Jugendforscher über Teenager und Pornos

"Liebende messen nicht nach"

Jungen Leuten den Porno-Konsum zu verbieten, zerstört mehr, als es hilft, sagt Jugendforscher Kurt Starke. Verbotspropheten und Heimlichtuerei verurteilt er.

Hygienemuseum Dresden: Kurt Starke erforscht seit Jahrzehnten die Jugend und ihre Sexualität.  Bild: sven döring

taz: Herr Starke, Sie untersuchen seit Jahrzehnten die Jugend und ihre Sexualität. Lange haben Sie am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung gelehrt. Jetzt wenden Sie sich in Ihrem aktuellsten Buch gegen das Pornografie-Verbot für Minderjährige. Wieso das?

Jeder Verbotsakt der Darstellung sexueller Inhalte ist eine Entmündigung von Jugendlichen, ganz eindeutig. Es kann schief gehen, sie können Pornofreaks werden, gibt’s alles. Aber das Gegenteil, alle in den sexuellen Maßregelvollzug zu nehmen, weil sie vielleicht Unsinn im Kopf haben, das halte ich für hochgefährlich. Wer das tut, versteht nichts – von Jugend, von Sexualität, von Menschlichkeit.

Das Verbot soll Kinder und Jugendliche schützen.

Ja, und das Volk applaudiert angeblich, wenn man die Maßnahmen verschärft. Aber vieles wird dadurch zerstört. Das Schlimmste, was man zerstören kann, ist das Selbstbewusstsein von jungen Leuten. Sie müssen ein positives Selbstwertgefühl entwickeln. Dazu gehört der Umgang in der Familie, in Bezug auf Liebe, auf Berührungen, und die ersten Partnererfahrungen. Wenn ein Mensch verliebt ist, wird er anders. Und wenn man ihm dieses Gefühl versaut, ist das schlimm. Alle diese Verbotspropheten schätzen Jugendliebe nicht. Die missachten Jugend. Die Leute haben Angst vor der Zukunft und sollen beruhigt werden. Also beschließt die Regierung immer strengere Gesetze, nicht nur gegen Pornografie.

Sie kritisieren das als Aktionismus?

Nicht mal als Aktionismus. Es ist gedankenloses Tun.

Aber geht es nicht wirklich um den Schutz der Kinder?

Wenn man seine Kinder vor Nacktheit schützt, kriegt man verklemmte Gesellen, die mit ihrer eigenen Sexualität nicht zurecht kommen. Da steckt viel der alten sexualfeindlichen Moral dahinter, die es seit 2.000 Jahren gibt. Umstellt von Verboten wachsen die auf und sollen eine fröhliche Sinnlichkeit gewinnen. Das kann doch nicht funktionieren.

Foto: taz

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Sie meinen, der natürliche Umgang geht so verloren.

Wenn Nacktheit in den Fokus gerückt wird, fangen sie an, sich zu schämen. Nacktheit wird zum Sonderfall, der hinterfragt werden muss, täglich, angesichts von riesigen Plakaten Halbnackter. Da entsteht eine ganz eigenartige Einstellung zur Nacktheit. Ich schaue an mir runter und sage: Meine Schamlippen sind zu groß, ich muss sie verkleinern lassen. Dann kommt die Polymedication, die alles als ein Schönheitsideal entindividualisiert und zum Standard macht.

Was also tun?

Man muss den jungen Mädchen sagen: Du bist schön. Weil du individuell bist und nicht Standard. Der Mensch darf seinen Körper nicht zum Instrument machen, das man einsetzt, bei einer Bewerbung etwa. Wenn man den Körper so verwendet, kann er auch bearbeitet werden. Das ist nur der nächste Schritt. Das ist aber ein sündhafter Umgang mit sich selbst, weil man sich von seinem Körper entfremdet. Sexualität ist manchmal die Möglichkeit zu sagen: Jetzt bin ich bloß ich und ich hab eben einen kleinen Busen. Liebende messen doch nicht mit dem Zentimetermaß. Die jungen Leute, können Gefühle entwickeln und die der Wirklichkeit entgegenstellen, obwohl sie von Werbebotschaften und Phantasmen der Erwachsenen umstellt sind.

Hat Ihr Sohn Pornografie konsumiert als Teenager?

Ich habe eine Wohnung voller einschlägiger Bücher, die kennen meine Kinder nicht, das interessiert die gar nicht. Vielleicht reden sie eher mit meiner Frau, wenn sie ein Problem haben. Die hat ihrem Fünfjährigen Sohn dann erklärt, wie das mit den Samenfäden funktioniert, mit der Eizelle. Kinder müssen so viel lernen. Das darf nicht sofort mit dem Ruch einer moralischen, sündhaften Handlung verbunden. Ob das Nacktheit ist, Zeugung, Küssen. Es ist ja nicht so, dass das für Kinder ein Problem ist. Es wird durch die Erwachsenen zum Problem, durch Heimlichtuerei.

Muss man nicht trotzdem Grenzen setzen?

Man kann natürlich nicht alles mit Kindern machen. Man kann mit Kindern nicht über sexuelle Gefühle reden. Man kann einem Kind nicht erklären, was ein Orgasmus ist, das muss es selber lernen. Aber man muss akzeptieren, dass das Kind eigene Gefühle hat.

Was haben Sie Ihren Kindern verboten?

Eigentlich nichts.

Gar nichts?

