Gedenken an Maueropfer

Nichts wird vergessen in Hohen Neuendorf

Der Stadtrat von Hohen Neuendorf hat einen kleinen Platz nach einem Maueropfer benannt - und damit einen Riesenkrach ausgelöst. Vor allem die Tante von Marienetta Jirkowsky will die Familiengeschichte nicht in die Öffentlichkeit gezerrt sehen.

Drei junge Menschen gehen entlang der Bahngleise in Hohen Neuendorf, eine Kleinstadt nordöstlich von Berlin. Es ist kurz nach 3 Uhr früh, am 22. November 1980. Auf einem Grundstück gleich neben der Grenzmauer klauen sie Leitern. Falko Vogt, 19, Peter Wiesner, 24, und Marienetta Jirkowsky, 18, wollen nach West-Berlin fliehen. Sie klettern über die erste Mauer und schleichen durch den Todesstreifen. Die zwei Männer sind bereits über der zweiten Mauer, als die junge Frau den Sicherheitsalarm auslöst. Die Grenzer schießen 27 Mal auf sie. Sie wird ins Krankenhaus von Hennigsdorf gebracht, wo sie am selben Tag stirbt.

An der Stelle, wo Jirkowsky erschossen wurde, steht heute ein Denkmal: vier schmale Stelen, die mit einem kurzen Text und Bildern an die Flucht erinnern. Seit dem 13. August gibt es auch einen Marienetta-Jirkowsky-Platz in Hohen Neuendorf. Die Idee, den neu entstandenen Kreisverkehr nach dem Maueropfer zu benennen, entstand rund um die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls vor einem Jahr.

Um die drei Namensschilder für den winzigen Kreisverkehr an der Bundesstraße B96 entbrannte im Stadtrat von Hohen Neuendorf ein erbitterter Streit. Als die SPD-Verordneten den Antrag auf Umbenennung stellte, erklärte der linke Stadtverordnete Marian Przybilla, das sei unmöglich, die Angehörigen seien dagegen. Sie würden diese alte Geschichte als reine private Angelegenheit betrachteten. In den darauffolgenden Wochen wurde die Frage wiederholt diskutiert, die Streitparteien warfen sich gegenseitig Ignoranz, Geschichtsklitterung und Rücksichtslosigkeit vor. Der Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung (Linkspartei) sagt, er sei über den emotionalen Ton der Debatte überrascht gewesen.

Die SPD-Stadtverordneten beharrten auf ihrem Standpunkt, dass eine Befürwortung der Familie zu der Umbenennung nicht notwendig war. Der Bürgermeister bat die Verwandten trotzdem um Zustimmung. Bärbel Kultur, eine von Marienetta Jirkowskys Tanten, antwortete in Namen aller Hinterbliebenen. In ihrem Brief forderte sie die Stadtverordneten auf, den Platz nicht nach ihrer Nichte zu benennen, da dies nur an die "Familientragödie" erinnere.

Marienetta Jirkowsky wuchs in Spreenhagen auf, seit 1979 lebte sie im Fürstenwalder Wohnheim, wo sie eine Lehre für Textilverarbeitung begann. Dort lernte sie Peter Wiesner kennen, die beiden verliebten sich. Doch die Familie akzeptierte die Beziehung nicht und versuchte die beiden mit Hilfe der Polizei auseinander zu bringen. Mit einem gemeinsamen Freund, Falko Vogt, unternahmen sie den Fluchtversuch, als Marienetta volljährig geworden war. Nach dem Tod des Mädchens habe die Stasi ihren Eltern eingeredet, dass sich ihre Tochter mit Kriminellen eingelassen habe, erzählt der Politikwissenschaftler Stefan Appelius, der den Fall für ein Buch recherchiert hat.

Kultus behauptet in ihrem Brief, die inzwischen verstorbenen Eltern wünschten das "Recht zum Schutz der Persönlichkeit und der Privatsphäre auch nach dem Tod" der Tochter zu respektieren. Auch für sie, die Tante, sei mit der geplanten Benennung "Anstand und Würde auf der Strecke geblieben". Daraufhin fordert der Bürgermeister von den Stadtverordneten, den Beschluss rückgängig zu machen. "Es war für mich die Anerkennung der Meinung der nächsten Verwandten und ich wollte diese respektieren. Dazu stehe ich weiterhin" sagt er.

Die SPD-Verordneten dagegen betrachteten den Tod der jungen Frau als Symbol für alle Maueropfer. Es wurde erneut abgestimmt, die Umbenennung blieb. Daraufhin schrieb Bärbel Kultus zwei lokalen Zeitungen an, es folgen Artikel und Interviews. Die Tante erklärte in der Superillu, dass "es doch kein Verdienst ist, an der Mauer erschossen worden zu sein".

Der vehemente Einsatz der Tante habe wohl auch mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun, vermutet Appelius. Sie sei nämlich Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen. "Das frühere SED-Mitglied Bärbel Kultus war einmal Kommunalpolitikerin. Davon erzählte Tante Bärbel den Journalisten allerdings nichts. Kein Wort auch davon, dass sie selbst seit 1970 beim Staatssicherheitsdienst der DDR (MfS) registriert war" schreibt er auf Spiegel online über "GMS Bärbel".

Aber auch die DDR-Vergangenheit der Tante erklärt alleine nicht das zurückhaltende Verhalten der Familie. Viele Maueropfereltern würden die Ereignisse um den Tod ihrer Kinder lieber verdrängen, so Appelius. "Die Angehörigen konnten nicht öffentlich trauern, ihr Kind wurde als Verbrecher, als ,Grenzverletzer' bezeichnet," hat er festgestellt.

Im Fall von Marienetta Jirkowsky glaubt Appelius allerdings nicht, dass ihre Eltern die Umstände des Todes ihrer Tochter verdrängen wollten. Im Zuge seiner Recherchen habe er eine Berliner Kulturwissenschaftlerin getroffen, die auch diesen Fall erforschte und mit Marienettas Vater im Krankenhaus kurz vor seinem Tod gesprochen habe. "Ihr sagte er, dass er hoffe, dass seine Familie die Aufarbeitung der Geschichte seiner Tochter unterstützen werde", so der Politikwissenschaftler.

Den Stadtverordneten war die Zustimmung der Verwandtschaft am Ende egal: Eine Mehrheit votierte für den Marienetta-Jirkowsky-Platz, der am 13. August eingeweiht wurde. Viele Einwohner von Hohen Neuendorf kamen nicht zur Feier. Vergessen haben sie Marienetta trotzdem nicht. Ein ehemaliger Nachbar wohnt bis heute in dem Haus, wo vor 30 Jahren die drei jungen Leute die Leitern für ihre Flucht gestohlen haben. Auf den Tod der jungen Frau angesprochen, sagt er nur: "Für uns Grenzbewohner ist das bis heute eine Katastrophe!"

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