Der Präsident, der Forscher und der Wulff

An der Universität Göttingen soll die weithin sichtbare Parteienforschung „ausgemerzt“ werden. Kein Beispiel mediokrer Sozialwissenschaft, sondern ein Lehrstück: Wie ein Bildungsföderalist vom Schlage Christian Wulffs den arglosen Unipräsidenten benutzt, um unbequeme Wissenschaftler abzusägen

Der Präsident hatte sich großes Publikum gewählt. Knapp 700 Universitätsangehörige saßen gespannt im Fakultätsrat. Sie wollten wissen, welche Rolle die Sozialwissenschaften im Eliteschaulauf der Uni Göttingen spielen sollen. Es geht dabei um 20 Millionen Euro jährlich, die vor allem der Bund in einzelne Spitzenunis investiert. Als Präsident Kurt von Figura auf seine fünf Politikprofessoren zu sprechen kam, wurde er deutlich. Die Politikwissenschaft setze keine Schwerpunkte, sie sei nicht entwicklungsfähig – und daher herunterzufahren. Man müsse solche „Schwachstellen ausmerzen“, sagte er wörtlich.

Wäre Kurt von Figura Minister, ginge es nun nur noch um eins: Rücktritt. Der Präsident, von Hause Biochemiker, hat vorvergangene Woche perfekt das Klischee des unpolitischen Naturwissenschaftlers erfüllt, der seine biologistischen Formeln nicht zügeln kann. Dabei zählt von Figura sich zur Elite. Er ist Spitzenforscher und war lange Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das konnte ihn nicht hindern, Kollegen im SS-Jargon zu denunzieren.

Die Wirkung der präsidialen Unworte ist noch gar nicht abzuschätzen. In der Göttinger Politik lehrt einer der wichtigsten Vertreter des arabisch-jüdischen Dialogs. Bassam Tibi, der sich gern historisierend als Semit bezeichnet, sieht sich nun mit der Sprache des Vernichtens konfrontiert. Tibi: „Ich hatte gedacht, das mit dem Ausmerzen sei endgültig vorbei in Deutschland.“ In der Beletage des Wissenschaftsmanagements offenbar nicht.

Die publizistische wie wissenschaftliche Community rätselt zugleich über das universitäre Konzept Kurt von Figuras. Die von ihm attackierte Politikwissenschaft hat sehr wohl einen Schwerpunkt, die Parteienforschung. Das Arbeitsgebiet macht einen Gutteil des Renommees der Göttinger Universität aus. Die „Göttinger Schule“ hat Format. Ihr wichtigster Vertreter, Franz Walter, ist so etwas wie der publizistische Star seiner Zunft.

Kaum ein Politologe im Land, der so geistreich über Parteien und ihre gewandelte Rolle in der Gesellschaft zu schreiben vermag. Walter gelingt es, in seinen Publikationen wie für die angesehensten Blätter des Landes untergründige tektonische Verschiebungen in der Parteienlandschaft sichtbar zu machen. Obendrein ist er ein Vielschreiber. Zöge man die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen heran, was in vielen Rankings üblich ist, würde der Uni-Präsident gegen Walter keine gute Figur abgeben.

Walter und die anderen Göttinger Politologen haben es sogar amtlich, dass sie in Niedersachsen die besten sind. 35 Prozent von ihnen forschen und publizieren auf sehr hohem Niveau, befand die wissenschaftliche Kommission Niedersachsens im März 2004. An der Uni Hannover, die vom Exitus der Göttinger Politik profitieren soll, sind es nicht halb so viele. Aber warum dann die Göttinger abwickeln?

Uraltes Missverständnis der Unikulturen

Kurt von Figuras Ansinnen wird gewiss bestärkt durch das uralte kulturelle Missverständnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern, das mit dem Programm für Eliteunis ein neues Gewand bekommen hat. Qualität bedeutet heute Cluster zu bilden, das ist die Konzentration wissenschaftlicher Exzellenz in Forschungsverbünden.

Der Leiter eines so genannten Sonderforschungsbereichs, wie von Figura es ist, lebt davon, möglichst viele handverlesene Wissenschaftler in und außerhalb der Uni in Projekten zu Clustern, zu bündeln – um eine kritische Masse zu erreichen. Diese forcierte Teamwork hebt Forschungsgruppenleiter wie von Figura dann aus der Science Community heraus. Seine Assistenten forschen – und von Figura setzt seinen Namen hinzu.

Auch die Bücher Franz Walters beruhen auf Forschungen ambitionierter Studenten und Doktoranden. Nur macht die Qualität seiner Aufsätze eben nicht allein das Bündeln erstklassiger Zuarbeiter aus, sondern etwas, was im Wertesystem des Göttinger Unichefs von Figura keine Rolle spielt: Die narrative und essayistische Potenz eines brillanten Autors wie Franz Walter.

