Mediale Räuberpistole

Ahmadinedschad doch kein Jude

Die Meldung einer britischen Zeitung, Irans Präsident Ahmadinedschad habe jüdische Wurzeln, ging um die Welt. Die Geschichte einer Zeitungs-Ente.

Wollte nicht "Teppichweber" heißen: Ahmadinedschad. Bild: dpa

DUBLIN taz | Der britische Daily Telegraph, wegen seiner politischen Ausrichtung auch als "Torygraph" bekannt, hält sich nach seiner "Enthüllung" vom vorigen Wochenende verdächtig bedeckt. Das Blatt hatte behauptet, es habe Beweise, dass der iranische Präsident und Israel-Hasser Mahmoud Ahmadinedschad früher Jude gewesen sei.

Den Beweise habe er selbst geliefert: Am 8. Mai 2009 habe er seinen Pass in die Kameras der Fotografen gehalten, als er sich im Innenministerium als Kandidat für die Wahlen registrieren ließ. Auf dem Dokument sei eine handschriftliche Notiz zu sehen, die zeige, dass der heutige Präsident mit vier Jahren seinen Namen geändert habe: Aus Mahmoud Sabourjian wurde Mahmoud Ahmadinedschad. Und Sabourjian sei ein jüdischer Name. Dass er einen anderen Namen angenommen habe, sei zwar bekannt gewesen, schreibt das Blatt, aber er habe nie seinen früheren Namen oder die Gründe für die Namensänderung preisgegeben.

Merkwürdig. Journalisten wird oft vorgeworfen, dass sich ihre Recherche auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia beschränke, aber die Telegraph-Autoren Damien McElroy und Ahmad Vahdat haben offensichtlich nicht mal das getan. Bei Wikipedia steht nämlich, dass Ahmadinedschad früher Sabourjian hieß und die Familie den Namen änderte, als sie nach Teheran zog, da der alte Name auf einen niedrigen sozialen Status hinwies. Sabourjian sei ein Name für Teppichfärber.

Der Telegraph behauptet hingegen, Sabourjian bedeute "Weber des Sabour", und Sabour sei der persische Name für das als Tallit bekannte Gebetstuch der Juden. Das Blatt zitiert einen "in London lebenden Experten für das iranische Judentum", dessen Name den Lesern allerdings verschwiegen wird. Er meint, dass Sabourjian ein weitbekannter jüdischer Name im Iran sei. Die Endung "jian" zeige, dass es sich um praktizierende Juden handle. Das Geschlecht Sabourjian, so die Autoren, erscheine gar in einem vom iranischen Innenministerium geführten Register, in dem jüdische Namen geführt werden.

Das erkläre Ahmadinedschads hasserfüllten Angriffe auf Israel, behauptet der Telegraph. "Jede Familie, die konvertiert, nimmt ihre neue Identität an, indem sie ihren alten Glauben verurteilt", zitiert das Blatt aus der amateurpsychologischen Analyse eines Ali Nourizadeh vom Zentrum für arabische und iranische Studien. "Indem er anti-israelische Statements von sich gibt, versucht er, jeden Verdacht einer jüdischen Verbindung zu zerstreuen. Er fühlt sich angreifbar in einer radikalen schiitischen Gesellschaft."

Die Geschichte des Telegraph ging um die Welt, die meisten Zeitungen übernahmen sie, ohne sie zu hinterfragen. Lediglich der Guardian wandte sich an Professor David Yeroshalmi, der im Gegensatz zum anonymen Telegraph-Experten tatsächlich Fachmann für das iranische Judentum ist. Er erklärt, dass das Wort "Sabour" weder in irgendeinem persischen jüdischen Dialekt "Gebetstuch" bedeute, noch dass Sabourjian ein jüdischer Name sei. "Viele muslimische Nachnamen enden ebenso", sagt Yeroshalmi.

Ahmadinedschads Vater Ahmad sei bereits ein gläubiger Schiit und Lehrer des Koran gewesen, lange bevor er seinen Namen änderte, schreibt der Guardian. In Aradan, seinem Heimatdorf, heiratete er Seyyede Khanom Sabourjian. Der Titel Seyyede bedeute, dass ihr Vater ein Nachkomme des Propheten Mohammed sei. Man muss in eine solche Familie hineingeboren werden, der Titel wird nicht verliehen, schon gar nicht an Konvertiten.

Seit dem Guardian-Artikel ist es still geworden um Ahmadinedschads jüdische Herkunft. Auch der Telegraph, der aus seinen "Enthüllungen" gerne Fortsetzungsgeschichten macht, schweigt inzwischen lieber zu dem Thema.

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