Regisseur Arslan über "Im Schatten"

"Der Kriminelle im Alltag"

Thomas Arslans neuer Film "Im Schatten" beobachtet, wie ein Mann aus dem Knast kommt und den nächsten Coup plant. Ein Gespräch mit dem Berliner Regisseur.

Regisseur Thomas Arslan: "Wo Kriminalfilm draufsteht, muss auch etwas Kriminalfilm drin sein." Bild: Reinhold Vorschneider (c) Schramm Film

taz: Herr Arslan, "Im Schatten" ist neben manch anderem der Versuch, etwas ganz anderes zu probieren als zuletzt im dialogreichen Familiendrama "Ferien": ein fast abstrakter Genrefilm. Die Geschichte eines Gangsters namens Trojan, der aus dem Knast kommt, Rechnungen offen hat und einen neuen Coup ausbaldowert. Wie kam es zu diesem Projekt? Verdankt es sich der Lust auf Abwechslung?

Thomas Arslan: Das sicher auch. Auf jeden Fall hatte ich einen Genre-, einen Kriminalfilm im Sinn. Ganz ursprünglich war die zentrale Figur ein Undercover-Polizist, der im Drogenmilieu ermittelt. Das hat mich dann aber immer weniger interessiert, weil einem bei den Undercover-Geschichten immer diese Identitätsfrage in die Quere kommt. Ich habe mit dem Buch völlig neu begonnen, und der Fokus hat sich dann hin zur Beschreibung der Existenz einer kriminellen Hauptfigur verschoben. Ich habe hierbei versucht, das, was sie tut, als Arbeit ernstzunehmen. Der Ausgangspunkt war: Wie könnte der Arbeitsalltag einer solchen Person aussehen?

Was sich als Bezug aufdrängt, sind die Filme von Jean-Pierre Melville mit ihren Einzelgängerfiguren, an die der von Misel Maticevic gespielte Trojan erinnert. War das ein wichtiger Einfluss?

geboren 1962, hat an der Berliner Filmhochschule DFFB studiert und fand neben StudienkollegInnen wie Angela Schanelec und Christian Petzold rasch als einer der wichtigen deutschen Autorenfilmer seiner Generation Anerkennung.

Der Festlegung auf das Kreuzberger deutsch-türkische Milieu seiner Filme "Geschwister" oder "Dealer" ist er spätestens mit dem Familiendrama "Ferien" entkommen.

"Im Schatten" fand bei der Berlinale in diesem Jahr auch bei der internationalen Kritik großen Anklang. Thomas Arslan hat eine Professur für "Narration in und mit technischen Bildmedien" an der Berliner Universität der Künste.

Ein Einfluss, ja sicher, ich schätze die Filme von Melville. Aber nur ein Einfluss unter vielen. Der Ansatz ist schon ein anderer - die Melville-Figuren sind stark überhöht, mythisiert geradezu. Mir ging es im Gegensatz darum, den Kriminellen im Alltag zu verankern. In den langen beschreibenden Sequenzen der Vorbereitung eines Überfalls, der Observierung, die es in "Im Schatten" gibt, da würde ich am ehesten eine Nähe sehen.

Da stellt sich allerdings gleich die Frage: Wie recherchiert man das? Welche Waffen? Wie hält man sie? Wie schießt man jemanden tot? Wie verfolgt man jemanden unauffällig? Man kennt das aus dem Kino und hat oft den Eindruck: Das Kino kennt das aus dem Kino. Wie fängt man das dann aber anders, von der Realität aus, an?

Ich habe recherchiert, allerdings nur das Nötigste. Ich habe keine Originalgangster getroffen. Das hatte ich schon bei "Dealer" probiert. Davon habe ich mir in diesem Fall nicht so viel versprochen, da die zum großen Teil auch nur das Kino nachmachen. Über die Polizei kommt man an manche Informationen, oft etwas verklausuliert, aber man begreift schnell, was sie eigentlich meinen. Über bestimmte Konkretheiten, zum Beispiel die Wahl der Waffen, das System von Geldtransporten, wie man eine Geldkassette öffnet, und über alles, was für die detaillierten Abläufe wichtig war, darüber habe ich mich schon informiert.

Wie sahen die Vorbereitung, die Arbeit mit Misel Maticevic aus, der die Figur in diesem anspruchsvollen Sinn verkörpern, ihr also einen Körper, Bewegungen, Blicke, Haltungen geben muss?

