Ich habe mich dieser Figur sehr großzügig hingegeben

PANORAMA Nanouk Leopold, Regisseurin von „Boven is het stil“ („Oben ist es still“), im Gespräch über Hände, die Ambivalenz von Gemeinheit und die Notwendigkeit des Ausprobierens

INTERVIEW ENRICO IPPOLITO

taz: Frau Leopold, Hände scheinen sehr wichtig zu sein in Ihrem Film „Boven is het stil“ („Oben ist es still“). Was sagen Hände über einen Menschen aus?

Nanouk Leopold: Das hängt davon ab, was ein Mensch mit seinen Händen macht. Ob er in der Lage ist, jemand anderen anzufassen oder auch sich selbst. Ob Liebe oder Hass durch die Hände rinnt. Die Hauptfigur Helmer sagt im Film zu seinem Vater: „Du hast deine Hände nur zum Schlagen benutzt.“ Das ist traurig, denn es bedeutet, dass der Vater niemals geliebt hat und nie verstanden hat, wozu Hände fähig sein können. Für meine Hauptfigur sind Hände besonders wichtig. So schaut Helmer sich einmal die Hände des Milchfahrers genau an und fantasiert, was diese Hände mit ihm anstellen könnten. Weil er sich seine Gefühle aber nicht eingesteht, kann er diesen anderen Mann nur über seine Hände wahrnehmen.

Gerbrand Bakkers gleichnamiger, mit dem hochdotierten Dublin Literary Award ausgezeichneter Roman war die Vorlage zu Ihrem Film. Ihr Drehbuch liest sich aber sehr anders. Warum haben Sie so viel geändert?

Das Buch besteht zur Hälfte aus Rückblenden und spielt zur anderen Hälfte in der Gegenwart. Ich wollte aber nicht mit Rückblenden arbeiten – es wäre eine andere Art von Film geworden. Mein Film sollte nur im Hier und Jetzt spielen.

Was mochten Sie denn so sehr an dem Roman, dass Sie ihn dem Film überhaupt zugrunde gelegt haben?

Ich mochte vor allem die Hauptfigur Helmer. Er ist so humorvoll und gleichzeitig so in sich selbst eingeschlossen. Eine starke Persönlichkeit, die aber nicht weiß, wer sie wirklich ist und was sie mit dem Leben tun soll.

Helmer ist auf den ersten Blick kein netter Mensch. Er wirkt hart und brutal. Die Zuschauer kommen ihm im Film nur langsam näher.

Er ist vor allem sehr gemein zu seinem Vater. Am Anfang sympathisiert man als Zuschauer mit dem Vater und denkt: Der arme, alte Mann! Aber ich glaube, am Ende versteht man, dass Helmer ein sehr verletzlicher Mann ist, der immer vom Vater unterdrückt worden ist.

Was hat Sie an dieser Vater-Sohn-Geschichte so gereizt?

Dass sie sich verändert. Dass man merkt, was für eine Art Verstehen da zwischen den beiden ist und dass das ihrer Erfahrung von Liebe am nächsten kommt. Ich fand die Beziehung geradezu romantisch. Am Ende schafft es Helmer, sich zu befreien und eine eigenständige Person zu werden.

Der Film lässt einen mit einem Gefühl der Hoffnung zurück.

Ja, und das ist etwas ganz Neues für mich. Normalerweise drehe ich hoffnungslose Filme. Obwohl ich eigentlich jedes Mal versuche, eine Liebesgeschichte zu erzählen.

Konnten Sie vielleicht etwas optimistischer sein, weil Sie zum ersten Mal einen Mann als Hauptfigur gewählt haben?

Vielleicht ist es einfacher für mich, mit Männern sanfter zu sein. Ich habe mich sehr großzügig dieser Figur hingegeben. Schon das erste Bild ist ein Bild der Hoffnung. Wir sehen Natur und Vögel. Zwar sind die Blätter an den Bäumen tot, aber da ist trotzdem etwas Schönes und Barmherziges drin.

Sie haben eine sehr langsame Erzählweise gewählt …

… die für mich schon sehr schnell ist. Es ist mein bislang schnellster Film geworden. Aber es geht mir weiterhin um Details, ich möchte mit möglichst wenig Veränderung im Bild Dinge erzählen.

Was ist denn so wichtig an Details?

Ich weiß es nicht genau, aber es ist der einzige Weg, wirklich präzise zu sein.

Transportieren sich so auch Gefühle besser?

So bekomme ich einen gewissen Fokus. Helmer ist in jeder Einstellung zu sehen, aber sein Gesicht verrät lange nichts. Und dann kommt der Milchmann, und da ist etwas in seinem Gesicht. Was man aber nur sieht, weil sich vorher in seinem Gesicht für eine halbe Stunde nichts geregt hat.

Das ist vor allem Verdienst des Schauspielers Jeroen Willems.

Ja, ein sehr großes Talent. Leider ist er plötzlich verstorben.

Es gibt eine Szene, in der der Milchmann und Helmer über einen toten Kollegen sprechen, der kurz vor seiner Pension einen Herzinfarkt erlitten hat.

Der ganze Film handelt von Liebe und Tod. Es ist schon ein sehr seltsames Gefühl, dass Jeroen jetzt tot ist. Er hatte so große Angst vor dem Tod. Ich fand das ein wenig albern, weil er jung und hübsch war und in der Mitte seines Lebens stand – aber er hatte offenkundig Grund dafür.

Anderes Thema: In welcher Beziehung stehen Natur, Tiere und Menschen in Ihrem Film?

Der Bauer versucht, die Natur zu kontrollieren. Wir Menschen denken, dass wir die Natur verändern können. Und das Gleiche passiert auch mit Helmer. Er ist in seinen Fünfzigern und versucht, seine Natur zu bekämpfen, sollte sie aber anerkennen. Er liebt nun mal Männer.

Ihr Film ist auch politisch lesbar. In einer Szene kommt der Milchmann mit unerklärten Prellungen im Gesicht aus der Stadt zurück. Wurde er zusammengeschlagen?

Scheint so, ja. Er hat offenbar etwas probiert, und es ging schief. Manchmal ist es eben gefährlich, schwul zu sein – auch in einer großen Stadt.

Dabei geht es in Ihrem Film gar nicht vordergründig um das Thema Homosexualität.

Nein, es ist ein Film über Liebe, Freiheit und die Anerkennung dessen, was man ist. Individuelle Konflikte interessieren mich. Warum halten wir uns zurück? Wovor haben wir Angst? Vor dem Scheitern? Aber man stirbt nicht, wenn das passiert. Man muss Dinge probieren.

Sie haben diesen Film erstmalig ganz mit Handkamera gedreht. Wieso?

Ich wollte nach vier Filmen endlich die Kamera bewegen. Mein letzter Film war eine Art Endpunkt für mich. Jetzt wollte ich etwas Neues probieren. Dieser Film ist meine Befreiung als Filmemacherin.