Solche kulturellen Differenzen sind nicht neu, nur konnten sie unter den Bedingungen der Humboldt’schen Universität politisch keine Wirksamkeit entfalten, jedenfalls keine der Ausmerzung. In Niedersachsen allerdings, und nicht nur da, ist das anders, weil sich die Zeiten gewandelt haben. Göttingens Universität, die älter als ein Vierteljahrtausend ist, sieht sich eingeklemmt zwischen zwei widersprüchlichen Notwendigkeiten: dem Anspruch, höhere Weihen als Eliteuni ergattern zu müssen, um im Wettbewerb der Harvards, Oxfords und Zürichs mithalten zu können; und gleichzeitig der schieren Notwendigkeit, sich lokaler Sparmaßnahmen zu erwehren, um den Titel einer Universität mit vollem Fächerspektrum nicht zu gefährden.

Schuld daran ist in Niedersachsen die fortgesetzte Leerung der Landeskasse (auch durch Ministerpräsidenten wie Gerhard Schröder, SPD) und die bildungsföderalistische Grobheit des amtierenden MPs, Christian Wulff, CDU. Wulff kombiniert, seitdem er die Macht in Händen hält, die Strategie des Alleinvertretungsrechts des Landes für Schulen und Hochschulen – und deren radikale Kürzung. Wulff hat in der Science Community Berühmtheit dadurch erlangt, dass er Hochschulstandorten, auch solchen auf dem flachen Land, das Licht auszublasen bereit war. Das ist seine Unipolitik nach innen, verkauft als Hochschuloptimierung.

Der nette Schwiegersohn wird aggressiv

Nach außen fiel Wulff, der sonst das Netter-Schwiegersohn-Image pflegt, durch Aggressivität auf. Er verwehrt dem Bund jegliche Kompetenz für Schulen und Hochschulen, „weil die Länder sich nicht damit abfinden, Verwaltungsprovinzen zu werden“. Gleichzeitig blies er zum Generalangriff auf die Kultusministerkonferenz (KMK), gewissermaßen das Abstimmungsgremium der Provinzen. Wulff kürzte seine Zuschüsse an die KMK, deren Arbeitsfähigkeit gilt seitdem als eingeschränkt.

Beides abzulehnen, die Kompetenzen des Bundes wie Koordinierung unter den Ländern, ist widersinnig. Denn das Zurückweisen der Zentralgewalt im Bundesstaat erfordert eben mehr Verantwortung und Kooperation der Länder, aber nicht weniger. Innerhalb seines Landes verschafft sich Christian Wullf dadurch freilich Spielräume. Er versucht sie zu nutzen – zum Beispiel, um missliebige Wissenschaften durch naive Unipräsidenten abzusägen.

Für Wulff muss der Politikwissenschaftler Franz Walter keine wissenschaftliche Größe sein, sondern schlicht ein unbequemer Autor. Der Landesvater liest viel lieber den Spezialisten für Parteienfinanzierung, den Juristen Jörn Ipsen, der häufig als Gutachter für die Landesregierung tätig ist. Der Osnabrücker solle deswegen „als Gegenentwurf zu den Wahlanalysten“ wie dem Göttinger Franz Walter oder dem Mainzer Jürgen Falter aufgebaut werden. So heißt es im Rundblick, einem Periodikum von Parlamentsberichterstattern. Die Zuschüsse für Osnabrück sollten bald erhöht werden, heißt es.

Bei den Kürzungen in der Göttinger Politologie darf der Ministerpräsident aber nicht in Erscheinung treten. Denn anders als Georg August, Hannover’scher Herrscher, englischer König und Gründer der Universität Göttingen, kann Christian Wulff in universitäre Angelegenheiten nicht hineinregieren. Braucht er auch gar nicht. Das erledigen die Mitarbeiter seines Wissenschaftsministers Lutz Stratmann (CDU) – und finanzieller Druck.

Der Deal wurde in den Büros des Wissenschaftsministers ausgehandelt. Anwesend waren Universitätspräsident Kurt von Figura, Stratmanns Staatssekretär und ein Beamter. Von Figura dürfte nochmals über den Ernst der finanziellen Lage informiert worden sein. Kürzungen von rund 12 Millionen Euro muss der Präsident erwirtschaften. Sodann interpretierte die Dreierrunde die Wissenschaftliche Kommission so um, dass die Hannoveraner Politologen zu stärken seien. (In dem Gutachten steht indes, dass allein die Göttinger Politologen das Potenzial für internationale Reputation besäßen.) Den Rest des Jobs, da lässt man im Ministerium keinen Zweifel, muss nun Präsident von Figura erledigen. Denn der sei ja, wird spitz betont, Chef einer autonomen Universität.

Das aber bedeutet: Der Fall Franz Walter ist in Wahrheit der Fall Christian Wulff. Und die unappetitlichen Ausfälle Kurt von Figuras sind nur die grobe Fassade, hinter der die Manöver in den Hinterzimmern des Wulff’schen Kleinstaats verdeckt werden.