Tschechischer Konservativen-Chef

Verbaler Amoklauf beim Fotoshooting

Zwei Monate vor der Wahl zieht ODS-Chef Mirek Topolánek in einem Interview über Regierungsmitglieder, Homosexuelle und Christen her. Parteikollegen fordern Konsequenzen.

Mirek Topolánek: "Einsperren und in den Arsch treten". Bild: ap

PRAG taz | Zwei Monate vor den tschechischen Parlamentswahlen ist dem Vorsitzenden der konservativen Bürgerpartei (ODS), Mirek Topolánek, ein bemerkenswerter Rundumschlag gelungen. In nur einem informellen Interview hat Topolánek es geschafft, den amtierenden Regierungschef, den Durchschittstschechen, Homosexuelle sowie Kirchgänger zu beleidigen.

Während eines Fotoshootings für das Schwulenmagazin Lui hat Topolánek erklärt, wie er die Welt sieht: "Was ist der gewöhnliche Tscheche […]? Schweinebraten/Knödel/Kraut und im Grunde genommen müsste man sie alle einsperren und in den Arsch treten", erklärte Topolánek, der sein Demokratieverständnis nach den Wahlen gerne wieder als Regierungschef unter Beweis stellen würde.

Unter Kirchgängern kann er wohl nicht mehr auf allzu viele Stimmen hoffen. Die seien eine verblödete Masse: "Das Christentum ist für mich eine Meinung. Die ersten Christen waren ohne Kirche, die Kirche hat sich dann dank verschiedener liturgischer …, dank Massenverdummung und Gehirnwäsche diese Leute und ihre Gehirne erobert", philosophierte Topolánek.

Auf die Frage, wie er Schwule charakterisieren würde, antwortete Topolánek ganz praktisch am Beispiel des homosexuellen Verkehrsministers Gustav Slamecka. "Wenn es wirklich hart auf hart geht, dann weicht er als Minister aus", sagte er. Ein noch größeres Weichei sei aber Ministerpräsident Jan Fischer. "Der ist ein Jude, der ist nicht schwul, der weicht noch früher aus. Aber das hängt mit seinem Charakter zusammen", erklärte Topolánek, dessen Regierung 2009 über ein Misstrauensvotum stürzte.

Ob der gesprächige Berufspolitiker noch einmal die Chance bekommt, eine Regierung zu bilden, ist nun fraglich. Seine Partei ist in der Wählergunst zu tief gesunken, um sich bei den Wahlen große Hoffnungen zu machen - was ohnehin ein Verdienst Topoláneks ist, um den sich hartnäckig Gerüchte von Korruption und Klientelismus ranken. Zudem mehren sich in der eigenen Partei Stimmen, die Topolánek gerne wieder dorthin zurückschicken würden, woher er vor knapp sieben Jahren kam: in die Wallachei, einen Zipfel im Nordosten Tschechiens.

Da hilft auch die eiligst verfasste Entschuldigung, die Topolánek veröffentlicht hat, wenig. Premysl Sobotka, Senatschef und ODS-Mitglied, forderte ihn gestern auf, von seinen politischen Ämtern zurückzutreten.

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