Wir haben in den Gesprächen im Vorfeld eher klar abgesteckt, was wir nicht wollten. Misel ist jemand, der nicht viel psychologisches Futter braucht, sondern sich sehr lustvoll aufs Konkrete stürzt und das dann von sich aus entwickelt: Wie man eine Tasche vom Bett aufnimmt, wie man eine Waffe hineinlegt, damit das als Bewegungsablauf etwas Organisches bekommt. Misel wollte auch keine einschlägigen Filme zur Vorbereitung sehen, weil ihn das, wie er meinte, zu sehr beeinflusst hätte. Bücher waren okay, ich habe ihm da eine kleine Liste gemacht, einiges davon hat er gelesen.

Was stand denn auf der Bücherliste?

Geschichten um einzelgängerische Kriminelle, zum Beispiel. Romane von Richard Stark, Gary Disher und - vielleicht am wenigsten bekannt - Dan J. Marlowes großartiger Roman "Das Spiel heißt Tod" aus den Sechzigern. Das sind alles Sachen, die ich sehr mag.

Auch Christian Petzold und Benjamin Heisenberg, exponierte Vertreter des deutschen Autorenfilms, haben zuletzt Filme mit starkem Bezug aufs Kriminalgenre gemacht. Das ist so auffällig, als Tendenz geradezu, dass man sich fragt, wie das kommt. Was finden die deutschen Autorenfilmer plötzlich - oder nicht so plötzlich - am Genre? Oder ist diese Häufung doch einfach Zufall?

Ich glaube nicht an die Vorstellung, dass in Filmen, die abseits des Genres angesiedelt sind, die filmische Wahrheit zwangsläufig größer ist. Genre im konkreten Sinn bedeutet für mich, dass man die "reine Autorenschaft" einmal hinter sich lassen kann; dass man nicht eine ganze Welt aus sich schöpfen und selbst bauen muss. Das war für mich eine Wohltat. Beim Genre arbeitet man mit präexistenten Mustern. Die Herausforderung besteht dann darin, diese Muster wieder zum Klingen zu bringen. Ich wollte das Genre ernst nehmen, auch meine Faszination daran. Allerdings ist mir das Kino, das nur noch mit dem Kino kommuniziert, zu wenig. Ich denke, dass sich auch über das Genre ein Fenster zur Welt öffnen lässt. Daher spielt das Konkrete der Stadt, ihre Topografie, eine wichtige Rolle in dem Film. Warum wieder mehr Genrefilme gemacht werden, dazu habe ich keine Theorie. Für mich ist es wichtig, mich nicht vorschnell in etwas einzurichten oder einzuschließen. Auch nicht im allzu Persönlichen. In dieser Hinsicht ist für mich auch das Genre eine Option.

Zwei der stärksten Szenen sind die Mordszenen. Eine ansatzlose Vollstreckung zum einen, im anderen Fall ein Schuss, ganz undramatisch, das Opfer liegt da und lebt und spricht weiter, bis es dann tot ist. Das ist ein sehr spezifischer Umgang mit dem Genreelement Gewalt, weder eine Verharmlosung noch eine Überhöhung.

Wo Kriminalfilm draufsteht, muss auch etwas Kriminalfilm drin sein. Dazu gehört auch die Darstellung der Gewalt, die ein Teil des Umfeldes der Figuren ist. Mir war es wichtig, das knapp und der Härte des Moments entsprechend zu zeigen. Ohne große Stilisierung, ohne unnötige Lust daran. In der ersten Mordszene zum Beispiel schien es mir daher richtiger, das aus der Distanz zu filmen, weil es dadurch eine unangenehme Normalität bekommt.

"Im Schatten" ist, wie Sie sagen, zugleich ein Stadtfilm, ein Berlinfilm. Mit der ersten Einstellung als klarer Setzung. Sie zeigt die Mitte der Stadt, die Friedrichstraße, aber durch eine Fensterscheibe, mit Lichtbrechungen und Spiegelungen. Es ist, als würde diese Einstellung sagen: Ich bin inmitten der Stadt, aber ich stehe auch in einem gebrochenen Verhältnis dazu. Die Glasscheiben, die Spiegelungen sind ein Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht.

Die erste Einstellung war nicht geplant. Das waren nicht immer programmatische Entscheidungen. Bei allen Versuchen einer sorgfältigen Vorbereitung entsteht doch vieles unbewusst oder halbbewusst. Mit den Blicken durch Fenster verhält es sich ähnlich. Ich mache das nicht systematisch. Es scheint da eine Vorliebe dafür zu geben. Vielleicht weil der Film, anders, als man zunächst vielleicht denkt, eben nicht eine Kunst des Unmittelbaren ist.

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