Ravindra Gujjula (SPD) will in den Bundestag

Inder an die Macht

In Altlandsberg kandidiert der indischstämmige Arzt Ravindra Gujjula für die SPD. An einen Exotenbonus glaubt er nicht.

Der Kandidat und sein Plakat Bild: dpa

Auf dem Gutshof von Altlandsberg, am östlichen Stadtrand Berlins, wird gefeiert. Das Spanferkel dreht sich am Spieß, das Bier strömt - und der Yogitee ebenfalls. Das brandenburgische Fest ist zugleich eine indische Hochzeit. Ravindra Gujjula hat in der DDR studiert, ist seit 25 Jahren Arzt in Altlandsberg und war hier lange Jahre Bürgermeister. Vor wenigen Wochen heiratete der 55-Jährige seine elf Jahre jüngere zweite Frau Gabi - unter freiem Himmel, in einer hinduistischen Zeremonie. Und alle durften kommen: 500 Menschen sitzen an einem lauen Sommerabend auf Bierbänken oder drängen sich vor dem farbenfrohen Altar.

Getraut wurden die Gujjulas, die im Juni bereits standesamtlich heirateten, von Priester Sreenivasa aus dem Sri-Ganesha-Tempel in Neukölln. Der Bräutigam in edlem Gewand mit Turban, die blonde Braut im kostbar bestickten Sari, so sitzt das Paar vor dem Altar und durchlebte ernst - wie es die Tradition verlangt - die einstündige Zeremonie. Geheiratet wird unter dem Schutz des Elefantengottes Ganesha. Der steht für gute Anfänge, für gutes Gelingen. Das passt zu einem Brautpaar - aber auch zu Ravindra Gujjulas politischen Ambitionen. Denn der Arzt will, nach einer halben Legislaturperiode als Nachrücker im Potsdamer Landtag, nun für die SPD in den Bundestag.

Auch wenn nirgends eine SPD-Fahne weht - die politische Hochzeit von Altlandsberg ist in gewisser Weise eine der bestbesuchten Wahlveranstaltungen der Sozialdemokraten im Land, mit viel Prominenz wie Ministerpräsident Matthias Platzeck, Fraktionschef Günter Baaske und Finanzminister Rainer Speer. Und sogar ein echter Elefant ist mit von der Partie - allerdings ein afrikanischer. Lokal- und Landespolitiker hatten das Tier aus einem in der Nähe gastierenden Zirkus ausgeliehen.

Gujjula tritt erstmals im Wahlkreis 60 (Märkisch-Oderland/Barnim II) für den Bundestag an. Platzeck lobt ihn als "exzellenten Gesundheits- und Sozialpolitiker" und dafür, dass er "am eigenen Beispiel weiß, was Integration heißt". Zudem war er schon einmal ein Medienstar: 1993 wurde er zum Bürgermeister von Altlandsberg gewählt und damit Deutschlands erster indischstämmiger Stadtchef - in einer Zeit, als Asylbewerberheime brannten und besonders in Brandenburg Übergriffe auf Ausländer zunahmen. Gegen die rechte Szene hat das Land seitdem viel getan, mit dem Ruf muss es aber immer noch fertigwerden. So sieht Platzeck die Feier auch als Beweis für ein weltoffenes Brandenburg: "Das ist eine Facette, die ist selten in unserem Land, aber schön, dass sie da ist."

Gujjula ist noch nie angegriffen worden, weiß aber, dass er für rechte Schläger ein potenzielles Ziel darstellt. Schließlich praktiziert er neben seiner politischen Karriere immer noch als Arzt und ist viel unterwegs: "Ich mache Tag und Nacht Hausbesuche. Wenn ich einen Anruf bekomme, nehme ich den Arztkoffer und fahre los, in alle Dörfer der Umgebung - mir ist bisher noch nichts passiert, und ich kann nicht dauernd daran denken, dass mir vielleicht etwas zustößt." Gujjula spricht sanft, mit indischer Sprachmelodie.

Platzeck schaut rüber zu Gujjula: "Ravindra sieht aus wie ein Maharadscha, das passt." Rein äußerlich hatte der Ministerpräsident recht. Im Landtag galt Gujjula indes als Hinterbänkler, der kaum Impulse setzen konnte. Aber vielleicht war die Brandenburger Bühne auch nicht die richtige. "Bei meinen Themen muss man Lösungen auf Bundesebene finden", sagt er, "das sind vor allem die Gesundheitspolitik, der Ärztemangel auf dem Land oder die Pharmalobby".

Auf Gujjulas Wahlkampfbus steht "Einer von hier - im Bundestag". Das klingt selbstbewusst und sicher. "Ich glaube nicht, dass meine Mitmenschen mich wie einen Exoten behandeln nach 35 Jahren in Deutschland, sondern die behandeln mich wie Ravindra Gujjula und als einen von ihnen." Aber wie sicher ist der Wahlkreis für die SPD? Erstmals könnte die Linke der Partei das Direktmandat wegnehmen und sich in einem Flächenland etablierten. Gujjulas Kontrahentin ist die Spitzenkandidatin der Linken, Dagmar Enkelmann, die sich siegessicher gibt. Obwohl sie privat gut miteinander klarkommen, hat sie etwas gegen öffentliche Hochzeiten, sagt sie: "Die Familie sollte etwas Privates sein. Ich könnte das nicht."

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