben, ist es nicht dazu gekommen, dass die Sachen eine größere Wertschätzung erfahren haben.

Warum genau?

Weil ich es immer abgelehnt habe, mich als Mensch zu verkaufen. Ich bin nicht dazu bereit, mich auf diese Kunstbetriebsspielchen einzulassen, etwa mit Sammlern essen zu gehen. Ich möchte meine Kunst unter die Leute bringen. Ich als Künstler bin aber nicht für das Entertainment der Menschen zuständig. Ein gutes Bild oder ein guter Song sind Show genug. Ich hätte eine Platte mal fast "Showtime" genannt, ironischerweise. Aber dann wollte Rocko Schamoni seine Platte auch so nennen und dann habe ich meine eben "Uruguay" genannt.

 

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