Unsere Kinder haben sehr wenig ferngesehen. Wir hatten lange keinen Fernseher. Das ist sehr heilsam. Jetzt kommen die Enkel und wollen Märchen sehen.

Da gab es schon eine Art von Verbot.

Klar, man kann Kindern bestimmte Dinge nicht erklären. Dass man Finger nicht in die Steckdose steckt. Kindern müssen Grenzen gesetzt werden, sonst gehen die kaputt.

Grenzen sind auch Liebe?

Grenzen gehören zur Gefahrenabwehr dazu. Aber bei der Sexualität ist das was anderes. Ich kann nicht eine Grenze dadurch setzen, dass ich verbiete und das als etwas Schlimmes darstelle. Natürlich braucht man eigene Räume. Wenn Eltern Sex haben, haben Kinder da nichts zu suchen. Dass man denen das zeigt, hat man vor dreißig Jahren mal gedacht, das ist Unsinn. Man kann seinem Sohn nicht die Selbstbefriedigung beibringen, das geht nicht, das ist Quatsch.

Zwei Menschen küssen sich, das ist ihre Sache. Da brauchen die auch keine Zuschauer. Es geht doch um das Verliebtsein. Früher sind die Leute für florentinische Küsse zum Tode verurteilt worden, weil das als sündig galt, weil sie mit Gefühlen verbunden sind. Der florentinische Kuss.

Wann war das?

Weiß ich nicht, vielleicht im Mittelalter. Kann man nachgucken, ich habe ein Lexikon der Erotik geschrieben, da steht alles drin.

Und wie sind Ihre Kinder aufgeklärt worden?

Eigentlich nicht. Gar nicht. Die Aufklärung beginnt bei null, bei der Geburt. Das Kind ist willkommen, dann nehme ich es in den Arm, akzeptiere die Gefühle, die es hat, gehe mit ihm Fußballspielen. Das ist alles Aufklärung. Dann mache ich keine Hehl daraus, wenn sie nackt rumlaufen. In der DDR waren die Doktorspiele nahezu ausgestorben.

Warum?

Ja, warum. Wenn die sich täglich erleben im Kindergarten, warum sollen die nachgucken, wie der andere aussieht? Genauso wie die passagere Jugendhomosexualität. Ich will das gar nicht verurteilen, aber wenn Jungs mit Mädchen aufwachsen, probieren die es eher mit den Mädchen aus. Auch diese Schwelle, dass Kinder die Omas und Opas als Nackte akzeptieren, das ist den Kindern in der klassischen bürgerlichen Welt ganz schwer zu vermitteln, das ist weg, wenn die am FKK-Strand aufwachsen. Da wissen die, dass die ganz anders aussehen die Alten. So sehen sie auch, dass ein Alter anders aussieht als ein Junger. Dann ist das okay, weiter ist da nix.

Im Osten gab es keine Porno-Sorgen?

Die Bedenken wegen der Jugendsexualität waren auch im Osten gewaltig. Man sorgte sich, ob sich Liebesbeziehungen ganz junger Leute negativ auswirken. Wir haben aber statistisch festgestellt, dass die, die früh verliebt sind, sich besser entwickeln, freundlicher sind, besser in der Schule. Natürlich nicht am nächsten Morgen in der Mathematikarbeit. Aber was ist eine Fünf in Mathe gegen den ersten Kuss. Heute fragen mich die Schüler der elften Klasse: Wie viel Zeit darf ich meinem Partner widmen? Die haben Angst, dass sie schlecht sind, weil sie Zeit mit ihrem Freund verbringen. Das ist doch krankhaft!

Naja, es ist ein bisschen traurig.

Die gelebte Wirklichkeit ist das stärkste Argument. Und wenn man die zur Kenntnis nimmt, wird man der größte Jugendfreund. Denn was machen die? Die küssen sich. Und dann probieren sie was sexuell aus, das ist doch herrlich. Und wenn das den Leuten ausgetrieben wird, wo soll man denn da hinkommen.

Sie sind ein großer Jugendfreund.

Ich habe ein Urvertrauen in die nachwachsende Generation, dass die mit den jetzigen Gegebenheiten umgehen können. Deswegen bin ich auch gegen Verbote. Weil ich denen was zutraue und weil ich von der Gesellschaft verlange, dass die Jugend eine Chance haben muss, sonst geht sie kaputt. Man muss die Gesellschaft danach abklopfen, ob sie liebesfreundlich ist. Und wenn sie es nicht ist, muss man das benennen. Und umdenken. Das ist genau der Punkt, wo man an den Kapitalismus stößt.

Wenn Menschen nur die Funktion einer schnellen Kapitalverwertung sind, macht sich der Kapitalismus selber kaputt. Soweit denke ich aber nicht. Ich denke an menschliches Zusammenleben und Gemeinschaft. Ich bin Soziologe. Ich bin als Intellektueller verpflichtet auf Widersprüche hinzuweisen, die gegen den Menschen gerichtet sind. Das ist meine verdammte Pflicht. Das machen sie als taz doch auch. Doch nicht einfach nur, damit sie verkaufen. Es gibt doch schon so etwas wie einen Ethos. Der aufklärerische Impetus, der dahinter steht: Man resigniert nicht, das ist doch ganz klar. Das ist wie in einer Beziehung. Wenn ich sage, mich küsst keiner, dann muss ich's mal selber versuchen.

 

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