Facebook führt Gesichtserkennung ein

Frau Aigner? Ach, schon ausgetreten!

Wir leben in einem Land, in dem Politiker stolz darauf sind, vom Netz keine Ahnung zu haben. Die Gesichtserkennung könnte da zu großen Problemen führen.

Gesichtserkennungsforschung am Karlsruher KIT beim Institut für Anthropomatik.  Bild: dpa

Die Erfahrung meiner Bekannten K mit dem Netz ist eine spezielle: Vor Jahren wurde sie von einem Voyeur nackt am Strand fotografiert, der Spanner lud die Bilder auf einer bekannten Seite für Voyeuristen hoch und vermutlich hätte niemand je Kenntnis davon erlangt, hätte K nicht wenig später eine Rolle in einer Daily Soap bekommen. Ein findiger Fan fügte den Bildern den Namen hinzu und so findet man bis heute, wenn man K googelt, als erstes jene alten Bilder vom Strand.

Der von Netzaffinen gern ins Spiel gebrachte Begriff Streisand-Effekt, der zur Folge hat, dass Mächtige, Reiche, mächtig Reiche oder reichlich Mächtige Informationen nicht mehr unterdrücken können, ist gar nicht mehr komisch, wenn er jemanden betrifft, der nicht ein Heer von Anwälten beschäftigen kann.

Nun führt also Facebook die automatische Gesichtserkennung ein. Gesichter werden auf Bildern, die der Nutzer hochlädt, erkannt, so dass der Prozess des Taggens abgekürzt wird. Das klingt nach Minority Report, soll aber tatsächlich funktionieren. Zukunftsmusik läuft längst schon im Radio.

Muss ich jetzt meinen nächsten FKK-Urlaub absagen? Hilft die Bundesregierung? Man kann sich die Hysterie in einem Land, das wochenlang über Bilder von Häusern debattiert, lebhaft vorstellen. Politiker, die es gewohnt sind, in den Wahlkämpfen Zukunft zu versprechen, tun sich schwer mit der Erkenntnis, dass Zukunft einfach so stattfindet. Manchmal wird sie gar von Unternehmen, deren Sitz in einem befriendeten Land ist, gestaltet.

Was machen sie also? Sie regen sich auf. Ilse Aigner, Verbraucherschutzministern und gelernte Elektrotechnikerin, sah sich schon zu Jahresbeginn gezwungen, aus Facebook auszutreten.

So bekommt sie die neueste Entwicklung vermutlich nicht einmal mit. Der Bundesregierung geht es mit dem Netz so wie es einem Diplom-Forstwirt mit dem Amazonas-Dschungel erginge: "Ist ja ganz nett, aber ist das nicht alles ein bisschen viel und unübersichtlich? Hat das Faultier eine Rumhänggenehmigung, verstößt die Vogelspinne nicht gegen das Netzbauverbot und wie können wir das Schlingpflanzenänderungsgesetz in Einklang bringen mit der Lianenverlängerungsverordnung?"

Wer zu spät kommt, den bestraft der Dschungel, und Amazonien oder das Großreich Facebook sind vergleichsweise eingehegte Bereiche. Was passiert, wenn die CSU merkt, dass es 4chan gibt?

Es bräuchte eine hochkompetente Netzpolitik, die Ministerien müssten mehr wissen über die technischen Entwicklungen als ich oder der Blogger von nebenan, sie werden aber nicht bloß überrascht, sie merken es erst, wenn meine Oma es in der Zeitung gelesen hat und ihren lokalen Bundestagsabgeordneten darauf anspricht, der in prompter Reaktion einen Brief an das nächste nicht zuständige Ministerium schreibt.

Die Alternative zum demonstrativen Austritt ist das Selber-Schuld-Prinzip. Nutzer seien doch selber Schuld, wenn sie Twitter, Facebook oder die Angeber-Anwendung Blippy nutzen, bei der man seine Kreditkartenabrechnung online stellen kann.

Und überhaupt! Wie kann man etwas gegen Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung haben, wenn man doch ein Blog betreibt und alle Leute wissen können, wie man das neue Scooter-Album findet? Ganz einfach: Deutschland kann man nicht nicht nutzen, man ist User vom ersten Tag an. Die Facebook-Mitgliedschaft ist freiwillig. Und Mark Zuckerberg hat keine Wasserwerfer.

Wir leben in einem Land, in dem Politiker stolz darauf sind, vom Netz keine Ahnung zu haben. Die Forschungsetats, die es in Deutschland für das Internet gibt, würden gerade mal reichen, um in der Facebook-Kantine für eine Woche Bio-Schawarma anzubieten.

Nicht Angst, Kompetenz ist die Lösung. Damit Sie auch morgen noch fröhlich nackt baden können.

 

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